Vor GP-Saison 2020: 10 Lehren aus den Wintertests

Von Mathias Brunner
Editorial
So dürfte das auch in Australien aussehen: Mercedes vor Red Bull Racing-Honda, allerdings dann ohne Messgitter

So dürfte das auch in Australien aussehen: Mercedes vor Red Bull Racing-Honda, allerdings dann ohne Messgitter

​Wo genau stehen wir nach Abschluss der sechs Wintertesttage auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya? Selbst die Rennställe sind sich dessen unsicher. Zehn Lehren aus den Tests haben wir dennoch gezogen.

Wo stehen wir nach sechs Tagen Formel-1-Testfahrten auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya? GP-Sieger Johnny Herbert gibt zu bedenken: «Das grosse Bild täuscht nicht, was die Hackordnung angeht, aber Fakt bleibt – nur die Rennställe selber wissen, mit wieviel Sprit gefahren worden ist. Sie können bis auf die Zehntelsekunde hochrechnen, wozu ihre Autos mit fast leerem Tank und auf den weichsten Pirelli in der Lage sind. Aber ich glaube nicht, dass sie die Gegner exakt einschätzen können.»

Dennoch haben wir gewisse Lehren ziehen können aus den Tests in Katalonien. Hier einige Beobachtungen von entlang der Strecke und aus dem Fahrerlager.

Sechs Tage reichen
Gross war das Wehklagen, als bekannt wurde, dass die Wintertests von acht auf sechs Tage verkürzt werden. Und dann fuhren die neuen GP-Renner am ersten Tag so viel wie nie zuvor. AlphaTauri-Teamchf Franz Tost: «Die Ingenieure würden am liebsten Tag und Nacht testen, fragt man aber die Finanzverantwortlichen, dann würden sie am liebsten alle Tests streichen, weil es eine ziemlich teure Angelegenheit ist.» Technikchef Andy Green von Racing Point: «Von mir aus könnten wir nur zwei Tage fahren. Dann hätten wir beim ersten Rennen ein verstärktes Element der Unwägbarkeit. Ich weiss zu schätzen, welche tolle Arbeit die Rennställe machne, wenn neue Autos so standfest laufen, aber ein wenig mehr Rätsel könnte nicht schaden.»

Ferrari blufft (oder eben nicht)
Die Ferrari-Gegner glauben: Der berühmteste Rennstall der Welt hat in Spanien nicht gezeigt, was die Italiener wirklich können. GP-
Sieger Herbert kann darüber nur lachen: «Aber das hat doch kein Top-Team getan.» Ferrari wird unterstellt, in Katalonien nie mit voller Leistung gefahren zu sein. Teamchef Mattia Binotto dementiert. «Wir machen hier keine Spielchen. Wir haben zum WM-Beginn nicht das schnellste Auto. Um wie viel wir hinten liegen, wird sich in Melbourne zeigen.» Auf eine schnelle Quali-Runde ist der Rückstand auf Mercedes grösser als im Dauerlauf.

Racing Point blufft nicht
Normalerweise stapeln die Verantwortlichen der GP-Rennställe gerne tief. Lieber wenig versprechen und dann später nicht erklären müssen, warum es nicht so gut gelaufen ist (siehe Ferrari 2019). Ganz anders Racing Point. Teamchef Otmar Szafnauer und Technikchef Andy Green sprechen mit geradem Rücken davon, dass sie im ersten WM-Teil Ferrari auf die Nerven gehen können. Vierte Kraft sind sie ohnehin, das zeigen die bärenstarken Auftritte von Sergio Pérez. In Barcelona hatten die Pink Panther immer geschwächelt, mit der Kopie des 2019er Mercedes ist das Team schnell.

Die Sorgen von Mercedes
An sich müssten sich die Dauer-Weltmeister von Mercedes-Benz keine Sorgen machen. Sie haben erneut das schnellste Auto im Feld. Mit dem genialen Lenkungstrick DAS (dual axis steering) haben sie alle Gegner kalt erwischt. Johnny Herbert: «DAS wird die WM nicht entscheiden, aber es zeigt einmal mehr, wie hungrig dieses Team bleibt und dass in der Formel 1 Raum für komplett Neues bleibt, auch wenn wir ein stabiles Reglement haben.» Das Problem des Silberpfeils: Er ist nicht kugelsicher. «Ja, ich mache mir Sorgen», sagt Weltmeister Lewis Hamilton in Sachen Standfestigkeit. Der sechsfache Weltmeister weiss: Eine Anomalie in der Ölversorgung klingt nach keiner grossen Sache, aber das Auto bleibt trotzdem stehen. Mercedes-Kunde Williams musste zwei Mal den Motor wechseln.

