MotoGP

Andrea Iannone (Suzuki): Was ist mit ihm los?

Von - 14.09.2018 13:58

Suzuki-Pilot Andrea Iannone stand zwar in Austin und Jerez auf dem Podest, aber danach stieß er auf große Schwierigkeiten, die er nun im Interview mit SPEEDWEEK.com analysierte.

Er ist sicher einer der schnellsten MotoGP-Fahrer, was er beispielsweise damit bewiesen hat, dass er der einzige Pilot ist, der 2018 bis zum Misano-GP nie im Qualifying 1 antreten musste. Aber seine Fähigkeit, ein Motorrad schnell zu fahren, hat ihm bisher noch nichts eingebracht. Er verließ Ducati durch die Hintertür, Suzuki verzichtet nach zwei Jahren auf ihn, in denen er ihre Referenz war. Was ist los?

Einen Fahrer zu einem Interview zu treffen, der im Moment keine guten Ergebnisse erzielt, ist immer kompliziert. Wie man sich vorstellen kann, ist seine Laune nicht besonders gut. Sich nach den Problemen zu erkundigen, muss mit Präzision gemacht werden, um die Gründe dafür zu verstehen. Das ist die Mission als Journalist. Du steckst deinen Finger in die Wunde und versuchst herauszufinden, wie es zu dieser frustrierenden Situation kam. Vor allem dann, wenn ein Fahrer von der Spitze nach unten absackte. Wenn er zusätzlich noch von seinem Team zur Saisonmitte für das nächste Jahr gefeuert wurde, dann ist die Herausforderung noch größer. Hinzukommt, dass der Fahrer, um den es geht, einen starken und direkten Charakter hat. Wie Andrea Iannone mit dem ein Gespräch unter vier Augen zu einer Herausforderung wird.

Andrea ist ein Fahrer, der schon immer meine Aufmerksamkeit wegen seiner Explosivität auf der Strecke auf sich zog. Ich habe einen Freund, der mich immer daran erinnert, dass Iannone in der Moto2-Klasse eine Plage für Marc Márquez war. Nur er legte dieselbe Aggressivität an den Tag wie der Spanier. Zudem war er der erste Ducat-Sieger der Dall’Igna-Ära. Schnell und mutig.

Bevor ich mich mit Iannone an einen Tisch setzte, schaute ich mir seine Leistungen in dieser Saison an. Ein Detail fiel mir auf: Bis zum Misano-GP war Andrea der einzige MotoGP-Fahrer, der 2018 noch nicht in das Q1 musste. Eine andere wichtige Tatsache ist, dass ein klarer Unterschied zwischen seinen Resultaten zu Beginn der Saison und jenen in der zweiten Saisonhälfte besteht. Genau diesen Unterschied sprach ich an, als ich unsere mehr als 20 Minuten lange Unterhaltung begann. «Ich weiß es nicht. Nach dem Barcelona-GP litten wir sehr. Vor allem in den Rennen», erkläre Iannone.

Wurde das Bike nach dem Barcelona-GP verändert? Oder haben sich die Bikes der Gegner verbessert und die Suzuki nicht?

Ich weiß es nicht. Meiner Meinung nach, verbessern sich die Gegner ständig. Wir versuchen auch, uns zu steigern, aber… Ich weiß nicht, wie sehr wir uns verbessert haben.

Als Fahrer fragst du dich sicher, was passiert ist und was der Grund für das Absinken der Leistung ist.

Nein, es gibt kein Absinken. Meiner Meinung nach arbeiten die anderen Hersteller intensiv. Sie begannen schon auf einem höheren Level als wir. In manchen Punkten sind wir schwach, auch bei manchen Bedingungen. In den Rennen wird das wahrscheinlich sichtbarer.

Hat der Test nach dem Barcelona-GP etwas damit zu tun? Haben die anderen einen Schritt nach vorne gemacht und ihr nicht?

Es gibt keinen Zusammenhang damit.

Ich denke, du weißt, dass du bis Misano der einzige MotoGP-Pilot warst, der nie in das Q1 musste. Márquez, Rossi, Lorenzo und Dovizioso mussten das schon zuvor. Das bedeutet, dass der Speed da ist.

