15. Oktober 1983: Nelson Piquet erster Turbo-Weltmeister im Brabham-BMW
Man möge mir nachsehen, dass ich den zweiten Weltmeister-Titel des Brasilianers Nelson Piquet heute wieder mal in Erinnerung rufe. Aber wegweisend war halt schon, was da 1983 passiert ist.
Jener 15. Oktober 1983, an dem Nelsons Brabham-BMW als Dritter stotternd in Kyalami ins Ziel kam, zählt zu den großen Momenten, die ich sozusagen körperlich miterleben durfte.
Der Vollständigkeit halber: Seinen ersten WM-Titel hatte Nelson 1981 auf einem Brabham-Cosworth gewonnen, den dritten sollte er 1987 auf Williams-Honda hinzufügen.
Als BMW-Pressesprecher wurde ich später nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass dies der erste Titelgewinn mit einem Turbomotor – unserem BMW-Turbo – war. Und, wie angedeutet, derartige Momente, wenn du sie miterlebt hast, vergisst du nie mehr.
Natürlich ist es reiner Zufall, dass Piquets Weltmeisterschaft 1983 auf den Tag genau nach 63 Jahren auf jenes Datum fiel, an dem Albert Einstein seine wegweisende Relativitätstheorie erstmals öffentlich vortrug. Einstein revolutionierte mit seinen Erkenntnissen das physikalische Weltbild und diese wurden damit zur Grundlage für moderne Technologien.
Es wäre vermessen zu behaupten, dass das kleine bayerische Wunderwerk, mit dem BMW-Rennmotoren-Guru Paul Rosche seinen entscheidenden Teil zu Piquets Erfolg beigetragen hat, von ähnlicher Tragweite war wie Einsteins Weisheit.
Doch: Wer hätte anfangs darauf gewettet, dass aus dem normalen Vierzylinder-Motor einmal ein Weltmeister-Triebwerk werden könnte. Das waren zunächst mal nur Paul Rosche selbst und eine Handvoll Techniker in seinem Umfeld.
BMW: Mit Serien-Motorblock zum Formel-1-WM-Titel
Die Geschichte bis hin zu dem Tag der Entscheidung in Kyalami ist oft genug erzählt worden, deshalb hier nur noch einmal im Steno: Serien-Motorblock mit vier Zylindern, Vierventiltechnik, Formel 2, Turbotechnik, Partnerschaft mit Brabham.
Zu den endlosen politischen, aber auch den verständlichen technischen Widrigkeiten schweigt des Sängers Höflichkeit für einmal, denn wichtig war nur das Ziel, Rückschläge der einen oder anderen Art mussten einfach überwunden werden.
Als sich die verbliebenen drei möglichen Titelaspiranten – Alain Prost im Renault, René Arnoux im Ferrari und Nelson Piquet im Brabham-BMW – zum Finale in Kyalami am Start versammelten, war all das vergessen. Jetzt musste die Entscheidung fallen.
Verdrängt waren auch die Sorgen, die defekte Teil noch während des Trainings gemacht hatten. Geblieben war die Hoffnung, das Vertrauen in die eigene Technik und die Nerven der Piloten.
Und dann das alles entscheidende Rennen: Piquet fährt in der Tat allen Anderen, als ist es das Natürlichste von der Welt, zunächst einfach davon. Keiner hat gegen den perfekt eingestimmten Brasilianer, seinen glänzend ausbalancierten Brabham und den ebenso prächtig marschierenden wie tönenden Vierzylinder auch nur die Spur einer Chance.
Der Einzige, der ihm im allerdings immer länger werdenden Windschatten noch einigermaßen folgen kann, ist sein Teamkollege Riccardo Patrese, der Unglücksrabe, der in der ganzen Saison erst einmal (in Hockenheim als Dritter) auf dem Siegerpodest stand.
Schreckmoment: Wieso wird Piquet langsamer?
Die beiden kontrollieren das Feld, Nelson fetzt schon in der sechsten Runde die schnellste des Rennens hin und auch nach dem Boxenstopp bleibt er in Führung. Nichts, nichts deutet auf Dramatik hin, bis plötzlich jedermann klar wird, dass der führende Mann immer langsamer fährt. Ein Problem? Kein Zeichen aus dem Cockpit, auch in der Brabham-Box Seelenruhe. Was ist los?
Rosche erklärt den herbeieilenden Journalisten: «Der Nelson hat den Ladedruck bis zum Anschlag gedreht – aber herunter!»
Der Motor klingt so schauerlich, dass man sich Runde für Runde aufs Neue wundert, wenn die Startnummer 5 doch immer wieder vorbeihustet.
Piquets Rundenzeiten pendeln sie schließlich wieder ein. Allmählich dringt durch, was der Brasilianer da veranstaltet: In der 35. Runde ist sein einzig verbliebener Mitstreiter (Arnoux, der Dritte im Bunde der Titelaspiranten hatte seinen Ferrari schon in der neunten Runde mit Motorschaden abgestellt) Prost vor den Augen seiner Mannschaft seinem Renault entstiegen.
Kein Wunder also, dass Piquet es sich gemütlich einteilt, seinen Mannschaftskameraden dem ersten Saisonsieg entgegen ziehen lässt und auch leichten Herzens Andrea de Cesaris im Alfa den Vortritt gewährt. Ihm genügen die Punkte für Platz 3 allemal.
Als er sich später glückstrahlend, in Sekt und Schweiß gebadet, als neuer Weltmeister präsentiert, versteht jeder: «Ich wollte nicht das geringste Risiko eingehen. Leicht hätte ich gewinnen können. Aber stellt euch vor, ich wäre schneller gefahren und mir wäre etwas kaputtgegangen. Das hätte ich mir mein Leben lang nicht verziehen.»
Als alles vorbei war, der Champagner auf Montur und Haupthaar getrocknet, mochte auch keiner mehr eine Prognose dazu abgeben, wie lange der malträtierte Motor wohl noch gehalten hätte.
Auf jeden Fall – nicht mehr lange. Wie ging noch mal sinngemäß das Zitat des großen Colin Chapman? «Das beste Rennauto ist das, welches siegreich über den Zielstrich fährt und dann zusammenbricht.»
Der 15. Oktober 1983, für immer eines der ganz wichtigen Daten in der Geschichte der Bayerischen Motoren Werke.
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