Editorial

Red Bull KTM: Der tiefe Fall von Johann Zarco

Von - 17.09.2019 19:29

Johann Zarco ist ein Rennfahrer mit vielen Stärken, die Selbstkritik gehört nicht dazu. Er schimpfte so lange über KTM, bis den provozierten Österreichern der Geduldsfaden riss.

Es muss sich tief im Unterbewusstsein von Johann Zarco eine heftige Abneigung gegen KTM eingegraben haben. «Denn Johann hat in zehn Monaten kein einziges positives Wort über KTM verloren», fiel einem Red Bull KTM-Teammitglied beim Österreich-GP vor fünf Wochen auf. Dort löste Zarco am Samstagabend seinen bis Ende 2020 gültigen Zwei-Jahres-Vertrag per Saisonende 2019 auf.

Aus dem Umfeld von Zarco war zu hören, er sei zutiefst enttäuscht, weil er im März 2018 nach den Plätzen 1 und 2 bei den Wintertests in Buriram und Doha Angebote und Anfragen von Repsol-Honda und Movistar-Yamaha bekam. Aber sein damaliger Manager Laurent Fellon hatte ihn damals frühzeitig bei Red Bull-KTM unterschreiben lassen.

Johann Zarco tanzte dem KTM-Management 2019 lange auf der Nase herum. «Es ist schlimmer als befürchtet», jammerte er nach schon dem verpatzten ersten KTM-Test in Valencia im November 2018. Er war am ersten Tag zweimal gestürzt und reihte sich ganz hinten ein.

Die Klagen Zarcos nahmen kein Ende. Selbstkritik war beim Franzosen kaum zu hören, obwohl Pol Espargaró dauernd um einstellige Ergebnisse kämpfte, während Zarco, als mutmaßlicher Teamleader, großer Hoffnungsträger und als vermeintliche Nummer 1 engagiert, für eine stolze Jahresgage von 1,8 Millionen Euro, zum Teil von Rookie Miguel Oliveira entzaubert wurde und bei 13 GP-Einsätzen nur einen Top-Ten-Platz zustande brachte.

Beim Jerez-GP schimpfte Zarco vor laufender Kamera: «Shit chassis, shit power delivery.»

Das brachte ihm die erste Verwarnung von KTM ein. «Wenn sich die Situation nicht bessert, wird man sich am Saisonende mit Zarco zusammensetzen müssen», erklärte der KTM-Vorstandsvorsitzende Stefan Pierer damals Anfang Mai.

Beim Sachsenring-GP erklärte Zarco: «KTM hat seit November 1000 Sachen probiert, nichts hat funktioniert.»

Zarcos Highlight: 3. Startplatz in Brünn

Beim Brünn-GP ließ Zarco sein unbestrittenes Können im Quali aufblitzen, er erkämpfte auf halbnasser Fahrbahn den dritten Startplatz. Doch im Rennen überholte ihn KTM-Privatfahrer Syahrin nach fünf Runden, der Malaysier fuhr vom 21. Startplatz los!

«Wir haben Johann im 'Red Bull Trainings und Diagnostic Centre' checken lassen. Er ist übersäuert», stellte KTM-Motorsport-Direktor Pit Beirer in Brünn fest. «Er hat offenbar versucht, seinen Konditionsmangel in zu kurzer Zeit wettzumachen.»

Denn in Assen war der 29-jährige Zarco nach eigener Aussage nach zehn Runden mit seinen Kräften am Ende. Nach 16 Runden gab er auf – mit makellos laufendem Motorrad. Beim Montag-Test in Brünn hörte Zarco um 13 Uhr auf.

Miguel Oliveira (Platz 8 beim Österreich-GP) und Pol Espargaró lobten seit Juli den hilfreichen Input von Testfahrer Dani Pedrosa. Zarco behauptete, Pedrosas Input habe keine Besserung bewirkt.

«Johann ist aber bei der drittbesten Quali-Zeit in Brünn 1:1 mit dem von Dani Pedrosa ausgetüftelten Set-up gefahren», stellte Pit Beirer genervt fest.

Nachher kam der Silverstone-GP. Zarco räumte den um Platz 10 kämpfenden KTM-Fahrer Oliveira ab und bezeichnete sich als unschuldig. «Ich dachte, er habe mich gesehen.» Oliveira: «Plötzlich kam von irgendwoher ein Motorrad.»

