MotoGP

Brivio (Suzuki): Das große Interview zum Mir-Deal

Von - 11.06.2018 13:15

«Zumindest haben wir die Eier, das zu tun», hat Suzuki-Teammanager eine klare Botschaft an die Kritiker des MotoGP-Projekts mit dem 20-jährigen Joan Mir und dem 22-jährigen Alex Rins.

Seit Wochen gab es Gerüchte, doch nun ist es offiziell: Suzuki hat den 20-jährigen Joan Mir für die nächsten zwei Jahre verpflichtet. Der talentierte Moto3-Weltmeister von 2017 wird Teamkollege des mit 22 Jahren nicht bedeutend älteren Alex Rins. Das macht Suzuki Ecstar zum MotoGP-Team mit den jüngsten Fahrern. Das ist eine interessante Entscheidung, aber nicht ohne Risiko.

Um genau über Suzukis besondere MotoGP-Pläne zu sprechen, traf SPEEDWEEK.com Teammanager Davide Brivio zum ausführlichen Interview. Er erklärte die Strategie hinter der Verpflichtung junger Fahrer. Die Antwort darauf, ob das ein Fehler war oder nicht, wird nur die Zeit bringen. Immerhin unterstützt diese Entscheidung Suzukis Philosophie, alles auf ihre Weise tun zu wollen.

Es ist offiziell. Mir wird 2019 Teil deines Teams. Es scheint, als hätten die Verhandlungen lange gedauert.

Nein, nein. Die Verhandlungen an sich dauerten nicht lang. Tatsächlich ging das mit Joan sehr schnell. Es dauerte nur einige Zeit, mit den unterschiedlichen Managern zu sprechen, die wissen wollten, ob wir an ihren Fahrern interessiert sind. Mit Joan nahmen wir die Gespräche schon nach den Wintertests auf. Bei den ersten drei Rennen haben wir unser Ziel festgelegt. In dieser Hinsicht hat es schon lange gedauert, aber das waren eher Gespräche als Verhandlungen.

Es gab drei Namen, die mit dem zweiten Platz im Suzuki-Team in Verbindung gebracht wurden, denn Alex Rins stand schon lange fest. Richtig?

Wir hatten eine Option, Alex’ Vertrag für 2019 und 2020 zu verlängern. Wir hätten das also erzwingen können, aber wir sprachen stattdessen miteinander. Eine Einigung mit Alex zu erreichen, war sehr einfach. Er war froh, mit uns weiterzumachen und so war es auch bei uns. Am Ende ist er ein Investment für uns. Wir denken, dass Alex wirklich großes Talent hat. Ich glaube, dass er in der Zukunft einer der Top-Fahrer werden kann. Darum sind wir sehr froh, unsere Zusammenarbeit mit ihm fortzusetzen.

Wie kannst du feststellen, dass ein Fahrer so großes Talent wie Alex hat? Vergleichst du ihn mit den Daten anderer Fahrer?

Das ist richtig. Es ist eine Möglichkeit. Im Fall von Alex analysierten wir, wie er fährt und verglichen das mit den Daten von Maverick, Aleix und Iannone.

Also hat Rins «etwas Besonderes»?

Ja, du kannst sehen, wo er stärker oder schwächer ist. Insgesamt ist Alex sehr gut. Man sieht, dass er sehr gut fährt. Es gibt trotzdem ein paar Punkte, die er verbessern muss. Doch man sieht sein Talent. Es gibt aber noch andere wichtige «Daten». Das letzte Jahr war für Alex durch seine Verletzungen sehr schwierig, aber bis zum Ende des Jahres schaffte er es in die Top-6 und war in Valencia sogar Vierter. Er hat also sehr schnell gelernt. Seine Leistung zeigte, dass er auch schon zur Saisonmitte schnell gewesen wäre. Das haben wir bedacht.

Warum habt ihr euch gegen Iannone entschieden?

Das ist immer eine schwierige Sache. Ein Problem ist, dass mittlerweile so früh Bewegung in den Fahrermarkt kommt. Wenn alles beim ersten Saisonrennen beginnt, kannst du nur die Leistungen aus dem letzten Jahr beurteilen. Das ist nicht gut für die Fahrer und auch negativ für die Teams. Diese Situation erlaubt es den Fahrern nicht, ihre Fortschritte zu zeigen. Dasselbe gilt für die Bikes und Teams. Wenn du zu Beginn der Saison Probleme mit der Maschine hast, aber dann nach drei oder vier Rennen die Steigerung kommt, ist es schon zu spät. Die Fahrer, die für die nächste Saison ein anderes Motorrad suchen, haben ihre Wahl dann schon getroffen.

