Rallye

Sepp Haider: Der wilde Reiter wurde zum Fahrlehrer

Von - 09.10.2013 09:11

Er war einer von Österreichs erfolgreichsten Rallyefahrern: Sepp Haider. Heute gibt der eben 60 gewordene Salzburger seine jahrzehntelange Erfahrung als Instruktor weiter.

Wie schnell die Zeit vergeht, blieb kürzlich auch Sepp Haider nicht verborgen: sein früherer Copilot Jörg Pattermann, einer seiner engsten Freunde, organisierte das Fest zum 60er. Und wer da, von den ebenfalls engen Freunden und zweifachen Weltmeistern Walter Röhrl und Christian Geistdörfer angefangen, aller gratulierte, zeigte, wie beliebt Haider in der Rallye-Familie (freilich früherer Jahrzehnte) noch immer ist.

Im Gespräch mit SPEEDWEEK.COM blickt der in Dienten geborene und in Hinterglemm aufgewachsene Pinzgauer, der seit Jahren in Zell am See lebt (wenn er nicht unterwegs ist), zurück und macht sich auch über die Gegenwart Gedanken.

Was macht Sepp Haider heute?

Ich kam 1995 durch Wilfried Wiedner (der Innsbrucker war ebenfalls ein international erfolgreicher Rallyepilot, Anm. d. Red.) mit Audi in Kontakt, wurde Klaus Demel vorgestellt, der das Audi Driving Experience verantwortete. Die Zusammenarbeit wurde dann nach Ende meiner aktiven Laufbahn 1999 enger, seit 2000 bin ich bei Audi. Das Driving Experience entwickelte sich zu mehr als einem Fahrtraining im klassischen Sinn, mehr in Richtung Erlebnis, von Eispisten in Saalbach und Seefeld bis zu rennmäßigen Schulungen. Seit 2012 leite ich Audis Race Experience, wir arbeiten mit der quattro GmbH., für die wir auch Dauerläufe in Vorserienautos fahren, meistens auf der Nürburgring-Nordschleife. Dazu bin ich Teammanager für Kundensportprogramme. Ich bin sozusagen das Bindeglied zwischen Fahrern und Technikern. Unterstellt bin ich Klaus Demel und in weiterer Folge Audi-Marketingchef Luca di Meo.

Welche Erfolge würdest Du rückblickend als Deine wertvollsten bezeichnen?

Den Gewinn der deutschen Meisterschaft. Denn da ging es um konstante Spitzenleistungen über eine ganze Saison. Sicher auch den WM-Lauf in Neuseeland. Da mussten wir unter schwierigsten Bedingungen auf über 600 Kilometer Sonderprüfungen den Wagen auf der Strecke halten. Auch die WM-Läufe 1993 im Audi S2 von Konrad Schmidt waren ganz gut, weil das Auto der Konkurrenz unterlegen war.

Wie entstand Deine Freundschaft zu Walter Röhrl?

Ich fuhr 1977 die Sachs-Winterrallye, mein einziger Auftritt mit einem VW Käfer in Deutschland, wurde Siebenter gesamt und gewann meine Klasse. Bei einem Service klopfte Walter ans Fenster, er war schon ausgefallen, und wir plauderten. Er meinte, er hätte mir zugeschaut und wäre beeindruckt. Ich hab ihn dann nach Saalbach eingeladen, so haben wir uns angefreundet. Für mich ist Walter bis heute menschlich und sportlich ein Vorbild.

Was konntest Du von ihm lernen?

Dass du für Erfolg härter arbeiten musst als die anderen.

Wen würdest Du neben Röhrl von den früheren Topstars am höchsten einschätzen?

Sicher den Juha (Kankkunen). Auch den Björn (Waldegaard), mit dem ich lange in Afrika bei Tests zusammen war. Dann den Hannu (Mikkola), der für mich das beste Beispiel ist, wie man im Spitzensport souverän sein kann und trotzdem auch ein menschliches Vorbild.

Empfandest Du Michèle Mouton als besondere Konkurrentin? Gab es da Eifersucht, weil plötzlich eine Frau bei den Schnellsten war?

Wir waren ja Konkurrenten, als sie in der deutschen Meisterschaft für Peugeot fuhr. Eigentlich hätte ich das Auto fahren sollen, aber Mouton hatte schon einen klingenden Namen und war für einen französischen Hersteller natürlich ein Vorteil. Wir hatten Gespräche, Sie war herzlich und aufrichtig. Nein, da gab es nie Eifersucht.

Du hattest kaum schwere Unfälle. Wie bist Du mit der Gefahr umgegangen?

Ich hab mich nur einmal verletzt, ausgerechnet bei der Salzburg-Rallye 1985 im Opel Manta 400 der Gruppe B, als ich ein Gartengitter touchierte und dabei auch einen jugendlichen Zuschauer verletzte. Ich hab den Bub später besucht, er hat sich rasch erholt. Wenn du jemand anderen verletzt, ist das immer beunruhigend. In Finnland überschlug ich mich drei Prüfungen vor dem Ende bei hoher Geschwindigkeit längs. Danach hatte ich ziemliche Nackenschmerzen. Ich fühlte mich wie wenn ich verprügelt worden wäre. Aber sonst ist mir nie etwas passiert.

Du konntest vom Rallyesport leben?

