Moto2

KTM-Desaster: Wer baut jetzt ein neues Stahl-Chassis?

Von - 08.06.2019 15:06

Bei drei von sechs Moto2-Grand Prix kam 2019 keine KTM in die Top-Ten. Auch die dritte Chassis-Version entpuppte sich als Reinfall. Jetzt wird fieberhaft ein neuer Konstrukteur gesucht.

Der KTM-Vorstandsvorsitzende Stefan Pierer hat das Moto2-WM-Engagement gegenüber SPEEDWEEK.com schon beim Jerez-GP zur Chefsache erklärt. «Der Motor ist gegeben, die Elektronik und die Reifen auch und wir sind nicht in der Lage, ein konkurrenzfähiges Chassis zu bauen», platzte dem Steirer der Kragen. Nachsatz: «Das zipft mich an.»

Der Ärger des Firmenchefs ist nicht verwunderlich: KTM brachte in Doha/Katar keinen der neun Moto2-Fahrer in die Top-Ten, in Texas nicht einmal in die Top-15. Brad Binder testete das alte Chassis (Version 2) sogar zwischen Las Termas und Austin in Jerez. Pierer: «Das war Benzinverschwendung. Dieses Motorrad konnte man nicht mehr gesundtesten.»

Für Le Mans wurde in aller Eile die Chassis-Version 3 fertiggestellt für Brad Binder, Jorge Martin und Marco Bezzecchi.

Aber Binder sagte schon beim GP de France, der neue Rahmen sei vorne besser, aber hinten schlechter und instabiler. Deshalb sah er Schwarz für den Mugello-GP. Tatsächlich traf er dort als bester KTM-Fahrer mit Ach und Krach auf Platz 15 ein. Bezzecchi hat sein neues Chassis inzwischen in einen Totalschaden verwandelt.
Seltsam: In Las Termas brauste Binder auf Platz 5, in Jerez auf Platz 4. In Spanien fehlten ihm im Quali nur 0,3 sec auf die Bestzeit. «Unser Motorrad ist kein Pflug», stellte KTM-Motorsport-Direktor Pit Beirer damals fest.

Aber jetzt lässt sich das Thema nicht mehr schönreden. Brad Binder, 2016 Moto3-Weltmeister, 2018 dreifacher GP-Sieger und WM-Dritter, liegt nach 6 von 19 Rennen auf dem zehnten WM-Rang, 49 Punkte hinter Leader Baldassarri...

Der absolute Tiefpunkt: Im Qualifying 2 in Mugello war unter den besten 18 Fahrern nur eine KTM zu finden. Moto3-Weltmeister Jorge Martin fuhr vom zwölften Startplatz los, er lag 0,647 sec hinter Pole-Mann Marcel Schrötter. Der Bayer kann jeden Tag froh sein, im Juni 2018 beim Angebot von Red Bull KTM nicht schwach geworden zu sein. Auf der Kalex hat er 2019 schon drei Pole-Positions erobert und zwei Podestplätze (3. in Doha und 2. in Austin). KTM wartet 2019 noch auf den ersten Podestplatz.

KTM hat nach dem Jerez-Test-Desaster vom November den Projektleiter Raimund Mandl durch Kevin Ranner ersetzt, dessen zwei Stahlrahmen-Editionen aber keinen durchschlagenden Erfolg brachten. Für das neue KTM-Chassis, in Le Mans und Mugello eingesetzt, scheint eine steifere Schwinge entwickelt worden zu sein.

Deshalb wird jetzt fieberhaft nach neuen Lösungen gesucht. Ein Umstieg auf ein Alu-Chassis kommt nicht in Frage. «Stahl ist gesetzt», betont Pit Beirer.

«Stahlrahmen sind Teil der DNA von KTM. Das ist eine Religion für uns», sagt Stefan Pierer.

Doch KTM steht unter enormen Zeitdruck. Die Liste der wahren Chassis-Experten ist überschaubar. Kalex kommt wegen der Konkurrenz-Situation nicht in Frage. Der ehemalige FTR-Konstrukteur Mark Taylor ist nach dem FTR-Bankrott nicht mehr im Geschäft.

Doch bei KTM arbeitet im MotoGP-Werksteam seit einigen Jahren der Spanier Xavier Soldevila. Er hat bei FTR im Auftrag von Firmenchef Steve Bones für den schnellen Spanier Alex Debon 2010 eine Moto2-Maschine mit der Bezeichnung FTR M210 konstruiert. Debon setzte sie im spanischen Team Motor Sport 69 ein.

Dann konstruierte Soldevila bei FTR für die Saison 2012 ein Chassis für die Moto3-Honda-Teams, Maverick Viñales wurde damit beinahe Weltmeister.

