Editorial

Lewis Hamilton: Die wahre Mission des Champions

Von - 03.11.2019 22:18

​Lewis Hamilton ist nach 2008, 2014, 2015, 2017 und 2018 zum sechsten Mal Weltmeister. Zum Schrecken seiner Gegner hat er angekündigt: Er wird noch jahrelang fahren. Aber das ist nicht seine grösste Mission.

2002 schaffte Michael Schumacher, was viele Rennexperten nicht für möglich gehalten hätten: Mit seinem dritten Titel für Ferrari machte sich der Kerpener zum fünffachen Weltmeister – gleich viele Titel also, wie der legendäre Juan Manuel Fangio in den 50er Jahren geholt hatte. Michael war damals noch nicht ganz fertig: 2003 und 2004 legte der Ferrari-Star nach, am Ende stand Schumi bei sieben Titeln.

Lewis Hamilton ist nach dem Grossen Preis der USA in Austin (Texas) nun Formel-1-Weltmeister 2019. Zum sechsten Mal nach 2008 (damals mit McLaren) sowie 2014, 2015, 2017 und 2018 (im Silberpfeil). Wäre ihm 2016 nicht Nico Rosberg vor der Sonne gestanden, Hamilton hätte in der neuen Turbo-Ära einen glatten Durchmarsch gezeigt.

Der 34jährige Engländer ist der zweite Fahrer nach Schumi, dem sechs Titel gelungen sind, er ist nun erfolgreicher als der grosse Fangio. Als Lewis mit dem legendären Argentinier gleichzog, meinte er fassungslos: «Allein der Gedanke ist unwirklich, im gleichen Satz wie Fangio genannt zu werden, verrückt, unfassbar.» Hamilton zeigte Demut, und sie war nicht gespielt.

Keiner wird widersprechen, wenn ich behaupte: Der kompletteste Fahrer der Gegenwart ist Champion geworden, so wie es in unserem Lieblingssport sein sollte. Es sind nicht so sehr die Pole-Positions, besten Rennrunden und Siege, die mich tief beeindrucken, es ist vielmehr die Fehlerquote. Oder der Mangel einer solchen. Das Fundament von Hamiltons Titeln besteht aus dem anhaltend hohen Niveau, auf dem er fährt.

Hamilton hat zehn Saisonrennen gewonnen und steht bei 83 Siegen. Nur Michael Schumacher (91 Siege) liegt vor ihm, noch vor ihm, müsste ich eigentlich schreiben, denn der Rekord von Michael wird fallen.

Hamilton ist seit Österreich 2018 nicht mehr ausgefallen, in 31 Rennen danach stand er 27 Mal auf dem Siegerpodest. Ja, die jungen Wilden wie Max Verstappen und Charles Leclerc sind die Champions von morgen und schnappen wie freche Hunde nach den Waden des Meisters, zudem hat Sebastian Vettel den Plan noch nicht aufgegeben, Weltmeister mit Ferrari zu werden. Aber Hamilton hat ihnen allen voraus, dass er viel weniger Fehler macht. Ein scharfer Silberpfeil erledigt den Rest.

Hamilton hat angekündigt, dass er die neue Formel 1 ab 2021 faszinierend findet und unbedingt ein Teil dieser neuen GP-Ära sein will. Dass er dabei mehr Gegenwind erhalten wird, ist ihm nur recht, das passt zu seinem Lebensmotto «Still I rise», an Widerständen wachsen, sich ständig verbessern, sich am Ende durchsetzen. «Still I rise» ist nicht zufällig farbig in seine Haut geschossen oder steht hinten auf seinem Helm.

Der andere Lewis Hamilton

Lewis Hamilton polarisiert. Viele Fans können mit seiner eigenwilligen Frisur, den bunten Klamotten und dem Bling-Bling von Ketten, Ohrsteckern oder Nasenringen wenig anfangen. Sie finden es albern, wenn sich Hamilton Kleiderlinien entwirft oder mit Musikern und Film-Stars abhängt. Aber es sind genau solche Facetten, welche aus Hamilton einen echten Star machen.

Ohne den nervenzermürbenden Kampf gegen Nico Rosberg ist Hamilton aufgeblüht. Er wirkt lockerer als früher. Aber er ist Manns genug, seine Verletzlichkeit nicht zu verbergen. Das ist mutig, das zeigt Rückgrat.

Sein Appell zu mehr Umweltbewusstsein vor einigen Wochen war wie ein Hilfeschrei.

