Moto2

Marc vd Straten: Kein Frieden mit Teamchef Bartholemy

Von - 11.05.2019 08:35

Vor einem Jahr eskalierte der Streit zwischen Teambesitzer Marc van der Straten (VDS) und Teammanager Michael Bartholemy. Jetzt ist zu hören: Der Milliardär will seinen Ex-Teamchef bis aufs letzte Hemd klagen.

Vor einem Jahr drang beim Jerez-GP das tiefe Zerwürfnis zwischen Marc VDS-Teamprinzipal Michael Bartholemy und Teameigentümer Marc van der Straten erstmals an die Öffentlichkeit. Nach vielen gegenseitigen Schuldzuweisungen kam es beim Mugello-GFP zur endgültigen Trennung. Es war von einem schlimmen Vertrauensbruch die Rede, bereits beim Le-Mans-GP bekam Bartholemy am Freitag Boxenverbot. Es wurde viel Schmutzwäsche gewaschen. Bartholemy wurde vorgeworfen, er habe in seine eigene Tasche gewirtschaftet, das Team finanziell hintergangen und das Vertrauen des reichen Teameigentümers missbraucht.

Die von Bartholemy entlassene Teamkoordinatorin Marina Rossi habe dem 70-jährigen Bier-Milliardär van der Straten belastende Dokumente übergeben, sickerte vor einem Jahr durch. Die italienische Lebensgefährtin von Sam Lowes reiste dann mit dem belgischen Unternehmer zum Spanien-GP 2018. Konkrete Beweise wurden nie öffentlich auf den Tisch gelegt. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Doch von der Marc-VDS-Seite war zu hören, Bartholemy habe dem Belgier mitunter in englischer Sprache verfasste Verträge und Papiere zum Unterschreiben hingelegt, obwohl VDS dieser Sprache nicht mächtig ist. Er habe also quasi oft blind unterschrieben, von finanziellen Ungereimtheiten war die Rede.

Tatsache war: Bartholemy hatte in der Schweiz eine Firma namens MM Performance & Racing AG, Obstmarkt 1, CH-9100 Herisau gegründet. Herisau ist die Hauptstadt des Schweizer Kantons Appenzell Ausserrhoden, der nur 55.000 Einwohner zählt.

Mit dieser Firma hatte Bartholemy zwei von vier Fahrerverträgen (mit Joan Mir und Alex Márquez) abgeschlossen statt in seiner Eigenschaft als bezahlter Teamprinzipal mit der Rennfirma ‚Moto2 S.A.’ von van der Straten. Sogar die HRC-Leasingverträge für die RC213V-MotoGP-Maschinen von Morbidelli und Lüthi liefen über die Schweizer MM Performance & Racing AG. Sogar die beiden Moto2-Teamplätze gehörten 2019 der Bartholemy-Firma.

Ein Gericht in Karlsruhe erwirkte dann vor dem Frankreich-GP eine einstweilige Verfügung gegen Bartholemy, er durfte sich dem VDS-Team in Le Mans ab Freitag nicht mehr nähern. Van der Straten wurde vom Schweizer Rechtsanwalt Karim S. Ramadan von der Kanzlei Bonnant & Associés vertreten. Der Anwalt kam 2018 auch im Marc-VDS-Privatjet nach Le Mans.

Am Montag, 14. Mai, wenige Tage vor dem Le-Mans-GP, hätte es in Genf um 15.30 Uhr zu einem Meeting der Streitparteien kommen sollen, unter dem Vorsitz eines Bâtonniers, des Vorsitzenden der örtlichen Rechtsanwaltskammer. Dort sollten gerichtsfeste Beweise gegen Bartholemy auf den Tisch gelegt und eine außergerichtliche Einigung angestrebt werden. Danach sollte die Entmachtung oder Entlassung von Bartholemy als nächster Schritt erfolgen.

«Aber das Meeting wurde Freitagnacht abgesagt», wunderte Bartholemy damals. «Sonntagabend wurde mir noch einmal schriftlich mitgeteilt, dass ich nicht nach Genf kommen soll. Wahnsinn. Ich kann nicht beeinflussen, was manche Leute über mich sagen. Ich kann nur versichern: Ich habe keinen einzigen Fehler gemacht. Ich weiß nicht genau, was da abläuft. Vielleicht habe ich mich zu sehr um das Team und die Ergebnisse gekümmert und zu wenig darauf geachtet, wer im Team an meinem Stuhl sägt.»

Diese Aussage war wohl auf Marina Rossi gemünzt, die heute wieder bei Marc VDS als Teamkoordinatorin arbeitet.

Aber Bartholemy ahnte vor einem Jahr, dass seine Tage bei Marc VDS (er begann seine Aufgabe als Teamchef dort 2010) gezählt waren. «Mir ist in einem Schreiben mitgeteilt worden, dass mein Vertrag nicht gekündigt ist», verlautbarte Bartholemy vor dem Frankreich-GP 2018 gegenüber SPEEDWEEK.com.

