Editorial

Valentino Rossi: Die Motorsport-Welt verneigt sich

Von - 02.04.2019 09:36

Valentino Rossi (40) hat zwar den Sieg beim Argentinien-GP um 9,8 Sekunden verspielt. Aber sein GP-Debüt liegt 23 Jahre zurück. Der Motorrad-Gott hat seither 233 GP-Podestplätze und die Herzen unzähliger Fans erobert.

Am Sonntag war es auf den Tag genau 23 Jahre her, seit Valentino Rossi auf der vergammelten Rennstrecke von Shah Alam/Malaysia sein Renndebüt in der Weltmeisterschaft gefeiert hat. Schon mit 14 Jahren durfte er eine 125-ccm-Werks-Honda des agv-Honda-Teams von Ex-Weltmeister Fausto Gresini testen, der heute noch GP-Teams in drei Klassen betreibt sowie eine Mannschaft im MotoE-Weltcup.

Rossi hatte ausgezeichnete Connections, die seinem Vater Graziano geschuldet waren, der immerhin auf der Werks-Morbidelli drei GP-Siege in der 250-ccm-Klasse gefeiert hat. Firmenchef Gianni Morbidelli betrieb eine Fabrik für «woodworking machinery», er stellte also Geräte zur Holzbearbeitung her. In erster Linie war er aber leidenschaftlicher Motorradsportfan. Also ließ er vom deutschen PS-Genie Ing. Jörg Möller Rennmaschinen für alle drei GP-Klassen bauen – 125, 250 und 500 ccm.

Besonders in der 125-ccm-Klasse dominierte Morbidelli über Jahre hinweg. Möller baute 1973 für Bianchi und Pileri Maschinen, die 5 PS mehr hatten als die Werks-Yamaha von Kent Andersson & Co. So vertrieb er die zermürbten Japaner für viele Jahre aus dieser Klasse. Und Gianni Morbidelli junior kam sogar in die Formel 1, zuletzt war er Testfahrer bei Ferrari.

Am Sonntag belohnte sich Evergreen Rossi in Südamerika bei seinem 385. Grand Prix (!) mit dem 233. Podestplatz, es war der 197. in der Königsklasse (500 ccm und MotoGP). Insgesamt hält er bei 115 GP-Siegen und neun Weltmeistertiteln. Auch wenn der letzte Titelgewinn zehn Jahre zurückliegt, der Beliebtheit des «Doctors» tut das keinen Abbruch.

Rossi braucht Feindbilder

Rossi erregt die Gemüter, er wird von zahllosen Fans geliebt und von so manchen GP-Anhängern verabscheut, er ist oft angeeckt, er hat immer wieder Feindbilder gebraucht wie Biaggi, Gibernau, Stoner, Lorenzo und jetzt Márquez, über den er sich in Sepang 2015 und in Las Termas 2018 völlig zur Recht übel geärgert hat und den er seither mit ständiger Nichtbeachtung straft. Diese Methode hat Sete Gibernau vor 15 Jahren geknickt, für Marc Márquez ist sie ein Ansporn.

Wie immer man zu Rossi steht, seine Lebensleistung kann niemand verniedlichen, kleinreden oder verächtlich machen.

Keiner seiner prominenten Vorgänger – von Hailwood bis Agostini – ist über 24 Jahre hinweg in der Weltmeisterschaft siegreich geblieben.

Keiner war so vielseitig, denn Rossi fuhr auf Reifen von Dunlop, Michelin und Bridgestone und jetzt wieder von Michelin. Er gewann die WM mit der Aprilia 125 (1997) und Aprilia 250 (1999). Im Jahr 2000 schwang er sich als 250-ccm-Weltmeister auf die Honda NSR 500 ccm-V4, das waren lauter Zweitakter. Er übernahm damals mit 20 Jahren (!) bei HRC die Technik-Mannschaft des fünffachen Weltmeisters Mick Doohan mit Crew-Chief Jeremy Burgess.