Umwelt und Rassismus

Die Anhänger des Superstar Lewis Hamilton fragten sich besorgt: Was nur war in den Briten gefahren, dass er sich mit solchen Worten auf Instagram gemeldet hat? «Ehrlich, ich hätte gute Lust, alles hinzuschmeissen. Alles herunterzufahren. Warum soll ich mir die Mühe machen, wenn die Welt so eine Schweinerei ist und es den Leuten egal zu sein scheint? Ich brauche einen Moment, um meine Gedanken zu sammeln. Danke an alle, welchen die Welt nicht scheissegal ist.»

Die Worte gaben zu denken, die Hamilton weiss auf schwarzem Grund ins Netz stellte. «Ich habe 32 Jahre gebraucht, um zu verstehen, welche Auswirkung ich auf die Welt habe. Ich versuche jeden Tag herauszufinden, was ich machen kann, um eine bessere Rolle zu spielen. Ich will, dass mein Leben eine Bedeutung hat, und ehrlich gesagt, bislang hatte mein Leben wenig Bedeutung. Ein Teil der Probleme zu sein, das ist nicht bedeutend; Teil der Lösung zu sein hingegen schon. Ich strebe danach, es besser zu machen.»

«Es stimmt mich traurig, wenn ich daran denke, wo diese Welt hinsteuert. Unser Aussterben wird mehr und mehr wahrscheinlich, denn wir plündern unsere Ressourcen. Die Welt ist wirklich ein total kaputter Ort. Führende Politiker sind entweder ungebildet oder ihnen ist die Umwelt einfach schnuppe.»

Dunkle Gedanken hatte Hamilton offenbar schon in Suzuka. Auf die Frage, was er am trainingsfreien Samstag unternehmen werde, wenn sich wegen des Taifuns Hagibis kein Rad drehe, antwortete der Champion: «Ich spiele mit dem Gedanken, in eine Bucht zu fahren, in welcher Delfine abgeschlachtet werden. Es wäre eine gute Gelegenheit, um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen.»

Im Oscar-preisgekrönten Dokumentarfilm «The Cove» wurde das vor zehn Jahren schon angeprangert. Die Filmemacher zeigen, wie im japanischen Küstenort Taiji (drei Autostunden von Suzuka entfernt) regelmässig rund 2000 Delfine, hauptsächlich grosse Tümmler, in eine nicht einsehbare Bucht getrieben werden, die durch Zäune, Stacheldraht und Sicherheitspersonal abgeschottet ist. Die schönsten Tiere werden separiert und anschliessend an Delfinarien in aller Welt verkauft. Taiji ist dabei der weltweit grösste Verkäufer von Delfinen an Meeresparks und Delfinarien. Die restlichen Tiere werden getötet. Nach Angaben der Filmemacher werden insgesamt in Japan jedes Jahr 23.000 Delfine getötet.

Auch bei der jüngsten Instragram-Tirade ging Hamilton auf Tiere und Tierhaltung ein: «Ich ermahne euch dringend, ein wenig zu recherchieren. Findet jenes Mitgefühl in euch, von dem ich weiss, dass es da ist. Ihr müsst euch darüber klarwerden, was ihr dazu beitragt, dass die Fleisch- und Milchprodukte-Industrie weiter floriert. Als Konsequenz haben wir Abholzung, Grausamkeit gegenüber Tieren, unsere Meere und unser Klima zerfallen jeden Tag mehr. Werdet vegan, das ist der einzige Weg, um unseren Planeten heute zu retten. Das geht so einfach, ihr müsst euch lediglich dazu entscheiden.»

Die Fans spüren instinktiv: Das ist kein Marketing-Blabla, das kommt aus tiefstem Herzen.

Ich fand es berührend, wie er in Singapur 2017 über seine Ansichten zur Welt sprach oder in den Sommerferien mit Kumpels eine Meeresbucht von Plastikabfall befreite. Der von Latexhandschuhen geschützte Hamilton postete Mitte August 2018 Videos und Bilder und schimpfte auf seinen sozialen Kanälen: «Leute, ich möchte, dass ihr euch dessen bewusst seid, was ihr mit dem ganzen Plastik anrichtet, den ihr kauft und dann wegschmeisst. Der landet hier, es ist wirklich eklig. Ich bin an einem der so vielen schönen Orte dieser Erde, und dann sind wir über diese Schweinerei gestolpert. Wir konnten nicht einfach wegschauen, wir mussten etwas machen. Wir alle müssen handeln, wir müssen aufhören, Firmen zu unterstützen, die blind auf ihren Profit fixiert sind – zu Lasten unseres schönen Planeten. Was wir kaufen, das endet an einem solch verdammten Ort am Meer.»

