Formel 1

Hübsch verpackte Formel-1-Lügen – gnadenlos entlarvt

Von - 30.11.2018 15:18

​Die Formel 1 kann eine verblüffende Mogelpackung sein: Viel Schein, wenig Sein. Die Saison durch haben uns Worthülsen treu begleitet, die schön verpackten Formel-1-Lügen werden gnadenlos entlarvt.

Es gab eine Zeit, da konnten wir zu einem Formel-1-Fahrer hingehen, einfach so, ihm eine Frage stellen, und wir haben tatsächlich so etwas wie eine brauchbare Antwort erhalten. Heute hetzen die meisten Piloten zwischen Box und Team-Gebäuden hin und her, um auch ja nicht von aufsässigen Berichterstattern angesprochen zu werden. Kimi Räikkönen nimmt schon mal das Handy ans Ohr, auch wenn überhaupt niemand dran ist. Funktioniert jedes Mal.

Wir leben stattdessen im Zeitalter der Medienverhinderer. Diese Damen und Herren haben (aus mir teilweise nicht nachvollziehbaren Gründen) die Arbeit eines Pressedelegierten erhalten, aber statt ihre Fahrer in die Auslage zu stellen, wird für sie geredet, oder sie zerren die bevormundeten Piloten gleich zum nächsten Termin weiter. Ab und an wird uns sogar gesagt, auf welche Fragen wir bitteschön verzichten wollen. So viel zur Pressefreiheit.

Unvergesslich die Szene, als ein GP-Sieger (dessen Name mir soeben entfallen ist) eine wirklich gute Antwort gab, und mittendrin meinte die schräg hinter ihm stehende Mediendame, ohne von ihrem Twitter-Getippe aufzublicken: «Noch EINE Frage, bitte.» Der Formel-1-Star drehte sich um und meinte mit hochgezogener Braue: «Hier entscheide immer noch ich, wie lange ich rede. Wenn’s recht ist.» Die Dame lief dunkelrot an und suchte verzweifelt am Boden nach einem Loch, das sich für sie auftun sollte.

So ungefähr mit Michael Schumacher begann das Zeitalter der Verschleierung. Auf Fragen nach Veränderungen der Abstimmung pflegte er zu sagen: «Hinten haben wir was verstellt.» – «Ja, schon, aber was, Michael?» – «An der Aufhängung.» – «Aha, und was an der Aufhängung?» – «Wir gingen mit den Dämpfern härter.» Also, geht doch, wieso nicht gleich?

Bei Michael galt gleichzeitig: Eine gute Frage erzeugte auch eine gute Antwort. Und der Rekord-Champion war geduldig genug, mit einem Medienvertreter behutsam umzugehen, wenn gleich offensichtlich wurde, dass der wohl an seinem ersten GP-Wochenende weilt. Das Gleiche gilt heute für Stars wie Lewis Hamilton und Daniel Ricciardo. Die haben Klasse!

Apropos erster Grand Prix: Ich mag mich an eine Kollegin erinnern, die kam nach Spa-Francorchamps, stellte sich in die würzige Luft der Ardennen und fragte dann allen Ernstes: «Wo ist jetzt diese berühmte O-Rusch?» Das wäre ungefähr, als würde ich nach Wimbledon reisen und nicht wissen, wo sich der Centre Court befindet. Wir hätten die Gute mit der schwarzen Flagge nach Hause winken sollen.

Aber ich schweife ab, zurück zu unseren Piloten. Bei Kimi Räikkönen habe ich immer im Verdacht, dass er uns alle durch den Kakao zieht. Dieses Genuschel, diese immer gleichen Sätze, diese Sonnenbrille. Ich höre, dass der Weltmeister von 2007 im privaten Kreis überaus lebendig wird, ganz normal sprechen kann und ständig Witze reisst (und gute obendrein). Zu seiner Ehrenrettung muss ich sagen: Erstens finden die Fans Kimi cool, genau so wie er sich gibt, «Iceman» ist eben Kult, und zweitens ist er im Laufe der letzten beiden Jahre merklich lockerer geworden.

Dennoch: Nach einem Qualifying ist es jeweils Zeit fürs beliebte Räikkönen-Bingo. Wie viele der üblichen Stehsätze wird Kimi dieses Mal wohl sagen sagen?

«Es war nicht einfach.» Bingo!

«Die Verhältnisse waren für alle gleich.» Bingo!

«Das Rennen ist morgen.» Bingo!

«Ich will gewinnen.» Bingo!

Vor dem Rennen: «Das wird ein langer Grand Prix.» Bingo!

Nach dem Rennen: «Ich bin enttäuscht.» Bingo!

Viele Fahrer und Teamchefs haben das Herunterbeten von Worthülsen zur Kunstform erhoben. Sie reden, aber sie sagen nichts. Einige geben an gewissen Tagen nur noch TV-Interviews, Zeitungs- und Internet-Journalisten gucken in die Röhre. Da hilft ein Medien-Communiqué des Rennstalls nicht die Bohne. «Heute war ein guter Tag», wird da einem Fahrer in den Mund gelegt, wo alle doch sehen konnten, dass er im Allgemeinen hinterherfährt und im Besonderen heute sein Auto in die Botanik gepfeffert hat.