Ich war mir immer sicher, dass ich ein schneller Fahrer bin. Ich schätze mich selbst als sehr schnellen Piloten ein. Ich kann aber derzeit nicht hundert Prozent herausholen.

Ich teile deine Meinung, dass du sehr schnell sein kannst. Wir sahen es schon in deiner Moto2-Zeit. Aber was fehlt jetzt?

Wie ich das sehe, fehlt mir etwas. Wenn ich Suzuki nicht verlassen müsste, wären meiner Meinung nach viele Dinge anders. Die Tatsache, dass ich Suzuki verlasse, macht alles noch komplizierter. Ich denke, das tut immer weh.

Macht dich diese Situation wütend?

Nein, nein, nein. Es macht mich traurig, ja. Aber am Ende ist es besser [als wütend] zu sein.

Ich habe mit einigen Mitgliedern deines Teams gesprochen. Sie sagten, dass du deine Strategie für die Rennen verbessern könntest. Dass du ein richtiger ‹Speedman› bist, schränkt dich ein.

Ja, aber das kannst du nur ändern, wenn du so schnell bist wie die anderen. Ich meine damit, dass du nicht immer alles geben musst, um dabei zu sein. Wir haben nicht den Speed, um bis zum Ende mitzuhalten. Die anderen starten das Rennen und warten ab, was passiert. Bei einer Pace, die wir auch fahren können. Doch ab diesem Zeitpunkt werden Alex und ich schlechter, während die anderen besser werden. Das halbe Rennen lang gehen sie ruhig vor und fahren für ihre Verhältnisse langsam. Die andere Hälfte fahren sie mit vollem Speed. Aber was sollst du tun, wenn du in einer Gruppe auf Platz 6 oder 7 liegst? Das macht keinen Sinn. Es ist immer so. Die Piloten von Ducati und Honda entscheiden sich sechs oder sieben Runden vor Schluss, die Pace zu wechseln und fahren schneller. Dann legen sie diese fünf oder sechs Sekunden zwischen uns. Fünf Runden vor Schluss werden wir massakriert. Welche Strategie sollst du in dieser Situation anwenden? Ich werde von der ersten bis zur letzten Runde immer langsamer. Doch bei Alex [Rins] ist es genauso. Die anderen fahren ihre schnellste Zeit teilweise in der letzten Runde. Was soll ich tun?

Sie haben in allen Bereichen etwas mehr. Sie kommen besser mit den Reifen zurecht und mit der Elektronik. Strategie, Strategie… Was kann ein MotoGP-Fahrer schon machen? Er kann so gut wie möglich bremsen und beschleunigen. Du musst bestmöglich fahren. Die Strategie wird in der Box bestimmt. Die Elektronik gibt die Strategie vor. Sie bestimmt alles: Beschleunigung, Wheelies, Reifenverschleiß und Sliding. Ich bin nicht derjenige, der die Strategie machen sollte. Verstehst du? Die Software muss schlauer sein. Jetzt sagst du, dass die Software für alle einheitlich ist. Ja, aber manche bringen sie besser zum Arbeiten als andere.

Denkst du, dass die Yamaha kein schnelles Motorrad ist? Lass uns ein Rennen mit fünf Runden fahren. Alle Bikes sind über diese Distanz konkurrenzfähig. Ich könnte sogar gewinnen, vielleicht wäre ich stärker als die anderen. Aber es gibt kein Rennen über fünf Runden. Bei 15 Runden kann Yamaha gewinnen. Das Problem ist, was nach diesen 15 Runden passiert. Dasselbe geschieht bei uns. Jetzt geh und erzähl das demjenigen, der etwas über meine Strategie sagte.

Du wirst es lesen, denn ich werde es genau so schreiben, wie du es mir gesagt hast.

Das ist auch gut.

War der Weggang von Ducati ein Rückschritt in deiner Karriere?