Red Bull Racing-Honda lauert
Die Seilschaft aus England und Japan ist derzeit zweite Kraft, mit Potenzial, Mercedes zu beunruhigen. Die Zuverlässigkeit stimmt. Max Verstappen fuhr am letzten Testtag eine Runde, die Reifemischungs-bereinigt in der Region der Tagesbestzeit von Valtteri Bottas liegt. Die Frage ist nur: Wie viel Sprit war im Tank des Niederländers, wie viel Benzin im Mercedes? Der Honda-Motor ist standfester als das 1,6-Liter-V6-Aggregat von Mercedes. Ein Evo-Paket von Red Bull Racing in der zweiten Testwoche brachte rund drei Zehntelsekunden.

McLaren und Renault auf Augenhöhe
Die Leistungsdichte im Mittelfeld ist noch extremer geworden. Racing Point liegt derzeit klar vorne. Dann aber kommen McLaren und Renault, gemäss Beobachtungen in Spanien auf Augenhöhe, AlphaTauri-Honda ist nicht weit davon entfernt. Alfa Romeo-Sauber und Haas machen weniger Eindruck, Williams wird vom letzten Platz kaum wegkommen, auch wenn man sich fürs gebaute Auto nicht mehr schämen muss wie 2018 und 2019. Der McLaren liegt in den Kurven annähernd so gut wie der Mercedes und der Wagen von Red Bull Racing. Renault war der einzige Motorhersteller bei den Wintertests, bei dem es nie Mucken gab. Daniel Ricciardo freut sich bei Renault über ein viel stabiler liegendes Heck des 2020er Renners. Die Franzosen werden drei markante Evo-Schritte zeigen – für den Saisonauftakt in Melbourne, für Vietnam, für Zandvoort.

AlphaTauri-Honda gut gerüstet
Wo genau steht AlphaTauri, das früher Toro Rosso genannte Team? Der Tiroler Teamchef Franz Tost: «Wir konnten in diesem Winter einen grossen Fortschritt machen, genauso wie unser Motorenpartner Honda. Dass wir nun schon im dritten Jahr der Zusammenarbeit sind, ist sehr hilfreich, so konnten wir etwa bei der Unterbringung des Motors und aller Komponenten im Chassis optimieren. Wie viel das wert ist, hängt letztlich auch von den anderen Herstellern ab.» Alfa Romeo-Sauber fuhr eher konservativ in Sachen Spritmenge, an den Haas-Rennern steckte nie die weichste Reifenmischung. Johnny Herbert glaubt: «Je nach Rennstreckentyp und Tagesform könnte die Reihenfolge im Mittelfeld hinter Racing Point bei jedem Rennen anders aussehen.»

Coronavirus: Was kommt da noch?
Das Thema Coronavirus wird auch in der Formel 1 an allen Ecken und Enden diskutiert. Optimisten glauben, dass die Situation bald im Griff sei und wir wie geplant in Australien, Bahrain und Vietnam fahren können. Realisten schätzen, dass keiner die Entwicklung dieser Erkrankung kennt. Pessimisten verbreiten, die WM beginne in Zandvoort. Wenn überhaupt. Formel-1-CEO Chase Carey im Fahrerlager des Circuit de Barcelona-Catalunya: «Wir bereiten uns weiter so vor, dass wir die geplanten Rennen durchführen können. Aber wir sind uns dessen bewusst, dass weitere Hürden auf uns zukommen könnten. Jetzt wo wir hiersitzen, an diesem Freitag, dem 28. Februar in Barcelona, glaube ich fest daran, dass wir die ersten drei WM-Läufe wie geplant durchführen können. Ich stehe mit den Veranstaltern in Australien, Bahrain und Vietnam in engem Kontakt und plane, in all diese Länder zu fliegen. Alle Veranstalter bereiten sich vor, treffen allerdings auch Massnahmen, welche die Menschen schützen sollen. Aber nochmals: Die Situation kann sich ändern.»