Soldevila wäre eine naheliegende Lösung, denn KTM steht unter Druck der Teams, der Fahrer und von Partner Red Bull.

Alex Giussani hat für Suter Racing jahrelang die Moto2-Maschinen mit Alu-Chassis gebaut, 2011 und 2012 gewannen seine Fahrzeuge die Marken-WM, 2012 mit Marc Márquez auch die Moto2-Fahrer-WM.

Vor einem Jahr baute Giussani im Auftrag von MV Agusta bei Suter Industries in Turbenthal/CH den neuen Gitterrohrstahlrahmen, der jetzt von Aegerter und Manzi eingesetzt wird.

Das bedeutet: Ein namhafter und pfiffiger Konstrukteur kann mit Alu und Stahl-Konzepten umgehen. Und Giussani weiß: Das Stahlrahmen-Konzept kann durchaus erfolgreich sein – das hat KTM in der Moto2-WM bewiesen, zumindest 2017 und 2018, mit insgesamt neun Siegen.

Giussani: «Ja, aber ein Stahlrahmen hat auf jeden Fall andere Eigenschaften als ein Alurahmen. Das ist unbestritten. Es war für uns bei Suter Industries letztes Jahr interessant herauszufinden, wie groß die Unterschiede sind. Es ist ein anderes Konzept. Du musst die Vorteile des Stahl-Konzepts nutzen und die Nachteile so gering wie möglich halten.»

Giussani kennt auch die Nachteile von Aluminium-Rahmen. «Bei Alu stößt du auf andere Schwierigkeiten. Ein Beispiel: Bei identisch großem Wasserkühler und identischer Verkleidungsgröße war die Kühlleistung bei der Moto2-MV-Agusta mit Stahlrahmen und Triumph-Motor viel besser als bei einem Alu-Chassis. Der Unterschied war unglaublich. Genau weiß ich es nicht, aber ich schätze, er liegt bei 5 Grad.»

Kann ein Fahrwerks-Konstrukteur, der sein Geschäft versteht, selbst nach jahrelangem Alu-Chassis-Bau einen konkurrenzfähigen Stahlrahmen bauen?

Giussani denkt kurz nach. «Wenn ich mitreden könnte, würde ich einen Alu-Rahmen bevorzugen, weil wir mit dieser Technologie bei Suter Industries mehr Erfahrung haben. Wenn ich einen Stahlrahmen bauen müsste, würde ich eine Technologie nutzen, wie man sie bei MV Agusta sieht. Anders als bei KTM. Ich würde hinten Aluminium-Teile nehmen für die Aufnahme der Schwingenachse und für Befestigung der ganzen Hinterradfederung. Vorne den Gitterrohrstahlrahmen – warum nicht?»

Sollte die Schwinge aus Alu bestehen – wie bei KTM? «Oder aus Karbon», lacht der Italiener. «Aber ich glaube, Karbonschwingen werden in der Moto2 relativ bald verboten. Beim Barcelona-GP gibt es schon eine Sitzung und eine Diskussion zu diesem Thema.»

Suter Industries baut im Auftrag von Ducati Corse auch die MotoGP-Alu-Chassis. Der Auftrag von MV Agusta wurde Ende November nicht mehr verlängert. Könnte sich Giussani theoretisch vorstellen, KTM aus der Patsche zu helfen – und für die Österreicher ein Moto2-Stahl-Chassis zu entwickeln? «Kein Kommentar. Darauf will ich nicht antworten», entgegnet der Technical Director von Suter Industries geheimnisvoll.

Als SPEEWEEK.com nachhakt, wird der erfolgreiche Designer gesprächiger. «Sagen wir so: Es wäre sicher empfehlenswert, auf eine solche Anfrage einzugehen, wenn eine kommt», meint Alex Giussani. «Man müsste sich das dann überlegen. KTM ist der größte Motorradhersteller in Europa. Wenn man sein Geld in der Motorrad-Industrie verdient, muss man mit solchen Firmen sprechen. Auf jeden Fall. Was dann passiert, wird sich zeigen.»

Das Mugello-Ergebnis:

1. Alex Márquez. 2. Marini. 3. Lüthi. 4. Baldassarri. 5. Fernandez. 6. Bastianini. 7. Navarro. 8. Schrötter. 9. Lowes. 10. Di Giannantonio. 11. Pasini. 12. Vierge. 13. Gardner. 14. Nagashima. 15. Binder. – Ferner: 17. Aegerter. 20. Tulovic. 21. Öttl.

Der WM-Stand nach 6 von 19 Rennen:

1. Baldassarri 88. 2. Márquez 86. 3. Lüthi 84. 4. Navarro 73. 5. Schrötter 64. 6. Marini 58. 7. Fernandez 54. 8. Bastianini 45. 9. Gardner 41. 10. Binder 39.

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