MotoGP

Marc VDS: Wann kehrt endlich wieder Ruhe ein?

Von - 12.06.2018 08:13

Beim belgischen Marc VDS-Team geht es seit mehr als vier Wochen drunter und drüber. Fix ist: Das Moto2-Team wird weitergeführt. Die Zukunft des MotoGP-Teams ist offen. Gesucht: ein neuer Teammanager.

Es war einmal ein finanziell über fünf Jahre (bis 2021) abgesichertes belgisches Racing Team, das bisher 29 GP-Siege und zwei WM-Titel einheimste. Aber dann verlor der steinreiche Besitzer das Vertrauen zu seiner rechten Hand. Sind ein paar Silberlinge in der falschen Tasche gelandet? Niemand weiß es. Man zankte sich wochenlang, das Märchen drohte zum Kriminalfall zu werden. Aber jetzt ist wieder alles gut. Zumindest fast alles.

Das seit dem Jerez-GP in Turbulenzen geraten belgische Estrella Galicia 0,0 Marc VDS Racing Team schippert nach wie vor in unruhigen Gewässern. Wir liefern eine Zusammenfassung der Ereignisse.

Jerez-GP

Es wird offenkundig, dass Teamprinzipal Michael Bartholemy das Vertrauen von Teambesitzer Marc van der Straten (VDS) verloren hat. Die ehemalige Teamkoordinatorin Marina Rossi soll belastendes Material gesammelt und dem Grafen van der Straten vorgelegt haben.

Aber bis heute hat Marc VDS keine Beweise für die mutmaßlichen Malversationen präsentiert.

Michael Bartholemy beteuert, er habe sich nichts vorzuwerfen. «Ich kann nicht beeinflussen, was manche Leute über mich sagen. Ich kann nur versichern: Ich habe keinen einzigen Fehler gemacht», erklärte Michael Bartholemy am Samstag in Jerez im Gespräch mit SPEEDWEEK.com. «Ich habe mich fast neun Jahre meines Lebens pausenlos für dieses Team eingesetzt, hart geschuftet und mir keine Pause gegönnt. Wir sind in der Moto2 in acht Jahren zweimal Weltmeister geworden und dreimal Vizeweltmeister. Wir sind das stärkste Moto2-Team geworden. In der MotoGP haben wir im zweiten Jahr als Kundenteam einen Sieg errungen – mit Jack Miller in Assen. Wir haben rund zehn Leute im Team, für die ich schon vor 15 Jahren im Kawasaki-MotoGP-Werksteam verantwortlich war. Ich weiß nicht genau, was da jetzt abläuft. Vielleicht habe ich mich zu sehr um das Team und die Ergebnisse gekümmert und zu wenig darauf geachtet, wer im Team an meinem Stuhl sägt.»

Marc VDS beteuert am Sonntagabend in Jerez (6. Mai), er werde das Team wie geplant bis Ende 2021 fortführen.

Für Montag, 14. Mai, 15.30 Uhr, wird ein Meeting der Streitparteien unter dem Vorsitz eines Bâtonniers, also des Präsidenten der örtlichen Rechtsanwaltskammer, in Genf vereinbart. Diese Aussprache gilt als Versuch einer einvernehmlichen Trennung. Aber das Meeting wird am Freitag zuvor ohne Angabe von Gründen abgesagt.

Dafür wird beim Gericht in Karlsruhe von VDS eine Einstweilige Verfügung bewirkt. Bartholemy darf die VDS-Boxen in Le Mans nicht betreten. Sonst droht eine Strafe bis zu 250.000 Euro.

Le Mans-GP

Am Donnerstag will Bartholemy um 15.30 Uhr eine Pressekonferenz veranstalten. Sie wird um 14.06 Uhr abgesagt.

Am Freitag wird publik, dass der ehemalige JiR-Teambesitzer Luca Montiron von VDS als Troubleshooter engagiert wurde. Er kommt mit van der Straten und Rechtsanwalt Ramadan nach Le Mans.
Es ist durchgesickert, van der Straten habe seinen Teammanager unter Aufzählung einiger mutmaßlicher Missetaten schriftlich gekündigt, dass Bartholemy aber die Kündigung nicht akzeptiert und entgegnet, er könne alle Entlassungsgründe widerlegen.