Reifen bleiben ein Leitthema
Die Formel 1 des Jahres 2020 fährt mit Reifen des Jahres 2019. Pirelli-Rennchef Mario Isola: «Wir hatten für den neuen Reifen ganz bestimmte Ziele: Weniger Anfälligkeit zum Überhitzen, weniger Verschleiss, breiteres nutzbares Fenster. Die modernen Formel-1-Autos sind unfassbar sensibel. Wir haben eine Reifenschulter, die sich um vier Millimeter von der 2019er Form unterscheidet. Und schon beklagen sich die Teams, der Wagen verliere Abtrieb. Vier Millimeter, das klingt nach wenig, aber das hat eine grosse Auswirkung. So hochgestochen sind die Autos. Wir bräuchten andere Reifen. Mir gefällt auch nicht, wie sehr diese Reifen aufgepumpt werden. Wir sollten in der Formel 1 doch sicherstellen, dass wir mit absoluter Spitzentechnik arbeiten. Wir müssen sie dazu bringen, einen besseren Job zu machen. Die Reifen für 2020 werden okay sein. Wir reden seit so vielen Jahren über Reifenabbau. Wir versuchen, besser mit dem Reifenlieferanten zu kommunizieren. Es gab ein Schreiben, in dem die Ziele für die 2020er Walzen formuliert wurden, aber diese Ziele wurden verpasst. Ich hoffe, das passiert für 2021 nicht noch einmal.»

Barcelona ist nicht Australien
Die Testbedingungen von Barcelona und die Quali-Verhältnisse von Melbourne bieten kaum Schnittmengen. Allein die unterschiedlichen Luft- und Asphalttemperaturen werden die Reihenfolge durcheinanderwirbeln, von der Beschaffenheit des Belags und den unterschiedlichen Kurventypen ganz zu schweigen. Schlusswort von Johnny Herbert: «Wohin die Formel-1-Saison 2020 führt, werden wir möglicherweise erst erkennen, wenn wir zum Grossen Preis von Spanien wieder auf diese Strecke hier zurückkehren. Wieso? Melbourne hat als Stadtkurs eigene Gesetze. Bahrain ist als Nachtrennen auch nicht aussagekräftig. Vietnam ist für alle ein Fragezeichen, das Gleiche gilt für Zandvoort. Aber letztlich ist es mir ganz Recht, nicht alles zu wissen. Genau das macht die Formel 1 doch spannend.»

Formel-1-Wintertests 2020
1. Valtteri Bottas (FIN), Mercedes W11, 1:15,732, Fr21 C5
2. Max Verstappen (NL), Red Bull Racing RB16-Honda, 1:16,269, Fr28 C4
3. Daniel Ricciardo (AUS), Renault RS20, 1:16,276, Fr28 C5
4. Charles Leclerc (MC), Ferrari SF1000, 1:16,360, Fr28 C5
5. Lewis Hamilton (GB), Mercedes W11, 1:16,410, Fr28 C5
6. Esteban Ocon (F), Renault RS20, 1:16,433, Fr28 C5
7. Sergio Pérez (MEX), Racing Point RP20-Mercedes, 1:16,634, Fr28 C5
8. Carlos Sainz (E), McLaren MCL35-Renault, 1:16,820, Fr28 C4
9. Sebastian Vettel (D), Ferrari SF1000, 1:16,841, Do27 C5
10. George Russell (GB), Williams FW43-Mercedes, 1:16,871, Fr28 C5
11. Daniil Kvyat (RU), AlphaTauri AT01-Honda, 1:16,914, Fr28 C4
12. Robert Kubica (PL), Alfa Romeo-Sauber C39-Ferrari, 1:16,942, Do27 C5
13. Romain Grosjean (F), Haas VF-20-Ferrari, 1:17,037, Fr28 C4
14. Pierre Gasly (F), AlphaTauri AT01-Honda, 1:17,066, Do27 C5
15. Kimi Räikkönen (FIN), Alfa Romeo-Sauber C39-Ferrari, 1:17,091, Do20 C5
16. Lance Stroll (CDN), Racing Point RP20-Mercedes, 1:17,118, Do27 C3
17. Nicholas Latifi (CDN), Williams FW43-Mercedes, 1:17,313, Do27 C5
18. Antonio Giovinazzi (I), Alfa Romeo-Sauber C39-Ferrari, 1:17,469, Fr21 C5
19. Kevin Magnussen (DK), Haas VF-20-Ferrari, 1:17,495, Fr28 C4
20. Alex Albon (T), Red Bull Racing RB16-Honda, 1:17,550, Mi26 C2
21. Lando Norris (GB), McLaren MCL35-Renault, 1:17,573, Do27 C3

Reifenmischungen von Pirelli: C1 (hart) bis C5 (extraweich)

Mi19 = Mittwoch, 19. Februar
Do20 = Donnerstag, 20. Februar
Fr21 = Freitag, 21. Februar
Mi26 = Mittwoch, 26. Februar
Do27 = Donnerstag, 27. Februar
Fr28 = Freitag, 28. Februar


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