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Marc Surer zu Ferrari: Frust-Anfälle Vettel unpassend

​Der Schweizer Marc Surer, Formel-1-Experte der deutschen Sky, spricht über das enttäuschende Jahr des berühmtesten Rennstalls der Welt. «Und ich sehe nur eine Hoffnung, dass sich das 2017 ändern könnte.»

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Marc, wenn ich dir vor neun Monaten gesagt hätte – Ferrari wird kein einziges Rennen gewinnen – was hättest du mir zur Antwort gegeben?

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Vielleicht war das vor der Saison nicht abzusehen, aber nach wenigen Rennen habe ich damals ein Kolumne geschrieben: "Vettel wird 2016 kein Rennen gewinnen." Bei den Wintertests in Barcelona hatten wir das Gefühl, echten Fortschritt bei Ferrari gesehen zu haben, aber das waren offenbar Schauzeiten. Im Gegensatz zu Rennställen, die tüchtig Sprit an Bord hatten.

Ferrari-Präsident Sergio Marchionne forderte vor Australien: "Wir müssen sofort auf Augenhöhe mit Mercedes fahren und in diesem Jahr um den WM-Titel mitreden." Diese Ziele sind verpasst. Wie klug waren solche Ankündigungen?

Sergio Marchionne wäre vielleicht ein guter Fussballtrainer. Aber ein Formel-1-Rennstall funktioniert nicht wie eine Fussballmannschaft, indem man den Spielern einfach in den Hintern tritt, und auf einmal wird alles besser. Die Formel 1 ist eine hoch analytische Geschichte, und offenbar hat das Marchionne nicht begriffen. Immer wieder kamen solche Sprüche. Auch bei uns in den Interviews kamen immer diese Phrasen: „Wir müssen dies, wir müssen das.“ Aber die Formel 1 funktioniert so nicht, man kann den Erfolg nicht herbeireden.

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Um es einfach zu fragen: Was ist 2016 schiefgelaufen?

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Ich sehe eine grosse Mitschuld bei James Allison. Er war wohl nicht mehr komplett konzentriert und hat die Zügel schleifen lassen. Die Technikermannschaft wurde führerlos, und als er freigestellt wurde, da verbesserte sich die Situation nicht. Es war zwar naheliegend, jemanden aus der zweiten Reihe nachzuziehen, wenn kein Mann erster Güte zur Verfügung steht. Aber ich fand es einen Fehler, Allison ziehen zu lassen. Ferrari hätte vielmehr eine Kompromisslösung finden sollen. Ein Teilzeit-Allison ist besser als gar kein Allison.

Immer wieder gab es bei Ferrari Getriebeprobleme. Wie erklärst du dir so etwas?

Ich glaube, Ferrari bewegte sich bei der Kraftübertragung einfach am Limit, vielleicht war das Getriebe zu wenig stark gebaut. Und gemäss Reglement hast du keine Möglichkeit, einfach ein anderes Getriebe zu bauen. Für 2017 sehe ich da kein Problem. Das sind Schwierigkeiten, die sich lösen lassen. Die Mehrleistung der Antriebseinheit wurde vielleicht ein wenig unterschätzt.

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Warum kam in diesem Jahr Kimi Räikkönen seinem Stallgefährten Sebastian Vettel näher als im Jahr zuvor?

Vettel tat sich schwerer mit diesem Wagen als mit dem 2015er Renner. In der Quali zauberte Sebastian früher immer drei Zehntelsekunden aus dem Helm, das war 2016 nicht der Fall. Ein Alonso fährt mit jedem Auto schnell. Vettel fährt nur dann schnell, wenn das Auto passt. Wir haben es 2014 ja auch bei Red Bull Racing erlebt, wo der Rennwagen nicht einfach zu meistern war, dass Daniel Ricciardo besser zurechtkam.

In Sachen Schimpfen am Funk war Sebastian Vettel 2016 Weltklasse – neben Fernando Alonso und Lewis Hamilton. Sie meinen alle, das sei gar nicht so, sie würden einfach überdurchschnittlich oft über Sender gehen. Aus deiner Erfahrung bei Sky: Stimmt das eigentlich?

Klar werden die Stars eher eingespielt als Fahrer aus dem Mittelfeld. Aber es ist für mich unverständlich, dass ein so intelligenter Mann wie Vettel so unbeherrscht ist.

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Ich fand: Wir erlebten einen zusehens frustrierteren Sebastian Vettel. Wie hast du das erlebt?

Klar waren das Frust-Anfälle. Aber es fällt auf, dass er sich auf ein Niveau hinunterlässt, das ihm eigentlich überhaupt nicht entspricht. Ich finde, das passt überhaupt nicht zusammen.

Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Formel 1. Marchionne vermeidet es inzwischen, vom WM-Titel zu reden. Aber klar machen sich unzählige Tifosi enormen Hoffnungen. Wo siehst du Ferrari im kommenden Jahr?

Wenn eine Mannschaft das wie 2016 nicht auf die Reihe bekommt, wieso sollte sie es dann 2017 tun? Warum sollten sie bessere Arbeit machen als die anderen Teams? Ich sehe nur eine Hoffnung: Dass dem früheren Chefdesigner Rory Byrne, der fürs 2017er Auto als Konsulent geholt worden ist, ein Geniestreich gelingt. Byrne ist für mich ein absolutes Genie. Er hatte ja auch genügend Zeit, sich etwas Kluges auszudenken. Byrne ist mein Hoffnungsträger bei Ferrari.

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Beim Motor mache ich mir keine Sorgen. Aber Ferrari hat die Aerodynamik nicht in den Griff bekommen, und sie waren auch bei der Arbeit mit den Reifen nicht immer auf der Höhe. Einmal war der Wagen bei kaltem Wetter schnell, dann wieder bei heissem, aber nie unter allen Bedingungen.

Wenn Byrne ein gutes Konzept ausheckt und das Auto aus dem Stand konkurrenzfähig ist, dann könnte das klappen.

Der Vertrag von Sebastian Vettel läuft Ende 2017 aus. Was muss passieren, dass wir ihn auch 2018 und darüber hinaus in einem roten Auto sehen?

Sie bräuchten einen neuen Ross Brawn bei Ferrari. Aber woher wollen sie den nehmen?

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