Also wurde die Entscheidung über Andrea anhand der Saison 2017 getroffen?

Ja, hauptsächlich. Ich muss sagen, dass unser Bike 2017 nicht perfekt war. Wir haben auf technischer Seite ein paar Fehler gemacht. Die Motor-Spezifikation hätte ganz klar besser sein können. Als wir im letzten Jahr erkannten, dass wir einen anderen Motor brauchen, waren uns durch die eingefrorene Motorenentwicklung während der Saison die Hände gebunden. Also haben wir großen Aufwand betrieben, um den Rest der Maschine zu verbessern: die Kupplung, das Chassis… Darum hat sich unser Bike in diesem Jahr so verbessert. Wir fügten den richtigen Motor mit den Verbesserungen des letzten Jahres zusammen und haben nun ein gutes Paket.

Im letzten Jahr hatte Iannone große Probleme damit, sich an die Suzuki anzupassen.

Es schien, als sei er nie happy mit der Maschine und fühle sich nie wohl. Um ehrlich zu sein, vermuteten wir dann, dass dies einfach nicht sein Bike ist. Als wir während der Wintertests mit ihm sprachen, sagten wir: ‹Wir müssen herausfinden, ob die Suzuki ein gutes Bike für Andrea Iannone ist oder ob Iannone ein guter Fahrer für die Suzuki ist. Ob sie zusammenpassen können.› Dann drehte sich das Fahrerkarussell aber schnell. Es war zu früh für Andrea, um zeigen zu können, ob unsere Frage mit ja oder nein zu beantworten ist. Es ist eine verrückte Situation auf dem Fahrermarkt. Leider sind wir Teil des Spiels und müssen uns an die Regeln halten.

Das klingt, als würde die Entscheidung anders ausfallen, wenn ihr sie erst jetzt treffen müsstet?

Das ist eine andere Geschichte. Als die Zeit für eine Entscheidung kam, sah es so aus, dass die Ehe zwischen Iannone und Suzuki schwierig wird. Darum sahen wir uns nach Alternativen um. Wir erkannten dann, dass es eine Möglichkeit gibt, Mir zu bekommen. Das sahen wir als einmalige Gelegenheit, die wir nicht verpassen wollten.

Was ist der Kern der Geschichte um Jorge Lorenzo? Eine echte Option oder nur Gerüchte?

Das war eine echte Option. Als wir daran dachten, Andrea nicht im Team zu behalten, fragten wir uns, welche Alternativen es gibt. Ich muss sagen, dass es eine sehr interessante Situation war, denn ein paar Fahrer zeigten echtes Interesse. Die meisten Top-Fahrer, die nicht schon einen Vertrag unterschrieben hatten, zeigten Interesse an Suzuki. Das freut mich sehr.

Also kamen mehr als die drei genannten Fahrer auf Euch zu?

Ja, mehr als diese Namen. Dann diskutierten wir intern, was zu tun ist. Unser Präsident Toshihiro Suzuki und die gesamte Firma bevorzugten immer die Strategie mit jungen Fahrern. Suzuki gefällt die Idee, einem jungen Fahrer bei der Entwicklung zu helfen und dann hoffentlich mit ihm zu siegen. Dieses Projekt begannen wir mit Maverick. Leider kam das zu einem Ende, aber es war ein fast perfektes Projekt. Wir holten ihn aus der Moto2-Klasse, brachten ihm bei, eine MotoGP-Maschine zu fahren, ließen ihn Erfahrungen sammeln und siegten dann mit ihm. Es wäre schön gewesen, das fortzusetzen, aber… Also begannen wir dann ein ähnliches Projekt mit Alex Rins.

Nun können wir mit Joan Mir demselben Konzept folgen. Uns gefällt diese Herausforderung. Das ist eine andere Art, diese Weltmeisterschaft anzugehen. Als wir intern diskutierten, wen wir als zweiten Fahrer auswählen, waren einige Namen auf dem Tisch. Uns ging es aber weniger um die Namen, sondern mehr um das was, wir tun wollen. Welchen Weg wir gehen wollen. Wollen wir mit einem Top-Fahrer siegen oder einen jungen Fahrer aufbauen, was uns viel mehr im Blut liegt? Für unseren Weg war Joan die perfekte Wahl. Ich denke, er ist ein sehr talentierter Fahrer. Es steht ihm eine großartige Zukunft bevor. Das war eine einmalige Gelegenheit für uns.

