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SPEEDWEEK Deutschland

Editorial

Bin ich jetzt ein Whistleblower?

Von - 18.07.2013 03:26

An den DMSB sind 2,75 Millionen US-Dollar geflossen, sie sollten dem GP-Nachwuchs zukommen. Was mit dem Geld passiert ist, weiss niemand.

Es ist nicht verwunderlich, wenn Dutzende deutsche Teams, Talente und Eltern von Rennfahrern enttäuscht, verwundert, zornig und entgeistert sind, sich im Stich gelassen fühlen und die Faust im Sack machen.

Denn seit 1992 bezahlt GP-Promoter Dorna jährlich rund 7 Millionen US-Dollar für die Motorrad-GP-Rechte an den Motorrad-Weltverband FIM mit der dringenden Auflage, er möge davon an jeden Landesverband, der einen Grand Prix ausrichtet, 125.00 US-Dollar weiterleiten. Dieser Betrag soll dann für Nachwuchsförderung zweckgewidmet werden, also zur finanziellen Unterstützung von talentierten Nachwuchsfahrern verwendet werden, auf dass der Nachschub an GP-Talenten nicht versiege.

In 22 Jahren haben sich also beim deutschen Verband DMSB genau 2,75 Millionen US-Dollar zusammengeläppert.

Und nach mehrwöchigen Recherchen wette ich: Es hat kein Team und kein Fahrer davon jemals einen Cent gesehen. Noch besser: Es hat nicht einmal irgendjemand ausserhalb des DMSB-Dunstkreises bis zur Aufdeckung dieses Skandals etwas von diesem Fördertopf gehört und gewusst.

Kein Bradl, kein Cortese, kein Finsterbusch, kein Alt, kein Öttl, kein Schrötter, kein Folger, kein Amato, niemand. Einfach niemand. Auch kein Betreiber irgendeines Junior-Teams wie Eckl, Kiefer, Freudenberg, Heidolf oder sonst jemand.

Mit 125.000 US-Dollar pro Jahr hätte man 22 Jahre lang unzähligen Talenten finanziell unter die Arme greifen können.

Vielen Talenten fehlte das Geld

Dann hätten in dieser Zeitspanne nicht Dutzende von Talenten von Jerzenbeck über Giuseppetti, Müller, Baldinger, Minnerop, Fröhlich, Lässer, Klein, Meyer, Hafeneger, Stolz bis zu Hüssner wegen Geldproblemen die Segel streichen und in unterirdische Serien verschwinden müssen. Dann hätte vielleicht ein Marcel Schrötter in der Saison 2013 nicht seinen vier Jahre alten Renault verkaufen müssen, um sich die Reisespesen zu den Grand Prix leisten zu können, obwohl er längst in der Weltklasse angekommen ist.

Dann müsste ein Ausnahmetalent wie Teenager Luca Grünwald, der 2012 mir einer Wildcard auf dem Sachsenring noch auf Platz 8 des Moto3-WM-Laufs fuhr, nicht heute auf dem Bau jobben, nachdem sein Papa einen Schlaganfall erlitten hat und die Familie nicht mehr durchbringen kann. Auch der begnadete Luca Amato wurde bisher grossteils von seinen Eltern finanziert.

Papa Antonio Cortese stand noch ein Jahr vor dem WM-Titelgewinn seines Sohnes Sandro für die Jahresbudgets des heutigen Weltmeisters gerade, er zahlte 2010 in der 125er-WM noch Reifen und Reisespesen.

Man könnte Bücher füllen mit Geschichten über all jene finanziellen Entbehrungen, die Rennfahrereltern auf sich genommen haben, um ihre talentierten Sprösslinge zu fördern. Vom DMSB gab es dafür keine Anerkennung. Geld schon gar nicht.

Joachim Hüssner schildert auf SPEEDWEEK.com (Ressort: Red Bull Rookies) sehr eindrucksvoll, wie sein Sohn Nico ins feudale «DMSB Deutsches Road Racing Junior Team» berufen wurde. «Aber ausser Aufkleber, Aufnäher und Helmtaschen haben wir nichts bekommen», lautet seine Bilanz.

Dorna und FIM drehen den Geldhahn zu

«Ich habe in 30 Jahren noch niemanden vom DMSB kennengelernt, ausser Herrn Tomczyk», sagte Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta. Er hat jetzt die Nase voll von den undurchsichtigen Machenschaften der Verbände. Er will gemeinsam mit FIM-Präsident Vito Ippolito die 125.000-Dollar-Zuschüsse umwidmen in eine neue Strassen-EM.

«Da bin ich sofort dabei», freut sich der deutsche IDM-Teambesitzer Michael Freudenberg, der seit 1996 Junioren ausbildet und Fahrer wie Aegerter, Heidolf, Kartheininger, Finsterbusch und Alt für die WM ausgebildet hat. Freudenberg ist im Hauptberuf Besitzer einer Fahrschule mit 26 Beschäftigten. Ein Ehrenmann. Aber wenn er über DMSB-Funktionäre spricht, vergisst er zwischendurch seine gute Erziehung. Wen wundert’s?

Und: Er fordert Aufklärung.

Ohnmächtige Wut ist bei manchen Rennfahrervätern zu spüren, die ebenfalls eine lückenlose Aufklärung des Sachverhalts verlangen. Aber wer soll diesen Skandal aufklären? Solche Verbände führen ein Eigenleben, sie kontrollieren sich selber, Begriffe wie Ethik und Moral scheinen Fremdworte zu sein.

Ja, wer wird schon Funktionär? Jeder wirkliche Experte geht in die Privatwirtschaft, übrig bleiben oft geltungssüchtige, kleinkarierte Eigenbrötler, denen das Hemd näher ist als der Rock, die gern Siegerehrungen vornehmen, um ins Fernsehen zu kommen, die im Privatberuf nicht genug Geld verdienen, um in die Steiermark und vielleicht an einen FIM-Kongress nach Brasilien reisen zu können, denen das nächste Gratis-Abendessen wichtiger ist als die Sorgen und Bedürfnisse eines aufstrebenden Motorsportlers.

Wir reden hier von Entscheidungsträgern, wohlgemerkt, von bezahlten Funktionären und Würdenträgern, nicht von den Hunderten ehrenamtlichen Funktionären, Streckenposten, Sanitätern und Helfern, die täglich ihre Freizeit aus Liebe zum Motorsport opfern.

Nein, ich persönlich rege mich nicht mehr auf. Denn es ändert nichts. Aber es fällt mir schwer, in diesem Zusammenhang Worte wie Korruption und Unterschlagung und Veruntreuung zu vermeiden. So was gibt’s ja vermeintlich nur in Griechenland und Italien, ist die weitläufige Meinung.

2,75 Millionen Dollar. Was ist damit geschehen, Herr Stuck, Herr Tomczyk? Will jemand Licht ins Dunkel dieses Verbandes bringen, in dem die Motorradfahrer ohnedies ein Schattendasein fristen?

Oder breitet der DMSB lieber weiter den Mantel des Schweigens aus? Bis zum nächsten Whistleblower.

Und: Muss ich jetzt auch bei Putin oder in Ecuador oder Nicaragua um Asyl ansuchen?

Es war ja schon bei den alten Griechen so, dass die Überbringer der schlechten Nachrichten zur Rechenschaft gezogen wurden, nicht deren Verursacher.

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