Ein Motorschaden wird gern mal totgeschwiegen. Vielleicht merkt’s dann ja keiner!

Überhaupt: Welchen Nutzen hätte Mercedes davon, wenn Ferrari zugäbe, dass ein Fabrikationsfehler bei Gangrädern zu einem Getriebeschaden führte? Wird der Sauber vielleicht schneller, wenn Force India präzisieren würde, dass am Wagen von Sergio Pérez ein elektrischer Stecker abgefallen ist? Glaubt Renault, sie würden auch nur einen Wagen weniger verkaufen, wenn zugegeben wird, dass Nico Hülkenbergs Turbo geplatzt ist? Ich kenne keinen Menschen, der sagt: «Schon schade, das mit Nico in Brasilien. Jetzt kaufe ich mir eben doch einen Toyota.»

Schön auch, wenn den Medienvertretern vorgekäut wird, was sie eh schon wissen. Etwa bei Tests: «Fahrer XY ist heute 87 Runden gefahren und hat eine Bestzeit von 1:37,656 min erzielt.» Haben die Rennställe vielleicht das Gefühl, die Berichterstatter hätten dem Tag in einer Kneipe verbracht? Das wissen wir doch längst! Warum verrät man uns dann nicht auch gleich, dass auch heute der Himmel blau war oder die Reifen rund und schwarz und auf welcher Strecke wir uns eigentlich befunden haben?»

Am schlimmsten ist das Gesülze jeweils im Winter, und das wird auch in den kommenden Wochen und Monaten so werden – denken Sie von den ersten Präsentationen und dann bei den Wintertests an meine Worte. Alle verströmen immer verhaltenen Optimismus. Wer 2018 wenige Punkte holte, will 2018 regelmässig punkten. Wer 2018 regelmässig gepunktet hat, spricht von Podesträngen. Von Siegen traut sich abgesehen von Mercedes, Ferrari und Red Bull Racing freilich keiner zu reden. So blöde sind denn die Fans auch wieder nicht. Kein Wunder – seit 2013 und Kimi Räikkönen in Melbourne haben nur noch die drei Top-Teams gewonnen! Kimi sass damals in einem Lotus-Renault, und King Kong kletterte am Empire State Building hoch. Gut, das war jetzt ein wenig geschummelt, so lange ist Melbourne 2013 auch nicht her, aber es fühlt sich so an.

Oft faseln die Rennställe davon, dass es am folgenden Tag besser laufen soll. Stoppt die Druckpresse! Eine verblüffende Feststellung wäre mal, wenn jemand zugeben würde, dass am nächsten Tag erneut Kriechgang präsentiert wird. Das ist wie die Feststellung eines Rennfahrers, er werde «alles geben». Ja, um Himmels Willen! Bei flottem Jetset-Leben eines Millionärs und einem der geilsten Arbeitsplätze der Welt erwarte ich nichts Anderes. Oder er freue sich auf das folgende Rennwochenende. Das will ich doch schwer hoffen! Sonst hätte er den falschen Job. Auch hier würden wir nur aufhorchen, wenn einer mal ehrlich wäre: «Mir graut vor Monte Carlo. Die verdammten Leitschienen stehen so nah.»

Red Bull Racing hebt sich gerne ein wenig ab. Da darf es zwischendurch auch mal eine erfrischende Prise Selbstironie sein. Und so zogen sich die Engländer Anfang der Saison selber durch den Kakao, als uns übersetzt wurde, was die Teams uns jeweils mit gewissen Aussagen in Wahrheit mitteilen wollen.

Also dann.

«Der Wagen ist noch in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung.»
(Wir haben ein wirklich grottenschlechtes Auto gebaut und keine Ahnung, was wir damit anstellen sollen.)

«Wir hatten eine kleine technische Angelegenheit, die uns zwischendurch am Fahren gehindert hat.»
(Feuer! Feuer! Feuer! Alle Mann in Deckung!)

«Die Probleme haben uns an der Vorbereitung nicht gehindert.»
(Besser als jetzt wird es nicht mehr.)

«Die Zeiten von Freitag sind nicht aussagekräftig.»
(Die Zeiten sind überaus aussagekräftig, und am Samstag werden wir nicht über Quali 1 hinauskommen.)

«Das Feedback unseres neuen Fahrers XYZ ist exzellent.»
(Oh Gott, der Kerl ist nicht nur langsam, er ist auch noch blöde. Immerhin ist er reich.)

«Offenbar gibt es Raum für Verbesserungen.»
(Es gibt keine Chance auf Besserung.)

«Wir versuchen noch immer, die Reifen zu verstehen.»
(Wir verstehen die Reifen nicht und werden es auch nie.)

«Die Leistungsdichte im Mittelfeld ist sehr hoch.»
(Wir werden WM-Neunter.)

«Die Strecke von Melbourne ist nicht repräsentativ.»
(In Barcelona werden wir noch schlechter sein.)

«Heute war ein guter Tag.»
(Heute war ein grauenvoller Tag.)

Würden wir mal 24 Stunden lang in der Formel 1 nur ehrliche Aussagen hören, ich weiss, das wird nicht passieren, aber einfach so als Denkmodell – DAS wäre ein wahrhaft guter Tag.

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