«Wo immer ihr auf der Welt seid und einkaufen geht – seid euch bewusst darüber, was ihr kauft und wie es eingepackt ist. Benutzt Papiertüten. Kauft nichts von Arschloch-Firmen, die Geld scheffeln und die Welt versiffen. Wir müssen uns anstrengen, wir müssen gewissenhaft sein und streng. Ich will in der Formel 1 und bei Mercedes-Benz bewirken, dass Tausende von Menschen kein Plastik mehr kaufen und sicherstellen, dass ihr Müll am richtigen Ort landet. Sagt es euren Freunden, erzählt es jedem weiter.»

Arschloch-Firmen, das ist starker Tobak. In Zeiten politischer Korrektheit kommt das in aller Öffentlichkeit den wenigsten Sportlern über die Lippen.

In den sozialen Netzwerken wurde die Aufräumaktion als scheinheilig gebrandmarkt. Auch die düsteren Worte erzeugten teilweise Hohn. Im Sinne von: Sich über die Umwelt auslassen, aber im Privat-Jet um die Welt heizen, gewiss.

Aber Hamilton redet und handelt eben spontan und mit ganzer Seele. Er bietet mehr als jenes Marketing-Gewäsch, welches wir von anderen Piloten als Dutzendware aufgetischt erhalten. Hamilton kann sich offenbaren. Das ist in der Formel 1 selten. Solche Offenheit braucht Mumm. Keiner muss Meinungen teilen, die Hamilton von sich gibt. Aber ich empfinde Respekt dafür, dass er frei von der Leber weg spricht, wenn ihm etwas wichtig ist.

Vielleicht besteht die grösste Mission von Lewis Hamilton nicht darin, erfolgreichster Formel-1-Fahrer zu werden, sondern aus der Welt einen besseren Ort zu machen. Das finde ich ehrenvoll.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff ist überzeugt davon, dass Hamilton davon geprägt worden ist, als Farbiger in der englischen Provinz aufzuwachsen. Lewis selber reagiert auf das Thema Rassismus äusserst sensibel.

Ein Beispiel.

England hatte im vergangenen März bei der EM-Qualifikation mit Montenegro kurzen Prozess gemacht – 5:1. Lewis Hamilton twitterte: «Gratulation an England zum 5:1 in der vergangenen Nacht, ihr macht uns alle stolz. Was ihr euch habt anhören müssen, war verachtenswert, komplett inakzeptabel, in keinem Sport sollte Platz für so etwas sein.»

Was war passiert? Beim EM-Qualifikationsspiel in Podgorica (Montenegro) wurden drei dunkelhäutige Nationalspieler von England rassistisch beleidigt. Sie mussten sich von vermeintlichen Fans Affenlaute und andere Schmähungen anhören. Raheem Sterling von Manchester City sagte anschliessend: «Ein paar Idioten haben einen tollen Abend ruiniert.»

Englands Trainer Gareth Southgate nach dem Skandal: «Meine Kinder denken keine Minute darüber nach, wo Menschen geboren sind oder welche Hautfarbe sie haben. Junge Menschen sind noch unschuldig. Um sie müssen wir uns kümmern. Sanktionen sind wertlos, wenn sie nicht von Erziehung begleitet werden.»

Im Fahrerlager von Bahrain ist Lewis Hamilton damals auf seinen Tweet angesprochen worden. Er vertiefte: «Es ist einfach verrückt, dass Rassismus in der heutigen Zeit noch so markant ist. Auf der ganzen Welt ist das nach wie vor ein Riesenthema, das finde ich traurig. Und mir scheint, beim Thema Rassismus ändert sich auch nichts. Daher ist es wichtig, dass die Leute sich für Mitmenschen starkmachen.»

«Auch wenn mir klar ist, dass ich über meine sozialen Kanäle zahlreiche Menschen erreichen kann – es gibt Vieles, das ich lieber nicht poste. Ich will da ein Gleichgewicht wahren, denn ich habe auch sehr viele junge Follower. Gleichzeitig haben wir in der Welt so viele Baustellen. Menschen mit Einfluss sollten ihre Macht dazu nutzen, solche Zusammenhänge zur Diskussion zu stellen, in der Hoffnung auf eine Veränderung zum Besseren.»

Lewis Hamilton kennt die Thematik: Vor der Saison 2008 verkleideten sich einige Dummköpfe bei den Wintertests in Spanien als Schwarze und trugen T-Shirts mit der Aufschrift «Hamiltons Familie», auch mit der einen oder anderen Banana wurde gewedelt. Fans mit geschwärzten Köpfen waren auch später im Mai im Rahmen des Grossen Preises von Spanien zu sehen.

