Moto2

Romano Fenati: Warum er eine zweite Chance verdient

Von - 12.09.2018 14:03

Das Romano-Fenati-Bashing ist momentan groß in Mode. Der Italiener wurde für zwei Rennen suspendiert. Aber sobald er die Strafe abgesessen hat, sollte er wieder eine Chance bekommen. Wie jeder Übeltäter.

Noch einmal eine Story über Romano Fenati. Aber aus einem anderen Blickwinkel. Denn man muss einen 22-jährigen Sportler, der ohnehin am Boden liegt, dessen Karriere ein Scherbenhaufen ist, nicht unbedingt noch mit den Füssen treten.

Klar, was Romano Fenati am Sonntag während des Moto2-Rennen in Misano verbrochen hat, ist unentschuldbar. Beim italienischen Kalex-Fahrer aus dem Marinelli Rivacold Snipers-Team sind alle Sicherungen durchgebrannt.

Aber ich teile die Ansicht von Cal Crutchlow nicht, dass Romano Fenati für den Rest seines Lebens gesperrt werden soll.

Nicht einmal eine lebenslängliche Gefängnisstrafe nach einem Mord dauert bis ans Lebensende. Nach 15 Jahren sind viele Straftäter wieder auf freiem Fuß. Oder noch früher.

Selbst Valentino Rossi, der mit Schützling Fenati auch seinen Kummer hatte, bis er ihn beim Spielberg-GP 2016 fristlos rauswarf, zeigte sich zurückhaltend, auch wenn er die Tat seines ehemaligen Schützlings grob verurteilte. Aber Rossi gab zu bedenken: «Zum Glück ist niemand verletzt worden.»

Schlimm, Fenati hat sich von Stefano Manzi, mit dem er eigentlich 2019 bei MV Agusta fahren sollte, provozieren lassen.

Das ist schon anderen Spitzensportlerin widerfahren, als das Adrenalin heftig am Pulsieren war. Zinedine Zidane hat seinen Gegenspieler Marco Materazzi 2006 mit einem Kopfstoß niedergestreckt. Trotzdem ist der Franzose heute ein angesehener Fußballtrainer; er hat mit Real Madrid 2018 die Champions League gewonnen.

Mike Tyson hat seinem Gegner Evander Holyfield vor 12 Jahren sogar das halbe Ohr abgebissen. Der Kampf wurde nicht einmal sofort abgebrochen. Trotzdem wurde Tyson irgendwann rehabilitiert.

Auch der große Valentino Rossi hat sich 2015 beim Sepang-GP von Marc Márquez gewaltig provozieren lassen, als er ihn in den Dreck neben der Piste beförderte und ihn somit zu Sturz brachte.

Marc Márquez gilt als bester Motorradrennfahrer der Gegenwart. Aber sein Sündenregister ist eindrucksvoll. Er hat allein für seine Vergehen beim Argentinien-GP 2018 innerhalb von 40 Minuten drei Strafen bekommen!

Auch Lorenzo ist in seiner 250-ccm-Ära einmal für den Sepang-GP gesperrt worden. Aber nach der verbüßten Strafe durfte er natürlich wieder Rennen fahren.

Wir kennen Dutzende namhafte Rennradprofis, die betrogen und gedopt haben und nach einer Sperre von ein bis zwei Jahren wieder Wettkämpfe bestreiten durften.

Die meisten wollten ja auf Doping verzichten. «Aber dann sind mir die Gegner, die ich im Vorjahr auf jedem Berg um 10 oder 15 Minuten abgehängt habe, bergauf lachend davongefahren», schildern die Profis in ihren Biografien.

Die TV-Kameras sind überall dabei

Romano Fenati ist wahrlich kein sportliches Vorbild. Aber seine bisherigen Vergehen, die ihm jetzt an den Kopf geworfen werden, könnte man auch als Lausbubenstreiche abtun.

In Argentinien 2015 hat er bei einem Startversuch den Killschalter am Bike des Finnen Niklas Ajo betätigt. Eine Unsportlichkeit, ja.

Aber da sind früher viel schlimmere Geschichten passiert, über die keiner ein Wort verloren hat.

Phil Read hat 1975 vor dem Finnland-GP dem Deutschen Dieter Braun 25.000 Pfund angeboten, damit er seinen WM-Rivalen Agostini in Imatra von hinten in einer Spitzkehre von der Strecke rempelt, TV-Kameras existierten damals nicht. Konsequenzen gab es für Phil Read nie.

GP-Haudegen wie der fünffache 125-ccm-GP-Sieger Gustl Auinger und Eskil Suter erzählen, solche Aktionen wie von Fenati seien früher an der Tagesordnung gewesen. «Zu meiner Zeit waren ein Vergehen, wie wir es jetzt bei Fenati gesehen haben, Standard», sagt Suter. «Heute wird jede Szene durch die Kameras eingefangen. Deshalb gehen solche Manöver heute sicher nicht mehr.»

Jetzt will FIM-Präsident Vito Ippolito den Sünder ins Hauptquartier nach Mies in Genf einladen. Das wurde durch eine Pressemitteilung ausposaunt. Ich würde mich als GP-Funktionär lieber darum kümmern, dass Fenati den besten Sportpsychologen Italiens bekommt, der ihn wieder zur Besinnung bringt.