In Misano hatte Zarco seinen Kredit  bei KTM weitgehend verspielt. Als Zarco den Grid-Penalty ausfasste (für den Oliveira-Abschuss in England) und vom 8. auf den 11. Startplatz strafversetzt wurde, ätzte ein KTM-Manager: «So sinkt wenigsten die Gefahr, dass er uns Pol Espargaró abschießt.» Der Spanier fuhr nämlich vom zweiten Startplatz weg.

Johann Zarco leistete sich im Warm-up in Misano den nächsten Fauxpas. Er stürzte in der Out-lap in der ersten Runde in Kurve 1! Ein Anfängerfehler. Er gab dem Medium-Hinterreifen die Schuld.

Nach dem respektablen elften Platz gab der gestresste Johann Zarco keinen Frieden. «Ich erlebe immer dieselben Probleme. Ich spüre, ich kann nicht kämpfen. Ich gebe das Maximum, aber es reicht nur für Platz 11 oder 12. Vielleicht kann ich für das nächste Jahr ein Sieger-Motorrad finden. Damit ich auf der Piste wieder das Feeling und die Freude spüre, die ich momentan vermisse, weshalb ich auf der KTM blockiert bin.»

Dann beschwerte er sich noch über die Nicht-Teilnahme am privaten KTM-Test nach dem Aragón-GP. Dort wird nämlich der 2020-Prototyp gefahren, und es ist bei allen Herstellern üblich, dass abtrünnige Fahrer im Herbst nicht mehr in alle Entwicklungsgeheimnisse eingeweiht werden. Das war vor einem Jahr bei Bradley Smith nicht anders, der trotzdem bis zum letzten Rennen loyal blieb und sich in Valencia mit Platz 8 stark von KTM verabschiedet hat.

Zarco nach dem Misano-GP: «Ich wurde zum Aragón-Test von KTM nicht aufgeboten. Es wird das neue Motorrad dort sein, aber ich genieße nicht mehr das Vertrauen von KTM.»

Pol Espargaró und Smith standen bei ihrem ersten MotoGP-Rennen auf der KTM RC16 in Katar 2017 auf den letzten zwei Startplätzen, mit mehr als drei Sekunden Rückstand. Natürlich entsprach das nicht ihren Erwartungen. Aber sie verhielten sich loyal und wussten, dass sie sich bei KTM auf ein neues Projekt eingelassen hatten.

Zarco entschied sich zu früh für KTM

Zarco unterschrieb nach der Saison 2017 bei KTM. Die mageren Resultate aus der Debütsaison lagen damals auf dem Tisch. Später begründete der Franzose beim Jerez-GP im Mai 2018 seine Wahl: «KTM war das erste Werksteam, das mir einen Vertrag angeboten hat.»

Am Sonntag in Misano posaunte Zarco: «Ich muss mich an das Bike gewöhnen, das ich habe. Dazu habe ich jetzt noch sechs Rennen lang Gelegenheit.»

Aber das Media Debrief mit den erwähnten Aussagen sollte das letzte in der Geschichte Zarco/KTM gewesen sein.

Der Krug geht solange zum Brunnen, bis er bricht.

Stefan Pierer, Vorstand Hubert Trunkenpolz, Pit Beirer und Mike Leitner vergewisserten sich am Montag noch über den genauen Wortlaut der Aussagen von Zarco am Sonntag. Danach war das KTM-Management mit der Geduld am Ende. Zarco wurde beurlaubt.

Firmenchef Stefan Pierer, ein Selfmademan, ein Konzernchef, Herr über zahllose Firmen mit Milliarden-Umsätzen und mehr als 5000 Beschäftigten, wollte sich von einem seiner bestbezahlten Mitarbeiter der Firmengeschichte (Monatsgage 150.000 Euro) keine weiteren rufschädigenden Äußerungen mehr anhören.

In Spielberg hatte Pierer gegenüber SPEEDWEEK.com anklingen lassen, Zarco leide an einem Burnout, man müsse ihn für ein bis zwei Rennen aus dem Verkehr ziehen. «Wir müssen ihm in der Gesamtheit helfen», meinte Pierer. «Er ist bei KTM zum ersten Mal in einem MotoGP-Werksteam. Vielleicht belastet ihn das zu stark.»

Zarco meinte dann in verschiedenen Interviews, er glaube nicht, dass Pierer diese Aussagen so getätigt habe.

Heute fragt man sich bei KTM, ob man Zarco nicht früher in die Schranken hätte weisen müssen. Vorstand Hubert Trunkenpolz: «Aber wenn wir Öl ins Feuer gegossen hätten, wäre das schon im Frühjahr in eine Richtung eskaliert, die außer Kontrolle geraten wäre.»

