Strassensport

Berg-EM: Volksfest mit Helden und Motoren

Von - 11.07.2018 19:09

In Boecourt im Schweizer Jura müssen die Leute selber dafür sorgen, dass was los ist, und am Wochenende war echt was los: Motorrad-Bergrennen und dazu ein Strassenfest bis spät in die Nacht.

Es ist fast alles noch so wie vor 30 Jahren, als ich zum ersten Mal ein Bergrennen besuchte. Diesen Satz könnte wohl auch ein Journalistenveteran schreiben, der in der Zwischenkriegszeit von einem Bergrennen berichtete. Fast alles, das heisst: Wie schon vor 30 Jahren wurde auf der langen Geraden nach dem Start Tempo rausgenommen mittels künstlich gebauter Schikanen. Nur sind heute diese Schikanen nicht mehr aus Strohballen gebaut, sondern mit Hindernissen aus Kunststoff. Generell sieht man keine Strohballen mehr, Leitplanken, Bäume und Felsvorsprünge sind mit Airfences, grossen Luftmatratzen abgedeckt.

Nach manchmal heftigen Kontroversen in den 80er Jahren zählen die Bergrennen nicht mehr zur Schweizer Strassenmeisterschaft. Damals weigerten sich wegen der Gefährlichkeit immer wieder Fahrer, die Bergrennen zu bestreiten. Doch wer um den Titel fahren wollte, konnte es sich nicht leisten, die Bergrennen auszulassen. Dazu kam ein gewisser Druck von Sponsoren, weil es in der Schweiz seit 1955 ein Rundstreckenverbot gibt. Die Bergrennen waren die einzige Gelegenheit, die Schweizer Strassenrennfahrer auf heimischem Boden in Aktion zu sehen. Seit bald zehn Jahren gibt es eine eigene Schweizer Bergmeisterschaft. Nachdem wegen clubinterner Querelen das traditionsreiche Bergrennen von Chatel St.-Denis dieses Jahr nicht stattfindet, ist die Veranstaltung von Boecourt das einzige Rennen in der Schweiz zur Schweizer Bergmeisterschaft. In allen Klassen waren total 47 SM-Fahrer am Start. Weitere vier Rennen finden im Ausland statt.

Seit 2013 gibt es wieder eine Bergrenn-Europameisterschaft, ausgefahren in vier Kategorien. Die Supermoto-Kategorie liegt mit zwei Fahrern in Boecourt darnieder. In den Klassen Supersport und Superbike fahren je rund zehn Fahrer die ganze Meisterschaft, in der Klasse 240 GP sind es eim paar weniger. Dazu kommen in jedem Land eine Anzahl Fahrer, die ihr Heimrennen bestreiten. In Boecourt waren in der EM 27 Fahrer am Start. Während traditionelle Strassenrennen wie die Tourist Trophy oder das Northwest 200 wieder auf grösseres Interesse stossen, wird die Berg-EM unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgefahren. In Boecourt wurde den Zuschauern neben freiem Zugang zu den Fahrerlagern ein regelmässiger Busbetrieb zu den spektakulären Streckenabschnitten geboten, ebenso war der Speaker an diesen Stellen zu hören, trotzdem hielt sich der Zuschaueraufmarsch bei schönem Sommerwetter in Grenzen.

Im Rahmen der Schweizer und Europameisterschaft starteten auch verschiedene Veteranen- und Youngtimerklassen, wobei in diesen Klassen nicht auf Bestzeit, sondern auf möglichst geringe Zeitdifferenz zwischen zwei Rennläufen gefahren wird. Das geht nach überreinstimmender Aussage dieser Fahrer am besten, wenn man möglichst exakt und am persönlichen Limit fährt. Insgesamt 80 Fahrer starteten in diesen Gleichmässigkeits-Kategorien und ermöglichten mit ihren Startgeldern überhaupt die Durchführung dieses Bergrennens.

Im Umfeld der Veranstaltung ist alles noch wie früher: Am Vorabend des Rennens steigt im Dorf Boecourt ein Strassenfest, das bis spät in die Nacht andauert. Die Fahrer campieren verstreut im Dorf und am Dorfrand auf einer Wiese. Hätte es geregnet, hätten die Bauern mit ihren Traktoren die Transportfahrzeuge der Fahrer zurück auf den Asphalt schleppen müssen.