Dann folgte die Viertakt-Ära. Valentino stieg 2002 auf die Honda 990-ccm-V-Fünfzylinder. Es folgte 2004 die Reihen-Vierzylinder-M1-Yamaha mit 990 ccm, 2007 die Yamaha 800, dann 2011 die Ducati Desmosedici 800 ccm und 2012 die Ducati 1000 ccm, ehe der Superstar aus Tavullia 2013 reumütig zu seiner geliebten M1-Yamaha zurückkehrte und dreimal hintereinander Vizeweltmeister wurde – 2014, 2015 und 2016. In Vorjahr glänzte Rossi wieder als WM-Dritter, sein 24-jähriger Yamaha-Teamkollege Maverick Viñales, als kommender Weltmeister engagiert, hatte das Nachsehen. Wie auch in der WM 2018 bisher.

Unfassbar: Rossi bestreitet die «premier class» seit 2000, das ist also seine 20. Saison in der Königsklasse. Er hat sie 15 Mal in den Top-3 beendet. Nur in den zwei Ducati-Jahren kam er über die Ränge 7 und 6 nicht hinaus. Auf der Yamaha landete er 2013 auf Rang 4 und 2017 nach dem Schien- und Wadenbeinbruch auf Rang 5.

Rossi machte sich immer für die Sicherheit stark, er eckte an, er polarisierte. Und als der damalige HRC-Rennchef Kanazawa 2003 durchblicken ließ, dass Rossi in erster Linie wegen der überragenden Honda NSR 500 die WM dominiere, entschloss sich Rossi trotzig zum Umstieg auf Yamaha.

Er wollte zeigen, dass der Fahrer den Unterschied ausmacht.

«Wenn Rossi geht, bauen wir ein noch besseres Motorrad und zerstören ihn», kündigte Kanazawa beim Portugal-GP im September 2003 großspurig an.

Diese Gefahr drohte, denn Yamaha hatte seit 1992 keinen WM-Titel mehr gewonnen. Rossi jedoch siegte beim ersten Rennen 2004 in Welkom und gewann dann in sechs Jahren vier WM-Titel für Yamaha. Kanazawa wurde in die Rasenmäher-Abteilung strafversetzt.

Rossi: Ist Ende 2020 wirklich Schluss?

Der Yamaha-Werksvertrag von Rossi, der 2005 ernsthaft mit einem Umstieg in die Formel 1 zu Ferrari liebäugelte, dauert bis Ende 2020.

Am Sonntag machte der 40-jährige Dauerbrenner nicht den Eindruck, als könne er sich einen Rücktritt vorstellen.

«Irgendwann muss man sich entscheiden, ob man in einem gewissen Alter nur noch seine Pokale anschauen oder sich neu motivieren will und weiterkämpft», sagte der Yamaha-Star am Sonntag.

Die Nummer 46 hat sich für Letzteres entschieden. Und auch wenn Rossi seit Assen Ende Juni 2017 keinen Sieg mehr errungen hat und seit Mitte Juli 2018 (Sachsenring) keinen Podestplatz mehr erreicht hatte – Rossi hat bisher auch den Ansturm der ganz jungen Generation abgewehrt.

In seiner VR46 Riders Academy hat er indes schon Weltmeister wie Franco Morbidelli und Pecco Bagnaia hervorgebracht und ein Dutzend weiterer GP-Talente entdeckt.

Wie sich «Vale» Dovizioso in Las Termas trotz des überlegenen Ducati-Speeds in der letzten Runde zurechtlegte, war sehenswert.

Klar, der überragende Marc Márquez feierte mit seinen 26 Jahren schon den 71. GP-Sieg. Der spanische Honda-Pilot bringt die Gegner zum Verzweifeln – fünf MotoGP-Titelgewinne in sechs Jahren.

Aber die Gelbe Gefahr ist nicht gebannt. Rossi bleibt Rossi.

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Von Günther Wiesinger

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