WRC

Fazit Mexiko: French Connection

Von - 13.03.2018 11:22

Sieger Sébastien Ogier und Rückkehrer Sébastien Loeb stahlen den Konkurrenten eindeutig die Show. Beide zeigten wieder einmal, warum seit 2004 kein anderer Weltmeister werden durfte

Sébastien Loeb kann zwar – möglicherweise – über Wasser gehen. Vor Fehlentscheidungen ist aber auch der neunmalige Weltmeister nicht gefeit. «Der Alarm für einen Plattfuß ging an. Bei der Rallye Dakar bedeutet das immer: Anhalten und wechseln», erzählte der Franzose später.

Nur war er gerade nicht bei der Rallye Dakar unterwegs, sondern beim WM-Lauf in Mexiko. Dort sind die Wertungsprüfungen nicht 300, 400 Kilometer lang, sondern in diesem Fall nur 31. In der Rallye-WM hat man als Fahrer in diesem Moment nicht nur eine, sondern zwei Optionen.

Nummer eins: Anhalten und wechseln. Kostet bei einem perfekt eingespielten Team weniger als zwei Minuten. Alternative: Tempo reduzieren und weiterfahren. Je nachdem, nach welcher bereits absolvierten Teilstrecke der Reifenschaden auftritt, kostet das meistens einen Kotflügel – weil der Reifen irgendwann zerfleddert und um sich schlägt – und deutlich weniger als zwei Minuten.

Hyundai-Pilot Dani Sordo hatte exakt in jener 14. Wertungsprüfungen ebenfalls einen Plattfuß. Der Spanier entschied sich für Option zwei, büßte 30 Sekunden ein und wurde am Ende Zweiter. Loeb und Beifahrer Daniel Elena wechselten, waren zweieinhalb Minuten langsamer als der spätere Sieger Sébastien Ogier, verloren in diesem Moment die Führung und wurden schließlich Fünfte.

«Ich habe mich vor der Rallye offensichtlich nicht gut genug informiert, wie widerstandsfähig die heutigen Reifen sind», gab Loeb zu. «Mit einem Zeitverlust von 30 Sekunden hätte ich vielleicht noch um den Sieg kämpfen können.»

Dieser Fehlgriff verhinderte zwar die in der Luft liegende Sensation eines Loeb-Siegs, schmälert die Leistung des Citroën-Aushilfswerksfahrers aber nicht im Geringsten. Klar hatte Loeb den Vorteil, bei seiner ersten Schotter-Rallye seit fünf Jahren – die letzte hatte er 2013 in Argentinien gewonnen – zur ersten Etappe als Elfter zu starten. Er hatte also zehn Konkurrenten als Straßenfeger vor sich.

Aber auch einen solchen Vorteil muss man erst einmal ausnutzen können. «Mein größtes Problem war, wieder dem Aufschrieb blind zu vertrauen», beschrieb Loeb, der in den vergangenen Jahren in der Rallycross-WM komplett ohne Beifahrer und bei der Rallye Dakar – beides als Peugeot-Werksfahrer – nur mit einem rudimentären Roadbook auskommen musste.

Außerdem kannte er, im Gegensatz zu einigen Konkurrenten, viele der Mexiko-Prüfungen noch nicht. Was Loeb/Elena nicht daran hinderte, auch auf solchen WPs Bestzeiten zu fahren. Die Verständigung zwischen Pilot und Beifahrer schien also funktioniert zu haben.

Was uns direkt zum zweiten Franzosen bringt, der in Mexiko die Schlagzeilen beherrschte – Sébastien Ogier. Seine Startposition (zwei) am Freitag war nur geringfügig besser als zuletzt in Schweden (eins). Doch statt sich erneut bei jeder Gelegenheit über die ungerechte Behandlung der Tabellenspitze zu beschweren, biss der Ford-Pilot diesmal die Zähne zusammen und gab einfach Gas.

Die erste Etappe beendete Ogier als Fünfter, nur 30 Sekunden hinter dem zu diesem Zeitpunkt Führenden Dani Sordo, der als Sechster eine optimale Startposition hatte. Am Samstag, bei umgedrehter Startreihenfolge, verbesserte sich Ogier scheinbar mühelos auf Rang eins. «Das war vielleicht seine stärkste Leistung, seitdem er für mich fährt», lobte Teamchef Malcolm Wilson.

Umso unverständlicher ist für mich, warum sich Ogier bei der abschließenden Powerstage wie schon in Schweden auf eine Trickserei einließ.

Kurze Rückblende: Bei der Rallye Schweden hatte Beifahrer Julien Ingrassia zur letzten WP absichtlich viel zu spät gestempelt, um noch einige Konkurrenten mehr als Straßenfeger vor sich zu haben. Damals ging es für die beiden Franzosen darum, überhaupt noch ein paar WM-Punkte mehr zu retten. Was mit Rang zwei auf der Powerstage auch gelang.

Zurück nach Mexiko. Dort sorgte auf der Powerstage eine Schikane für Diskussionen. Sie war nur mit leichten Kunststoffbarrieren aufgebaut. Was natürlich den einen oder anderen Fahrer dazu verlockte, sie in die Ideallinie mit einzubeziehen, um zwei, drei Zehntelsekunden zu gewinnen. Das konnte man beim ersten Durchgang zwei Stunden zuvor schön beobachten.

Also fragte Ingrassia bei der Rennleitung nach, ob das Verschieben der Schikane eigentlich nicht bestraft werde. Die offizielle Auskunft lautete: Sollte ein Auto in der Schikane abkürzen, werde der Fall den Sportkommissaren gemeldet. Die Botschaft war eigentlich klar: Lasst es lieber sein.

Trotzdem fuhr Ogier anschließend während der Powerstage durch besagte Schikane eine sehr aggressive Linie und verschob zwei von drei Barrieren. «Das war keine Absicht», behauptete der Ford-Pilot später.

Oh Wunder, musste er inklusive Teamleitung bei den Schiedsrichtern antreten. Das dreiköpfige Gremium, unter ihnen die als frühere Beifahrerin ebenfalls mit allen Wassern gewaschene Deutsche Waltraud Wünsch, verhängte gegen den Rallyesieger eine Zehn-Sekunden-Zeitstrafe. Ogier/Ingrassia behielten dadurch zwar den Gesamtsieg, fielen im WP-Ergebnis aber von Rang zwei auf sieben zurück. Die beiden verloren also ironischerweise exakt jene vier Punkte, die sie in Schweden deutlich geschickter ergattert hatten.

Da kann ich nur fragen: Wie blöd kann man denn sein? Vorher die Rennleitung auf eine denkbare Trickserie hinweisen und hinterher auf «unschuldig» plädieren? Für wie bescheuert haltet ihr eigentlich die Sportkommissare?

Ogier beziehungsweise sein Team wollen gegen die Entscheidung der Sportkommissare in Berufung gehen. Auf die Begründung bin ich mal gespannt.

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Und wieder ein Paar Sieger-Stiefel – Sébastien Ogier (rechts) und Beifahrer Julien Ingrassia auf dem Podium © Red Bull Content Pool Und wieder ein Paar Sieger-Stiefel – Sébastien Ogier (rechts) und Beifahrer Julien Ingrassia auf dem Podium
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