Für den Österreicher Wolfgang Gammer, der sich in Boecourt vorzeitig den Titel des Europameisters bei den Superbikes sicherte, sind die Bergrennen auch aus finanziellen Gründen attraktiv: «Ich fuhr früher Alpe Adria Cup, da kostete ein Rennwochenende locker 3500 Euro. Hier bin ich mit einem Drittel der Kosten dabei.» Diese Kosteneinsparung im Vergleich zu Rundstrecken-Meisterschaften rührt auch von den viel geringeren Renndistanzen her: Am Rennwochenende mit Trainings und vier Wertungsläufen wird die Strecke von 3 km total acht Mal befahren.

Der Franzose Jean-Luc David gewann 2015 neben den EM-Titel auch die nationalen Meisterschaften von Frankreich und Österreich, holte also im gleichen Jahr drei Titel. Trotzdem ist er weiterhin reiner Privatfahrer, sein Team besteht aus Familie und Freunden. Bergrennen werden als Einzelzeitfahren ausgetragen, es gibt keine Überholmanöver oder Positionswechsel, womit diese Disziplin fürs Fernsehen uninteressant ist. Erhöhtes Interesse brächte allenfalls die Teilnahme bekannter Strassenrennfahrer wie John McGuiness oder Guy Martin. Diese Fahrer müssten für ihre Teilnahme bezahlt werden, doch da ist niemand in Sicht, kein Hersteller und kein Sponsor, der dahingehend investieren wollte.

Die Supermoto-EM dürfte gestrichen werden, sonst wir in naher Zukunft wohl alles bleiben, wie es ist. «Wir spielen hier die 60er und 70er Jahre nach», kommentierte mit feinem Humor ein Veteranen-Fahrer die Stimmung. Eine realistische Einschätzung, die nicht negativ gemeint ist. Die Stimmung unter den Fahrern ist enthusiastisch und familiär, man hilft einander, der Veranstalter und die Helfer stammen aus der Gegend und sind ebenfalls mit Idealismus dabei, das Rennwochenende ist ein lokales Volksfest. Ein reizvolles Kontrastprogramm zu den sterilen Veranstaltungen mit WM-Status.

Adresse dieses Artikels:

© SPEEDWEEK.COM
SPEEDWEEK auf Google+
Druckansicht
Racing in freier Natur. Und statt Strohballen gibt es Airfences, es ist also nicht mehr alles so wie früher © Lüthi Racing in freier Natur. Und statt Strohballen gibt es Airfences, es ist also nicht mehr alles so wie früher Ein Youngtimerfahrer schiesst aus dem Startzelt auf die 3 km lange Strecke © Lüthi Ein Youngtimerfahrer schiesst aus dem Startzelt auf die 3 km lange Strecke Schikanen sollen die Strecke entschärfen, sind aber keineswegs unumstritten © Lüthi Schikanen sollen die Strecke entschärfen, sind aber keineswegs unumstritten Jean-Luc David: Trotz drei Bergtiteln im selben Jahr weiterhin ein Privatfahrer, der alles selber finanziert © Lüthi Jean-Luc David: Trotz drei Bergtiteln im selben Jahr weiterhin ein Privatfahrer, der alles selber finanziert
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar zu schreiben.

video

Seitenwagen-WM

Seitenwagen-WM 2018 Pannonia Ring - 26 Minuten Zusammenfassung

Speedweek auf Twitter Speedweek auf Facebook Der Speedweek RSS Feed
 

tv programm

Red Bull Moto GP Rookies Cup

So. 15.07., 21:30, Motors TV


Classic Isle of Man Tourist Trophy

So. 15.07., 22:45, Motors TV


Best of Havoc!

So. 15.07., 23:05, Motors TV


Formel E in New York (USA)

So. 15.07., 23:15, Eurosport 2


Monster Jam Championship Series

So. 15.07., 23:25, Motorvision TV


Monster Jam Championship Series

So. 15.07., 23:25, Motorvision TV


World Enduro Super Series Stop 2 - Erzbergrodeo Red Bull Hare Scramble, Highlights

So. 15.07., 23:30, ORF Sport+


Best of Havoc!

Mo. 16.07., 00:30, Motors TV


Formel E Tag 2, Highlights aus New York

Mo. 16.07., 00:30, ORF Sport+


Formel E, Highlights aus New York

Mo. 16.07., 01:00, ORF Sport+


Zum TV Programm
13