WRC

Fazit Portugal: Sébastien Ogier vs. Andrea Adamo

Von - 06.06.2019 16:28

Umstrittene Taktikspielchen sorgten schon häufiger für Gesprächsstoff. Ein Weltmeister und ein Teamchef ließen das Ganze jetzt eskalieren

Andrea Adamo traut man inzwischen offenbar so ziemlich alles zu. Der erst seit Beginn der Saison 2019 amtierende Hyundai-Teamdirektor, bis dahin als Kundensportmanager der koreanischen Marke eher unter dem Radar, hatte sich mit skrupelloser Rochade seiner Fahrer ins Rampenlicht gespielt.

Doch das ist nichts gegen das, was ihm nach der Rallye Portugal kein Geringerer als Weltmeister Sébastien Ogier vorwarf: grobe Unfairness. Mit vor Entrüstung zitternder Stimme, vor der versammelten Journalistenschar während der Pressekonferenz nach dem Ziel. Er wisse aus sicherer, natürlich nicht genannter Quelle, behauptete der Citroën-Werksfahrer, dass Adamo seinen Angestellten Dani Sordo zu einem besonders perfiden Taktikspielchen aufgefordert habe.

Dazu zunächst die Rahmenbedingungen. Durch den bis dato trockenen Sommer waren die Schotter-Wertungsprüfungen im Norden von Portugal extrem staubig. Bei Windstille – und im abschirmenden Wald – reichte der Startabstand von zwei beziehungsweise drei Minuten häufig nicht dazu aus, dass sich der von einem Auto aufgewirbelte Staub bis zum folgenden Konkurrenten wieder gelegt hatte. Teilweise starke Sichteinschränkungen waren die Folge. Am Samstag hatte der Veranstalter bereits den Startabstand ausschließlich für die Top-Teams – (Ironie ein) weil sich der Staub erfahrungsgemäß für Privatfahrer schneller verzieht (Ironie aus) – auf fallweise drei oder vier Minuten erhöht.

Um das Risiko für seinen Topfahrer Thierry Neuville, der nach Benzinversorgungsproblemen der Teamkollegen Sébastien Loeb und Dani Sordo am Freitag als einziger Hyundai-Pilot noch in der Spitzengruppe rangierte, noch weiter zu reduzieren, griff Adamo nach Ogiers Ansicht ein wenig zu tief in die Trickkiste.

Tatsächlich wirbelten Loeb und Sordo am Samstag und am Sonntag die Startreihenfolge durcheinander. Für die beiden waren eigentlich – aufgrund der schlechten Postion im Etappenergebnis vom Freitag – Startpositionen ziemlich weit vorne vorgesehen. Für Loeb die zweite (Samstag) und vierte (Sonntag), für Sordo die erste beziehungsweise dritte.

Durch zu spätes Stempeln an den passenden Zeitkontrollen sortierten sich der neunmalige Weltmeister und der Spanier aber noch hinter Ogier (7+8) und vor Neuville (planmäßig 8 + 9) ein. Der Gedanke dahinter: Ogier würde nicht von den wertvollen Straßenfeger-Diensten der Herren Loeb und Sordo profitieren, Teamkapitän Neuville schon. Die für das späte Stempeln fälligen Strafzeiten nahmen Loeb und Sordo in Kauf. Sie hatten ohnehin nichts mehr zu verlieren.

Soweit so in der Grauzone des Reglements.

Ogier wollte von seinem Informanten aber erfahren haben, die Hyundai-Truppe plane, noch einen Schritt weiterzugehen. Was, wenn der direkt vor Neuville startende Sordo kurz nach Start am Pistenrand parken, Neuville durchlassen und erst hinter ihm weiterfahren würde?

So hätte sich Neuvilles Abstand zum Vordermann mit einem Schlag verdoppelt, die Staubbelästigung entsprechend verringert. Je nach Wartezeit Sordos würde sich außerdem für den hinter Neuville startenden Toyota-Piloten Kris Meeke – am Samstag Gesamtdritter, am Sonntag bis zum Ausfall sogar Zweiter – die Sichtbehinderung durch Staub verstärken.

Abgesehen davon, dass dieser Trick alt ist, ebenfalls in Portugal schon 1984 vom Audi-Werksteam in ähnlicher Form angewandt wurde, hätte Adamo damit zumindest für die aktuelle Ära in der WM eine neue Eskalationsstufe der Taktikspielchen eingeleitet. Tricks mit der Startreihenfolge hat es auch in jüngerer Vergangenheit gelegentlich gegeben. Monsieur Ogier, erinnern Sie sich noch an die Rallye Schweden 2018?

Und natürlich wurden dabei auch immer Konkurrenten benachteiligt, wenn auch nur indirekt. Sonst würde die ganze Nummer ja keinen Sinn machen. Bestes Beispiel: der mittels langsamer Powerstage-Zeit in Portugal freiwillig eingeleitete Verzicht von Toyota-Pilot Ott Tänak auf die Tabellenführung. Die ungeliebte Startposition eins für die kommende Rallye Sardinien bleibt damit bei Tabellenführer Ogier. Vorteil Tänak, Nachteil Ogier. Keine Diskussion.

Adamo hat sich zu dem Vorwurf des Champions bisher nur halbgar geäußert. «Kein Kommentar» ist nicht gerade ein Dementi. Sordo hat einer spanischen Tageszeitung erzählt, er wisse überhaupt nicht, wovon Ogier redet. Faktisch steht also erst einmal Aussage gegen Aussage.

Adamos Schweigen trägt jedenfalls nicht dazu bei, sein angekratztes Image aufzupolieren. Cesare Fiorio, bei Lancia und Ferrari zum  Großmeister aller tricksenden Teamchefs herangereift, hat gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert. Ins Klischee passt, dass Andrea Adamo auch Italiener ist.

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