Es wird kolportiert, Bartholemy habe Marc VDS einen neuen Sechs-Jahres-Vertrag als Teamprinzipal zwischen ihm und dem Bierkönig unterschreiben lassen, obwohl der Graf nur Französisch spricht. Van der Straten soll das als Vertrauensbruch betrachtet haben.

Rechtsanwalt Paco Sanchez, Manager von Maverick Viñales und Joan Mir: «In diesem Geschäft werden fast alle Verträge auf Englisch gemacht.»

Während Bartholemy die Entlassung und eine angebotene Abfindung für eine friedliche Lösung nicht hinnimmt, legen dessen Vertrauten Stefan Prein (Riding Coach), Fabrice Werner (Sponsorship Manager) und Ian Wheeler (Communications Manager) ihre Funktionen nieder.

Stefan Prein, seit vielen Jahren als Riding Coach bei Marc VDS am Werk, will kein Öl ins Feuer gießen und verkneift sich eine Aussage. «Ich kann nur sagen, ich bin seit 35 Jahren im Geschäft. Und ich hätte nie erwartet, dass ein Team, das so aufgestellt ist, in so eine Situation kommen kann und dass die Geschichte so endet.»

Am Samstag stellt sich heraus: Michael Bartholemy hat als Teammanager zwei Fahrerverträge (Mir, Márquez) mit seiner Schweizer Firma gemacht, er besitzt die beiden Moto2-Teamplätze, es sind auch die MotoGP-Leasingverträge mit HRC durch Bartholemys MM Performance & Racing AG, Obstmarkt 1, CH-9100 Herisau, abgeschlossen worden. Alle 36 Teammitglieder sind beim Belgier unter Vertrag.

Übrigens: Der 70-jährige Bier-Milliardär Marc van der Straten ist ein Nachkomme der Bierbrauer-Dynastie Stella Artois, die von seinem Urgroßvater gegründet wurde. Heute ist aus dieser Brauerei ein riesiger börsennotierter Konzern namens Anheuser-Busch InBev geworden, früher hieß er Interbrew. Die belgisch-brasilianische InBev-Gruppe ging im November 2008 durch die Übernahme der Anheuser-Busch Companies in der Anheuser-Busch InBev auf, zu der 200 Biermarken gehören. Ihre bekanntesten Marken heißen Budweiser, Corona, Jupiler, Stella Artois und Becks.

In Le Mans sollte Luca Montiron vermitteln und eine Lösung zwischen Marc VDS und Bartholemy suchen und eine Lösung herbeiführen.

Dazu werden ein Plan A und ein Plan B ausgearbeitet.

Plan A: Rettung des MotoGP-Teams für die Zeit nach 2018 durch den Wechsel von Honda zu Yamaha mit einem Topfahrer (Lorenzo, Iannone oder Pedrosa) sowie mit Rookie Morbidelli.

Plan B: Marc VDS betreibt nach 2018 nur das Moto2-Team weiter und steigt dazu in die neue MotoE-Rennserie ein.

Mugello-GP

Der MotoGP-Test in Barcelona (22./23. Mai) musste nach dem Zerwürfnis mit Bartholemy abgesagt werden. Die Moto2-Fahrer Alex Márquez und Joan Mir hingegen testeten am 28. Mai in Barcelona.

In Mugello tritt Marc VDS in beiden Klassen in voller Stärke an.

Bartholemy befehligt das Team nicht mehr. Er soll eine Abfindung von 3 Millionen Euro gefordert haben. Es wird um einen finanziellen Kompromiss gefeilscht. Bartholemy will von allen Vorwürfen reingewaschen werden.

Luca Montiron verabschiedet sich von seiner Funktion als Troubleshooter. «Meine Arbeit ist getan. Bei Marc VDS ist die Saison 2018 für beide Klassen gewährleistet.» Der Italiener hat in Zusammenarbeit mit Dorna, IRTA und den Sponsoren dafür gesorgt, dass Marc VDS in Italien am Start steht.