Fakt ist: Zarco gewann 2015 und 2016 die Moto2-Weltmeisterschaft, er war 2017 als Rookie auf der Tech3-Yamaha WM-Sechster, 2018 ein weiteres Mal. Er hat auf der M1-Yamaha in diesen zwei Jahren sechs Podestplätze erzielt. Er kämpfte im Mai 2018 noch um die MotoGP-WM-Führung. An seinem Können besteht kein Zweifel.

Zarcos Berater Jean-Michael Bayle wollte ihm seit Mai zeigen, dass man als Spitzenrennfahrer mit verschiedenen Fahrweisen schnell sein kann. Rossi musste seinen Fahrstil in 20 MotoGP-Jahren wahrscheinlich 15 Mal umstellen, wegen der Reifen, wegen der Elektronik, wegen des wechselnden Hubraums (500 ccm, 990 ccm, 800 ccm und 1000 ccm), wegen der wechselnden Fabrikate (Honda, Yamaha, Ducati und wieder Yamaha).

Genauso unbestritten wie das Fahrkönnen von Zarco ist die «Ready to-Race»-Bilanz von KTM: Mehr als 300 WM-Titelgewinne in allen erdenklichen Rennserien, dazu 18 Dakar-Rallye-Sieg in Serie.

«Zarco braucht einen Psychiater», sagte mir ein französischer GP-Reporter in Spielberg. Zwei Wochen später seufzte er in England: «Wir kritisieren ihn nicht mehr. Man schießt nicht auf ein Ambulanzfahrzeug.»

Die Statistik lügt nicht. Pol Espargaró hat 2019 bisher 77 Punkte erobert, er kämpft um den neunten WM-Rang. Zarco hält bei 27 Zählern, Rookie Oliveira bei 26.

Zarco hat schon bessere Zeiten erlebt. Aber er hat sich freiwillig für KTM entschieden. Jetzt wirkt er erschöpft, fahrig, gestresst. Sein Crew-Chief Marcus Eschenbacher sagt: «Ich habe Nerven wie Stahlseile.»

KTM hat Johann Zarco jetzt für den Rest der Saison aus dem Verkehr gezogen.

Er hat bis zum Valencia-Test zwei Monate Zeit, um das Kapitel KTM abzuhaken, zur Ruhe zu kommen und über die Ursachen der Misere nachzudenken.

Es steht nirgends geschrieben, dass Zarco jemals wieder eine komplette Saison auf seiner geliebten M1-Yamaha fahren kann.

Vier von sechs Herstellern bauen V4-Maschinen wie KTM, nur Yamaha und Suzuki setzen auf Reihen-Vierzylinder.

Apropos Suzuki: Die Japaner haben sich in der MotoGP-WM von 2002 bis Ende 2011 mit dem V4-Motor oft blamiert. KTM hat erst 50. MotoGP-Einsätze hinter sich. Die Österreicher steigern sich konsequent.

Auch die Repsol-Honda ist nicht so leicht zu beherrschen – siehe Lorenzo. Ducati ist in der MotoGP seit 2003 dabei – am Freitag lag das Werksteam auf der Hausstrecke in Misano hinter KTM.

Die MotoGP-WM ist ein hartes Pflaster. Für die Werke und für die Fahrer.

Piloten mit Millionengagen, die ständig rufschädigende Äußerungen von sich geben und vom Teamkollegen blamiert werden, sind nicht nur bei Red Bull-KTM nicht gern gesehen.

WM-Stand nach 13 von 19 Rennen:

1. Marc Márquez 275. 2. Dovizioso 182. 3. Petrucci 151. 4. Rins 149. 5. Viñales 134. 6. Rossi 129. 7. Quartararo 112. 8. Miller 101. 9. Crutchlow 88. 10. Morbidelli 80. 11. Pol Espargaró 77. 12. Nakagami 62. 13. Mir 47. 14. Aleix Espargaró 37. 15. Bagnaia 29. 16. Iannone 27. 17. Zarco 27. 18. Oliveira 26. 19. Lorenzo 23. 20. Rabat 17. 21. Bradl 16. 22. Pirro 9. 23. Guintoli 7. 24. Syahrin 7. 25. Abraham 5.

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Johann Zarco lässt die KTM-Ära hinter sich © KTM Johann Zarco lässt die KTM-Ära hinter sich
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Von Günther Wiesinger

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