Die Auseinandersetzung gipfelte darin, dass Marc van der Straten bei einem Gericht in Karlsruhe eine Einstweilige Verfügung erwirkte, die Michael Bartholemy für den Le Mans-GP 2018 ein rigoroses Boxenverbot auferlegte. Bei einem Zuwiderhandeln sollte er bis zu 250.000 Euro Strafe zahlen. So eine Verfügung kann vermutlich nicht ohne gerichtsverwertbare Dokumente erwirkt werden.

Bartholemy widersprach auch hier: «Man hat mir nur den Zutritt zum Startplatz am Sonntag beim GP von Frankreich untersagt.»

«Michael Bartholemy hatte keine Erlaubnis, die Marc VDS-Boxen in Le Mans zu betreten», versicherte hingegen Gianluca Montiron, der von van der Straten in Le Mans als Unterhändler und Troubleshooter eingesetzt wurde. «Die 250.000 Euro waren die maximale Strafe bei Missachtung dieser Einstweiligen Verfügung.»

Fünf Tage später bestätigte Bartholemy: «Ich wurde am Dienstag, 15. Mai, von den Rechtsanwälten von Herrn Marc van der Straten davon in Kenntnis gesetzt, dass der existierende Vertrag mit sofortiger Wirkung aufgelöst worden sei.»

Bartholemy hatte in Le Mans für Donnerstag, 17. Mai, um 15.30 Uhr eine Pressekonferenzgeplant. Er sagte sie kurzfristig um 14.06 Uhr desselben Tages ab. Die Nerven lagen blank. Dorna und IRTA wollten die Situation nicht weiter eskalieren lassen.

«Das war ein Scheißtag. Ich wollte die Pressekonferenz machen. Aber zu diesem Zeitpunkt war es bereits so, dass wir nur noch über die Anwälte kommuniziert haben», meinte Bartholemy später in Assen. «Vielleicht war ich damals auch zu blauäugig. Ich habe mir nichts vorzuwerfen.»

Am 19. Mai brachte Bartholemy erstmals eine Streitsumme von 10 bis 15 Millionen Euro ins Gespräch. «Beim Spanien-GP wurden unterschiedliche Summen genannt, die Vorwürfe reichten von 10 bis 15 Millionen», schrieb er in einem Statement. «Irgendjemand hat van der Straten etwas ins Ohr geflüstert, aber es wurden nie Beweise gefunden», sagt der ehemalige Teammanager.

Von Seiten Marc VDS wurde gegenüber der Öffentlichkeit nie eine Deliktsumme erwähnt.

«Am Ende hat Herr van der Straten nur Klarheit über Rechnungen verlangt, die insgesamt 24.000 Euro betrafen. Wir haben alle Details dazu geliefert», behauptete Bartholemy. Er hatte schon in Jerez vermutet, die Whistleblowerin sei die von ihm entlassene Teamkoordinatorin Marina Rossi, die damals ein Kind von Sam Lowes erwartete und als eine Art Kronzeugin auftrat.

Bartholemy versicherte später sogar, er habe seine Firma MM Performance & Racing AG in Herisau/Schweiz nur auf Verlangen von Teameigentümer van der Straten gegründet, der jetzt im Kanton Genf wohnt, dort womöglich der Pauschalbesteuerung unterliegt und deshalb keine Geschäfte in der Schweiz betreiben darf.

«Ich habe auch nie Fahrerverträge mit Alex Márquez und Joan Mir abgeschlossen. Ihre Verträge wurden mit der ‚Moto2 S.A.’ von van der Straten in Belgien gemacht. Die MMPR war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gegründet», versichert der Ex-Teammanager. Van der Straten widersprach auch hier.

Warum hat Bartholemy als angestellter Teammanager die MotoGP-Verträge mit der Honda Racing Corporation (HRC) mit seiner Schweizer Firma gemacht? «Diese Firma hat Sponsorgeld eingenommen und damit alle Rechnungen für die Rennaktivitäten bezahlt, die Gehälter, die Lieferanten, die Reisespesen», erklärte er.

Michael Bartholemy hatte einen Management-Vertrag mit Marc VDS bis Ende 2021, deshalb ließ er sich im Juni 2018 eine Abfindung bezahlen.

Den Vorwurf, er habe diesen Vertrag in Englisch abgefasst, obwohl VDS nur Französisch spricht, lässt er nicht gelten. «Wir haben alle Verträge seit Oktober 2009 auf Englisch gemacht», widersprach der Ex-Teamchef. «Wir haben jedes Jahr 50 bis 70 Verträge abgeschlossen, alle waren in englischer Sprache. Wir hatten 40 Mitarbeiter, dazu kamen die Fahrerverträge, die Vereinbarungen mit den Lieferanten und so weiter. Es gab niemals einen Vertrag in einer anderen Sprache als Englisch.»