Mit Emilio Alzamora, Manager von Marc und Alex Márquez und Besitzer des Estrella Galicia 0,0-Honda-Moto3-Teams, kümmert sich jetzt ein neuer Vertrauter von van der Straten um das VDS-Team. Stefan Prein erscheint in Mugello und möchte auch unter der neuen Führung Riding Coach agieren.

Aber es existiert keine echte Teamführung. Immerhin wird die neue Hospitality von Bischoff + Scheck erstmals im Fahrerlager aufgestellt.

«Ich habe keinen Ansprechpartner», wundert sich Lüthi-Manager Daniel M. Epp. «Aber vielleicht kommt ja noch einer.»

«Im Team Marc VDS ist wieder die übliche Professionalität eingekehrt», stellt Montiron an der Seitenlinie fest. «Die Tagesarbeit funktioniert einwandfrei.»

Marc VDS und Bartholemy suchen nach wechselseitigen Schmähungen nach einer Beilegung des Zerwürfnisses. Van der Straten fühlt sich als rechtmäßiger Eigentümer aller Aktivposten und Verträge und will diese Ansprüche notfalls vor Gericht durchsetzen.

Wegen der unendlichen internen Diskussionen lässt sich der Yamaha-MotoGP-Deal nicht rechtzeitig bis Mugello unter Dach und Fach bringen. Das ist wohl der wahre Grund für den Absprung von Luca Montiron, der die Situation bei Dorna und IRTA geprüft und herausgefunden hat, dass Jorge Martinez, Sepang-Circuit-Chef Razlan Razali, Petronas und Yamaha jetzt diese beiden Startplätze statt jene von Marc VDS nutzen wollen.

Luca Montiron stieß auch mit einem weiteren Vorschlag bei VDS auf taube Ohren. Er sah die Zukunft des VDS-MotoGP-Teams für die Zeit anch 2018 extrem gefährdet und suchte eine Kooperation mit einem MotoGP-Team, um den jungen Moto2-Fahrern von Marc VDS künftig weiterhin eine Aufstiegschance in die Königsklasse anbieten zu können. KTM macht das durch die eigenen Moto2-Teams, Aprilia mit Gresini. Suzuki hätte so ein Partnerteam für VDS beim «young riders project» werden können.

Doch dann trat Emilio Alzamora mit einem anderen Plan auf: Er sucht einen MotoGP-Platz für seinen Schützling Alex Márquez.
Es zeichnet sich ab: Die Führung bei Marc VDS Racing ist aus den Fugen geraten. Luca Montiron fühlt sich zwischen den Fronten aufgerieben und dankt endgültig ab.

Angeblich gab es bei Marc VDS schon seit einem Jahr den Verdacht, im Team sei finanziell nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Man fragt sich: Warum hat der Graf das Controlling acht Jahre lang vernachlässigt? Und warum hat er die Situation nicht vor der Saison bereinigt oder bis zum Saisonende gewartet?

Bei Marc VDS wimmelt es von Einflüsterern, aber Teambesitzer van der Straten (70) hat keinen Durchblick. Er fühlt sich eher als leidenschaftlicher Mäzen und hat Bartholemy mehr als acht Jahre lang viel Einfluss überlassen. Bei Marc VDS fehlt jetzt ein umsichtiger «decision maker», ein Entscheidungsträger.

«Ich habe in kurzer Zeit erkannt, dass sich bei VDS unter diesen Umständen keine erfolgreiche MotoGP-Zukunft aufbauen lässt», schildert Luca Montiron.

Catalunya-GP

Am 8. Juni geben Marc VDS und Michael Bartholemy eine einvernehmliche Trennung bekannt. Nachdem man sich wochenlang befetzt hat, heißt es jetzt; man trenne sich wegen unterschiedlicher Ansichten bei der künftigen Strategie.

Emilio Alzamora wird sich weiter um seine MotoGP-Teamambitionen (für Alex Márquez und Morbidelli) kümmern und versuchen, die beiden Marc VDS-Plätze in seinen Einflussbereich zu bringen.

Seine Gegner werfen ihm vor, er agiere nur egoistisch als Fahrermanager, wolle um jeden Preis einen MotoGP-Platz für Schützling Alex Márquez und habe keine Visionen für das Marc VDS-Team.

Inzwischen sucht Marc VDS wieder einen neuen renommierten Teammanager.

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