Das wäre eine sinnvollere, verantwortungsvollere und reizvollere Aufgabe als den Skandal weiter anzuheizen und noch eine weitere Strafe auszusprechen.

Die dafür zuständige Race-Direction hat Fenati für zwei Rennen gesperrt. Das ist die für den GP-Sport zuständige Instanz.

Im normalen Leben kann auch nicht irgendein unzuständiges Gericht einen bereits verurteilten Täter mit einer weiteren Strafe behelligen.

Vor einem Jahr stellten sich die FIM-Funktionäre noch alle brav neben Fenati aufs Podest und sonnten sich in seinen Erfolgen, als er Moto3-Vizeweltmeister wurde, drei Siege und fünf zweite Plätze eroberte.

Fenati braucht mentale Hilfe

Wenn ich im GP-Sport etwas zu reden hätte, würde ich mich bei Fenati erkundigen, vor welchem Rennfahrer oder Ex-Rennfahrer er den meisten Respekt hat. Dann würde ich ihn mit Uncini, Mamola, Schwantz, Rainey, Doohan oder sonst wen zusammenspannen und ihn wieder auf den Pfad der Tugend zurückführen. Er ist ja kein Schwerverbrecher. Er zeigt sich reumütig und will sogar mit dem Rennfahren aufhören.

Aber er ist für diesen Sport geboren!

Ja, Fenati wurde 2016 beim Österreich-GP aus dem SKY VR46-Team geworden. Damals zeigte er ein schlechtes Moto3-Qualifying, und Rossis Kumpel Uccio sagte ihm noch in der  Box: «Mit diesen Ergebnissen kannst du dir den Moto2-Aufstieg aus dem Kopf schlagen.»

Das hätte man am Abend nach dem Quali oder am Montag nach dem Weekend besser in Ruhe besprechen können. Jedenfalls schleuderte ihm Fenati seinen permanenten Ausweis ins Gesicht.

Fenati ging damals während seiner Zwangspause ins italienische Erdbebengebiet von Amatrice und half wochenlang bei den Aufräumarbeiten.

Für mich ist Fenati ein riesiges Talent mit einem offenbar fragwürdigen Umfeld. Ich erinnere mich an sein GP-Debüt in der Moto3-WM in Katar 2012. Er trug einen blütenweissen Helm ohne ein einziges Sponsorlogo. Die italienischen Reporter kannten alle seinen Namen nicht, als er bei seinem ersten WM-Lauf sensationell für das Team Italia Zweiter wurde. Und Romano hatte nicht einmal ein eigenes Handy. Ein Mechaniker lieh ihm sein Mobiltelefon, damit er die Familie daheim anrufen konnte. Fenati gewann dann bei seinem zweiten Grand Prix in Jerez mit 36,1 Sekunden Vorsprung – und war mit 16 Jahren WM-Leader.

Er hätte Italiens erster Weltmeister in der kleinsten Klasse werden können – seit Valentino Rossi 1997. Bis heute warten die Azzurri auf einen Nachfolger.

Einige Personen, die jetzt mit dem Finger auf Fenati zeigen, haben selber genug Dreck am Stecken. Forward-Teambesitzer Giovanni Cuzari saß im Juli 2015 im Tessin vier Wochen im Gefängnis. Er wurde im April 2017 vom Tribunale di Milano zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Immer wieder ist von unbezahlten Rechnungen zu hören.

Cuzaris neuer Partner, MV-Agusta-Chef Giovanni Castiglioni, hat sein Motorradwerk in den letzten 10 oder 15 Jahren mehrmals an den Rand der Insolvenz geführt. AMG Mercedes hat sich mit MV Agusta die Finger verbrannt und die 25 Prozent der Anteile wieder verkauft. Vor zwei, drei Jahren war von 70 Millionen Schulden die Rede.

Romano Fenati braucht Hilfe.

Und er verdient – meiner Meinung nach – eine zweite Chance.

Sobald die Sperre von zwei Rennen vorbei ist, sollte mit seiner Resozialisierung begonnen werden.

Als sich Rossi und Márquez 2017 in Malaysia beim «Sepang clash» wie die Gestörten benahmen, ging das GP-Leben nach der Strafe von Rossi für beide Übeltäter normal weiter.

Jorge Lorenzo hat damals auf dem Podest in Sepang den Daumen nach unten gestreckt – er wollte eine härtere Strafe für seinen Teamkollegen Rossi, obwohl ihm durch die Verbannung Rossis in die letzte Reihe in Valencia der WM-Titel auf dem Silbertablett serviert wurde.

Damals war Lorenzo fast 30 Jahre alt.

«Fenati bekam seine Strafe. Er muss zwei Rennen aussetzen. Wenn diese Strafe vorbei ist, sollte der Käse gegessen sein. Ob ihn dann wieder ein Team einstellt, ist dann Sache der Teams», sagt Motorradhersteller Eskil Suter.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

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Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte: Tiefer kann man nicht fallen. Romano Fenati nach einem Misano-Crash am Freitag © Fitti Weisse Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte: Tiefer kann man nicht fallen. Romano Fenati nach einem Misano-Crash am Freitag
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