Lewis Hamilton: «Wir sollten rassistischen Tendenzen entschlossener entgegenwirken.»

Ein ungeliebter Champion?

Im Rahmen des britischen Grand Prix ist Lewis Hamilton darauf angesprochen worden, wieso die Mansell-Mania aus Anfang der 90er Jahre nicht das gleiche Feeling habe wie die Begeisterung der Briten für Lewis Hamilton in der Gegenwart. Der englische Journalist Ben Hunt: «Mir scheint, Hamilton tut sich schwer damit, die britische Öffentlichkeit zu begeistern, also Menschen, die nicht unbedingt Formel-1-Fans sind. Hamilton wird nicht so uneingeschränkt bewundert wie Mansell damals.»

Hamilton wirkte auf die Frage verdutzt. «Ich weiss nicht so recht, was ich darauf sagen soll. Generell hat jeder Mensch ein Recht darauf zu unterstützen, wen immer er will. Als ich als kleiner Bub in Stevenage aufgewachsen bin, da hätte ich nie gedacht, dass mir ausser Mum and Dad mehr Menschen zur Seite stehen. Ich fühle mich privilegiert, mich jemand unterstützt. Je mehr, desto besser. Je mehr Zeit ich hier verbringe, desto eher kann ich jemanden von mir überzeugen. Aber generell bin ich dankbar dafür, was ich habe.»

Den früheren Fussball-Star Rio Ferdinand hat die Richtung solcher Fragen verärgert. Der Ex-Nationalspieler (81 Einsätze für England) fühlte sich zu einem Post auf Instagram genötigt, in dem er solchen Fragestellern rassistische Untertöne zuschiebt.

Der einstige Spieler von Manchester United meinte: «Das sind die üblichen Fragen in der Art von ‘Aber Sie leben doch in Monaco. Ihr Akzent ist nicht richtig britisch. Und dann ihr Lebensstil mit all diesen Reisen und den Klamotten.’ Zunächst mal – Formel-1-Fahrer tendieren eben dazu, in Monaco zu wohnen, das schliesst unseren früheren Weltmeister Jenson Button ein. Wurde Jensons Qualität als Brite deswegen je in Frage gestellt? Keine Chance. Ich sage euch wieso – weil er ähnlich aussah, ähnlich klang, sich ähnlich kleidete und ähnlich herumging wie die Menschen, die Hamilton solche Fragen stellen.»

Natürlich wurde in der Folge Hamilton auf die Aussagen von Rio Ferdinand angesprochen. Der Mercedes-Star diplomatisch: «Das ist ein Weg, den ich nicht einschlagen möchte. Jeder Tag ist eine Gelegenheit, um zu glänzen und etwas Neues zu versuchen. Meine Mutter ist weiss, mein Vater ist schwarz. Ich habe das Beste beider Welten. Ich habe Unterstützung von Menschen aller Religionen, aller enthnischen Hintergründe, und ich kann hoffentlich eine kleine Rolle dabei spielen, die Menschen einander näher zu bringen.»

«Ich habe Fans, die sich bei einem Rennen kennengelernt haben. Ich habe Fans, die ihren Partner vor dem Rennwagen um seine Hand gebeten haben. Ich habe Menschen verschiedenster Gruppen aus ganz verschiedenen Städten, die als Hamilton-Fans durch die Grands Prix zueinander gefunden haben. Das wäre nie passiert, wenn sie sie mich nicht unterstützen würden. Und darauf bin ich wirklich stolz.»

Lewis Hamilton: «Ich bin kein Playboy»

Hier eine Modeschau in Mailand oder Paris, da ein Dinner mit einer Sängerin oder einem Supermodel in New York, ab ins Musikstudio nach Los Angeles, dann weiter nach Shanghai zur Präsentation der eigenen Modelinie. Lewis Hamilton ist im Grunde der einzige richtige Formel-1-Star, ein echter Jet-Setter.

Er selber jedoch sagt von sich: «Ich führe kein Playboy-Leben. Ich trainiere mindestens so hart wie die Anderen. Ich weigere mich einfach, ein fades Dasein zu fristen, nur weil ich Rennfahrer bin. Da gibt es eine Schablone, die irgendeiner mal für einen Rennfahrer entworfen hat. Du musst ein Spiesser sein und hübsch in die Schachtel des Modellrennfahrers passen, leider steht auf dieser Schachtel ‘stinklangweilig’. Mach ja nichts Anderes als Tag und Nacht an den Rennsport zu denken! Ja kein Spass, ja kein Lächeln! Da komme ich mir vor, als wäre mir geraubt worden, normal heranzuwachsen. Ich hängte nicht mit Kumpels ab, ich war ständig auf den Sport fokussiert, immer pflichtbewusst, immer ernsthaft.»