Ja, seit dem ersten Irmscher-Einsatz 1977. Ich habe nie einen Manager gebraucht, habe selbst geschaut, dass es läuft. Ich wollte immer alles selbst im Griff haben und nicht abhängig sein.

Wie stehst Du zum Thema Verkehrssicherheit?

Seit ich im Fahrtraining involviert bin, leiste ich auch einen Beitrag zur Sicherheit. Wenn jemand durch dieses Training draufkommt, wo er Fehler macht, ist das schon ein Fortschritt. Wir versuchen, das Beherrschen von schwierigen Situationen zu lehren. Der Nebeneffekt sollte das Verstehen von richtigen Gegenmaßnahmen sein, bevor etwas passiert.

Kann man Rallyefahren lernen?

Wie bei anderen Sportarten auch suchst du einmal deine Grenzen. Natürlich auf gefahrlosem, also geschlossenem Gelände. Du schaust einmal, wann das Auto rutscht, und was dagegen zu tun ist. Im Schnee kann man viel probieren und lernen. Ich hab mich früher auch in die klassische Literatur zum Rallyesport vertieft. Nur was wir damals auf Straßen ausprobiert haben, kann heute nicht mehr riskiert werden. Daher kann man Interessenten nur eine Rallyeschule empfehlen.

Du bist in Deiner Karriere alle möglichen Antriebe gefahren. Musstest Du da jedes Mal neu lernen?

Ja. Wie wenn du beim Tennis von Rechts- auf Linkshänder umstellst. Von Heck- auf Front- oder Allradantrieb ist immer ein Neubeginn. Auch Röhrl musste den quattro lernen, als er zu Audi kam, oder das Linksbremsen wie Blomqvist es beherrschte. Aber gute Fahrer schaffen das.

Du fuhrst ja auch auf der Rundstrecke und bist dort bis heute im Testeinsatz. Macht das einem gelernten Rallyefahrer Spaß?

Ja, die Nordschleife macht Spaß! Und wenn du in einem GT3 über 180 km/h Schnitt fährst oder knapp über acht Minuten für die Runde, dann ist das am Limit. Ich halte nur nichts von Zeitenvergleichen auf der Nordschleife, wenn es sich nicht um identische Autos und Bedingungen handelt.

Du warst oft für viele Topstars als „Eis- und Schotterspion“ in Vorausautos unterwegs. Kann das befriedigen oder ist es nur ein Job?

Wenn es dem Fahrer nützt, ja. Aber diese Arbeit kann noch so gut sein, sie hilft nicht, wenn der Beifahrer nicht genau liest oder der Fahrer ihm nicht zuhört. Der Walter konnte genau umsetzen, was ihm der Christian vorlas. Da ist ein Eisspion eine wichtige Hilfe für die richtige Reifenwahl. Ich war bei vielen Siegen der beiden dabei.

Wie hältst Du Dich fit? Du könntest doch auch als Golfprofi gut leben?

Sport war in der Familie immer wichtig. Ich fuhr ja Skirennen, war im Riesenslalom Jugend-I-Landesmeister. Mit 14 brach ich mir den Oberschenkel beim Training, dann kam ich ins Werkschulheim Felbertal bei Salzburg, und da war nicht mehr ausreichendes Training möglich. Aber ich hatte dort eine hervorragende Ausbildung, Maschinenschlosser-Geselle und Matura. Mit Skirennen war es dort vorbei. Im Golf läuft es ganz gut, Handicap 3 oder 5, je nach Beurteilungsweise.

Wo siehst Du Dich in fünf, zehn Jahren?

Hoffentlich gesund und aktiv! In fünf Jahren möchte ich nur noch machen, was mir Spaß macht.

Über Sepp Haider

Sepp Haider begann nach einem „Schnuppern“ bei der ÖASC-Rallye 1975 in der folgenden Saison im Rallyesport mit Jörg Pattermann („den hab ich als Gast und Tourist bei uns kennengelernt“). Schon 1977 führte der Weg nach Deutschland, um die Führung des Familienhotels kümmerte sich primär Bruder Wolfgang, „ich machte die Buchhaltung und schaute aufs Geld“. Bis die Rallye-Laufbahn professionell wurde. Haider fuhr VW, Opel (Werkvertrag mit GM Europe), Mercedes, Audi, Citroen, Toyota und in seiner letzten Saison (1999) Peugeot. „Ich hätte noch weitermachen können, aber Peugeot Österreich meinte, ich sollte Geld einbringen. Das habe ich in meiner ganzen Karriere nicht getan. Ich war nie Bezahlfahrer. Also bekam Achim Mörtl das Auto“, schildert Haider ziemlich emotionslos. Er punktete mehrmals in WM-Läufen (u. a. Zehnter in San Remo 1987 auf Opel, Fünfter in Australien 1993 und Siebenter in Schweden 1993 jeweils auf Audi).

Seine größten Erfolge waren jedoch der Sieg in der zur WM zählenden Rallye Neuseeland 1988 mit dem unvergessenen Ferdinand Hinterleitner im frontgetriebenen Opel Kadett GSi (als zweite Österreicher nach Franz Wittmann/Jörg Pattermann, die 1987 im Lancia ebendort triumphiert hatten) und der Gewinn des deutschen Meistertitels 1989. Aufgrund seines spektakulären Stils war Haider von Beginn an Publikumsliebling, wo immer er antrat.

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