Nein, das denke ich nicht. Wenn du dir meine Ergebnisse ansiehst, dann sind es dieselben wie vor zwei Jahren bei Ducati, als diese Maschine noch viel schlechter war. Denn im Moment ist die Ducati ohne Zweifel das beste Bike. Wenn du den Fahrern auf der Strecke folgst, wird das sehr schnell deutlich. Als ich Ducati verlassen habe, wussten wir, dass diese Maschine wichtige Stärken hat. Ich habe ein Rennen mit ihr gewonnen und kämpfte fast an jedem Wochenende um einen Podestplatz, aber zur selben Zeit fehlte uns noch etwas. In diesen zwei Jahren habe ich etwas mit der Maschine gemacht, damit besser als alle anderen beschleunigt. Und sie bremste am besten. Nun hat sie begonnen, besseres Turning zu ermöglichen.

Mit der Suzuki hast du es zu Saisonbeginn auch auf das Podest geschafft.

Zwei Mal sogar.

Ja, richtig. Aber dann sollte die Maschine doch nicht so «schlecht» sein?

Zwei Podestplätze auf Strecken, die viel Grip bieten. Jerez mit neuem Asphalt, wo du nur in den letzten drei Runden leidest. Wie man in den Videos der Dorna erkennt, slidete mein Hinterreifen bei der Beschleunigung, als ich Petrucci überholte. Doch das war in den letzten drei Runden und nicht schon acht oder neun Runden vor Schluss. Der andere Podestplatz kam in Austin, wo ich zwei Runden vor Schluss noch so stark war wie in der ersten. Dort baute der Reifen sehr gleichmäßig ab. Es herrschte guter Grip. In diesem Fall sind wir sehr, sehr schnell.


Und wie ist die Stimmung von Andrea Iannone gerade?

Du weißt, die Hoffnung stirbt zuletzt. Wir versuchen hoffnungsvoll, ruhig, positiv, aber auch realistisch zu sein. Denn falsche Erwartungen bringen nichts. Es ist nun einmal so, dass wir in den Rennen leiden.

Ein letztes Thema. Einige Fahrer arbeiten in einem sehr vertrauen Umfeld. Wie Valentino Rossi und Marc Márquez. Auf der anderen Seite gibt es Fahrer wie Viñales oder Lorenzo, die diesen vertrauten Kreis nicht brauchen. Ich denke, du gehörst zum zweiten Typ von Fahrer?


Ich denke es, ich weiß es aber nicht. Es hängt davon ab, wie ich mit den Menschen zurechtkomme, wie sehr ich mich um sie kümmere. Wenn du zu einem Team mit einer bedeutenden Geschichte und viel Erfahrung kommst, dann wäre es dumm, Leute mitzunehmen, die vielleicht zuvor nur in den kleineren Klassen gearbeitet haben. Wenn du aber auf der anderen Seite Leute hast, denen du in jeder Situation vertrauen kannst, dann ist es meiner Meinung nach wichtig, weiter diese Menschen an deiner Seite zu haben, wenn du eine neue Herausforderung angehst.

Ich gebe dir ein Beispiel: Ich habe bei Suzuki ein großartiges Team, aber bevor ich zu Suzuki kam, hätte ich gerne meine Crew von Ducati mitgebracht. Nicht, weil die Leute hier nicht kompetent sind, überhaupt nicht, sondern weil es Zeit braucht, bis du dein altes Team hinter dir lassen kannst. Wenn du vier Jahre mit einem bestimmten Team verbracht hast, als Fahrer gewachsen bist und ein Rennen gewonnen hast, dann ist alles anders. Denn es kommt die Zeit, in der du dich sehr gut mit ihnen verstehst. Meiner Meinung nach sind in der MotoGP-Klasse so wenig Veränderungen wie möglich am besten. Ich denke nicht, dass die Fahrer dumm sind, die ihre eigenen Leute um sich scharen. Aber die, die es nicht machen, sind auch nicht dumm. Jeder befindet sich in einer anderen Situation.

Im nächsten Jahr wirst du mit Aprilia noch einmal von null beginnen?

Ja, aber das macht mir keine Angst. Ich bin bereit.

Wirst du Leute mitnehmen, denen du vertraust oder wirst du bei der dortigen Truppe das Vertrauen suchen?

In diesem Fall vertraue ich auf Aprilia. Den Rest weiß ich nicht. Ich werde sie kennenlernen. Ich kann dir sagen, dass ich dort mit derselben Einstellung wie immer ankomme. Ich will zurück an die Spitze.

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