«Ich probiere heute gerne Neues aus. Doch ich bin deswegen nicht weniger auf meinen Job konzentriert als meine Arbeitskollegen. Sie leben vielleicht anders. Sie gehen nach einem GP-Wochenende nach Hause, du triffst sie nicht bei Veranstaltungen. Aber ich trainiere mindestens gleich viel wie sie, wenn nicht härter, auch wenn ich noch all das andere Zeugs mache.»

Seine scheinbare Ruhelosigkeit erklärt er so: «Ich habe all diese Energie. Ich trainiere, ich reise, ich lerne mehr über Musik und über Mode, ich lese sehr viel. Ich will nichts verpassen. Ich will alles kosten. Wenn ich mit Jay-Z oder Pharrell Williams ins Studio gehen kann, dann pack ich die Gelegenheit beim Schopf. Warum nicht? Ich mag es, in Gesellschaft wahrer Grösse zu sein.»

Aus einem Programm, das andere Fahrer auslaugen würde, bezieht Hamilton Energie.

In China meinte Lewis, vor Beginn der Modeschau mit seinen Kleidern sei er nervöser gewesen als vor dem Start eines Grand Prix. Wenn er von solchen Momenten spricht, leuchten seine Augen, seine Freude ist ansteckend und eine Wohltat im Haifischbecken Formel 1.

Für die Formel-1-Leitung ist Lewis Hamilton ein Geschenk des Himmels. Kein Fahrer hat mehr Anhänger in den sozialen Netzwerken, keiner postet fleissiger, keiner lebt das Image des Formel-1-Weltstars so konsequent und intensiv.

Immer wieder höre ich, dem modernen GP-Sport mangle es an echten Typen. Ich gestatte mir, zu widersprechen.

Lewis Hamilton, der sich eine Goldkette um den Hals hängt, seinen Körper zum Tattoo-Gesamtkunstwerk verändert, Bilder von seinen Hunden ins Netz stellt oder von coolen Autos, der Müll wegräumt, der auf dem Piano herumklimpert, mit einem Tiger schmust, Modewochen besucht, sich die Haare blondiert oder zum Irokesen schneidet, mit einigen der schönsten Frauen der Welt am Arm anzutreffen ist, für vegane Ernährung plädiert, Rassismus anprangert und so zwischendurch die Konkurrenz in Grund und Boden fährt – also, wenn das bitteschön kein Typ ist, wer dann?

Seit Hamilton die Zwangsjacken namens Ron Dennis, Nicole Scherzinger und Nico Rosberg abgelegt hat, wirkt er glücklich. Er geniesst ganz offensichtlich, was er tut. Niemand sagt ihm wie früher bei McLaren, ob er seine Serviette beim Essen jetzt nach links oder nach rechts gefaltet sein soll.

Mercedes führt Hamilton an der langen Leine. Teamchef Toto Wolff ist Pragmatiker: So lange Hamilton auf der Piste Leistung bringt, ist sein Privatleben – so durchgeknallt es hin und wieder auch scheinen mag – wirklich sein Privatleben. Wolff: «Wenn Hamilton Freude an all dem hat, was er so macht, warum sollten wir ihn daran hindern?»

Bei aller Reife ist Lewis Hamilton im Kern der kleine Bub aus Stevenage geblieben. Dieses Glitzern in den Augen, wenn er von einem Erlebnis schwärmt wie etwa vom Kartfahren mit Kids, samt Herumblödeln für alberne Instagram-Fotos, diese Verletzlichkeit, wenn er einen Tiefschlag verdauen muss und offen darüber redet – Hamilton ist stets sich selber treu, zum Glück für uns ist er ein miserabler Schauspieler.

Die Formel 1 soll Emotionen wecken. Fahrer, die mit eintöniger Stimme auswendig gelernte Floskeln von sich geben, wecken keine Emotionen. Hamilton wird von vielen verehrt, von anderen verschmäht. Aber er lässt keinen kalt.

Was kann Hamilton noch alles erreichen?

Hamiltons Landsmann Nigel Mansell meint: «Lewis Hamilton wird nur von einem Faktor beschränkt – nämlich von sich selber. Wenn das innere Feuer lodert, wenn er sich weiter so motivieren kann, dann gibt es für Hamilton fast keine Grenzen.»

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