Das ist schön, aber mit dieser Philosophie erweckt ihr den Anschein, dass ihr den Kampf um einen Titel für die nächsten zwei Jahre aufgegeben habt.

Nein, natürlich haben wir uns nicht aus dem Titelkampf zurückgezogen. Darum sind wir nämlich hier. Unser Ziel ist, dass Suzuki mit den selbst aufgebauten Fahrern gewinnt. Natürlich ist das eine Herausforderung, aber wir wollen Rennen und eines Tages den Titel gewinnen. Mit einem Suzuki-Fahrer statt einem Top-Fahrer, der einfach eingekauft wurde.

Also wollt ihr die Geschichte von Kevin Schwantz wiederholen?

Genau. Wir erinnern uns alle an die Geschichte von Kevin Schwantz bei Suzuki. Er ist das perfekte Beispiel für Suzuki. Er war immer ein Suzuki-Fahrer. Die Fans lieben ihn sehr. Er war erfolgreich und gewann viele Rennen. Das ist die perfekte Geschichte. Ich denke, Suzuki will das mit Rins und Mir wiederholen.

Ist dir bewusst, dass diese Entscheidung für einen schmalen Grat zwischen Heldenstatus und Sätzen wie «Es war klar, dass das nicht funktioniert» oder «Es wäre nicht schwer gewesen» sorgt?

Natürlich ist uns klar, dass wir eine riskante Entscheidung trafen. Aber… Ich weiß nicht, wie ich das auf freundliche Weise sagen kann… Zumindest haben wir die Eier, das zu tun. Wenn wir Alex Rins und Joan Mir über viele Jahre halten können, dann haben wir ein sehr starkes Team und können mit beiden um die Top-5 in der Gesamtwertung kämpfen. Das ist unser Ziel. Wir wollen gewinnen, aber wir wissen auch, dass Siegfähigkeit ein langer Prozess für ein neues Team ist. Wir wollen unseren eigenen Weg gehen. In unserem Stil. Wir sind nicht wie Honda oder Yamaha. Sie gewinnen und müssen das weiter tun. Wir kommen erst noch dort hin. Natürlich ist es ein schwieriger Weg, aber das ist unser Ziel und unser Ansporn.

Steht das Unternehmen dabei geschlossen hinter dir?

Ja, das Unternehmen steht ganz und gar hinter dieser Denkweise. Das war nicht meine Entscheidung. Es ist eine Unternehmensentscheidung.

Wie wollt ihr verhindern, dass sich eine Situation wie mit Maverick Viñales wiederholt, der nach zwei Jahren zu einem anderen Hesteller wechselte?

Joans Vertrag ist «sicherer» als der von Maverick. Wir haben daraus gelernt. In Wahrheit läuft Mirs Vertrag über mehr als zwei Jahre. Ich nenne es zwei plus zwei.

Der von Alex auch?

Ja.

Letzte Frage. Wie wird die Entwicklung mit zwei unerfahrenen Piloten wie Rins und Mir bewerkstelligt? Beunruhigt das die Ingenieure?

2019 hat Alex bereits zwei Jahre Erfahrung. Und ich muss sagen, dass ich seinen Input schon jetzt schätze. Schon in diesem Winter entwickelte er seine Maschine. Es standen unterschiedliche Chassis und Motoren zur Verfügung, unser Testplan war sehr gut. Alex traf seine eigenen Entscheidungen. Er wählte Chassis, Motor, Schwinge und alle weiteren Teile aus. Sein starker Saisonstart zeigt, dass er ein gutes Bike zusammengestellt hat.

Auch die Ingenieure schätzen seinen Input. Er versteht die Maschine gut, darum glauben wir, dass wir die Entwicklungsarbeit mit Alex erledigen können. Es ist noch nicht entschieden, aber wir überlegen, die Tätigkeit des Testteams mit Sylvain Guintoli auszubauen. Wir sind zufrieden mit dem Job, den er macht. Er ist ein sehr guter Testfahrer, gibt gutes Feedback und ist sehr präzise auf dem Bike. Mit Alex’ Erfahrung und Guintolis Unterstützung können wir bei der Entwicklung einen sehr guten Job machen. Wir haben also die Entwicklung abgedeckt und schnelle Fahrer. So bauen wir unsere Zukunft auf.

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Suzuki-Teammanager Davide Brivio © Gold & Goose Suzuki-Teammanager Davide Brivio Joan Mir gibt 2019 sein MotoGP-Debüt © Gold & Goose Joan Mir gibt 2019 sein MotoGP-Debüt
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