Warum war in den Verträgen der Gerichtsstandort Deutschland vereinbart, obwohl van der Straten im Gegensatz zu Bartholemy nicht Deutsch spricht? «Wir wollten ein neutrales Land. Deshalb haben wir vom ersten Tag an Deutschland als Gerichtsstand gehabt», betont Bartholemy. «Das ist der einzige Grund für diese Entscheidung.»

Warum kam die abrupte Trennung, wenn es nie finanzielle Ungereimtheiten gab oder zumindest keine nachgewiesen werden konnten? Bartholemy hat darauf keine Antwort. «Keine Ahnung. Schade. Das war ein gutes, schönes Projekt.»

Nach dem Mugello-GP 2018 wurde Bartholemy in einem VDS-Statement reingewaschen. Von einer einvernehmlichen Trennung war die Rede. Das übliche BlaBla. Van der Straten musste gute Miene zum bösen Spiel machen, sonst wäre das Team mit mehr als 40 Leuten auf Grund der merkwürdigen Verträge der Schweizer Firma MM Performance & Racing AG stillgestanden.

Welche beruflichen Pläne hat Michael Bartholemy jetzt? «Ich weiß nicht, was ich in Zukunft machen werde. Ich habe keine Idee. Es rufen viele Leute an und machen Vorschläge. Aber ich will zuerst einmal abwarten.»

Natürlich würde Bartholemy gern Glauben machen, er habe im besten Einvernehmen bei VDS Abschied genommen. Die Enttäuschung sitzt tief.

In Grunde bezichtigt er die VDS-Mannschaft heute noch der Unwahrheit, was den Inhalt der Einstweiligen Verfügung betrifft.

Was treibt Bartholemy heute? Er organisiert die «Ostbelgien Classic», eine Gleichmäßigkeits-Rallye für historische Fahrzeuge, die Ende November über die Bühne gehen soll. Drei Tagesetappen über knapp 800 km sind geplant, durch Ostbelgien, die Niederlande, Deutschland und Luxemburg. Start/Ziel ist in Eupen.

Im Sommer 2018 kündigte Bartholemy an, er wolle 2020 mit einem neuen eigenen in die Moto2-WM zurückkehren. Sein Schützling Scott Redding (jetzt in der BSB) sollte 2019 vier Wildcard-Rennen fahren. Zu diesem Zeitpunkt stand aber längst fest, dass es 2019 keine Wildcards in der Moto2 geben wird. Triumph kann nicht genügend Motoren liefern.

Natürlich kann Bartholemy um einen Moto2-Startplatz ansuchen, aber er wird beim Selektions-Komitee abblitzen. Denn Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta ist verärgert, weil der Belgier Sponsor van der Straten verärgert und das VDS-MotoGP-Team quasi in die Luft gesprengt hat.

Stefan Prein, jahrelang Riding Coach von Bartholemys Gnaden und Hofnarr des VDS-Teams, gilt im GP-Paddock als «unerwünschte Person» und hat dort für den Rest seines Lebens Aufenthaltsverbot. Denn er wurde 2018 beim Spielberg-GP mit einem gefälschten MotoGP-Parkplatz-Schild erwischt und hat sich dann gegenüber den IRTA-Funktionären in eine Lügengeschichte verstrickt.

Marc van der Straten hat mit dem Fall Bartholemy noch nicht abgeschlossen. Er werde ihn bis ans Ende seiner Tage vor Gericht klagen und ihm das letzte Hemd ausziehen, bis der Schaden so weit wie möglich wieder gutgemacht sei, war beim Jerez-GP aus dem engsten VDS-Umfeld zu hören.

Wirtschaftlich war der von Bartholemy beförderte MotoGP-Einstieg des belgischen Privatteams sinnlos. Das Budget betrug danach von 2016 bis 2018 nicht weniger als 14,5 Millionen Euro. Das wesentlich erfolgreichere Moto2-Team verschlang mit ca. 2,5 Mio nur einen Bruchteil von dieser Summe.

Die Situation könnte noch unappetitlich werden. Der ehemalige Marc VDS-Moto3-Pilot Livio Loi lässt kein gutes Haar an Bartholemy, aus ihm spricht die pure Verachtung. Auch Scott Redding, jahrelang bei Marc VDS unter Vertrag, soll von seinem persönlichen Manager Bartholemy ziemlich geschröpft worden sein und trotz der langen GP-Karriere arm dran sein.

Übrigens: Marc VDS hat die beiden MotoGP-Startplätze nach der Saison 2018 zurückgelegt und konzentriert sich jetzt auf die Moto2-WM mit Alex Márquez und Xavi Vierge. Als neuer Teammanager wurde Ex-Rennfahrer Joan Olivé engagiert.

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