Dr. Helmut Marko: «In der MotoGP wäre das gelöst»

Von Günther Wiesinger
Formel 1

​Red Bull-Rennberater und Le-Mans-Sieger Dr. Helmut Marko (76) spricht darüber, wie das moderne Reglement echte Racer wie Vettel und Verstappen bestraft und wieso er mit Honda sehr zufrieden ist.

Nach den sieben Mercedes-Siegen bei den ersten sieben Formel-1-GP 2019 ist unter den Teams die Diskussion entbrannt, ob der neue Einheitsreifentyp von Pirelli mit der steiferen Konstruktion sowie einer um 0,4 mm verringerten Laufflächendicke das Mercedes-Team bevorzuge. Es wurde sogar der Verdacht geäußert, Pirelli könnte Daten zu dieser Spezifikation bereits frühzeitig an Mercedes weitergegeben haben.

Fakt ist: Bei Mercedes überhitzen die Reifen nicht mehr, laut Red Bull-Berater Dr. Helmut Marko funktionieren sie an den Fahrzeigen von Lewis Hamilton und Valtteri Bottas auf jeder Strecke und bei jeder Temperatur optimal. «Es darf nicht sein, dass der Reifen alles entscheidet», beklagt sich Dr. Marko.

Die Überlegenheit von Mercedes ist seit Jahren extrem: 81 Siege in 107 Rennen seit Beginn der Turbo-Hybrid-Ära Anfang 2014, 44 davon als Doppelsiege. In 107 Abschlusstrainings hat Mercedes 89 Pole-Positions erobert.

Für eine Veränderung in der Saison 2019 wären die Stimmen von sieben der zehn Teams nötig. Aber die drei Mercedes-Teams (Mercedes F1, Racing Point und Williams) sowie McLaren-Renault sehen keinen Anlass für den Umstieg auf eine andere Spezifikation von Pirelli.

Mercedes-Sportchef Toto Wolff auf die Probleme der Konkurrenz gemünzt: «Manchmal versteht man die neuen Reifen schneller, manchmal hast du damit Schwierigkeiten.»

Im Interview mit SPEEDWEEK.com erläutert Dr. Helmut Marko, Sieger des 24-Stunden-Rennens von Le Mans 1971 und ehemaliger Formel-1-Pilot, die Gründe für seine Unzufriedenheit mit dem Zustand der Weltmeisterschaft.

Helmut, Pirelli sträubt sich gegen Änderungen in der Saison 2019. Jetzt sind noch 14 von 21 Rennen zu fahren – muss man mit 14 weiteren Mercedes-Siegen rechnen? Lässt sich dieses Problem nicht am runden Tisch lösen? Für so eine Situation hat doch kein Mensch Verständnis.

Du kommst ja auch aus der MotoGP. Da wäre dieses Problem längst schon gelöst. Wir sind in der Formel 1 nicht verpflichtet, irgendeinem Team einen Vorteil zu verschaffen. Wir sind den Fans verpflichtet, damit sie das bestmögliche Racing sehen. 

Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta war im Mai beim Barcelona-Formel-1-GP. Du hast ihn dort gebeten, sich um das Management der Formel 1 zu kümmern. Er fühlte sich geehrt, hat aber natürlich dankend abgelehnt. Hat die MotoGP der Formel 1 den Rang als beste Motorsportserie der Welt abgelaufen?

Ja, richtig. Ich habe ihn gefragt.

Aber die Vorschriften in der Formel 1 sind in Stein gemeißelt. Das gilt für die Reifen genauso wie für die umstrittenen 1,6-Liter-Hybrid-Turbomotoren. Also wären auch Ezpeleta die Hände gebunden.

Es geht um das Regelwerk in der Formel 1. Der Carmelo würde nie so ein Regelwerk zulassen. Unser Regelwerk bestraft Vettel, der mit Müh‘ und Not sein Auto abfängt, damit es ihn nicht dreht. Der Andere hätte nur bremsen müssen, dann wäre überhaupt keine Gefahr gewesen. Trotzdem bekam Vettel fünf Strafsekunden. Und Verstappen bekam in Monte Carlo fünf Sekunden, wo es so eng ist. Max war vorn, Bottas hätte nur vom Gas gehen brauchen. Geht es um den Motorsport – oder machen wir Verkehrssicherheitstraining?

In der MotoGP-WM bekommen die Werke, die neu einsteigen, wieder einsteigen oder seit Jahren keinen Podestplatz vorzuweisen haben, technische Zugeständnisse. Mehr Motoren pro Saison, mehr Testfahrten, die Motorenentwicklung ab Saisonstart ist nicht eingefroren. So konnten Ducati und Suzuki und KTM zu Honda und Yamaha aufholen. Jetzt sind oft alle sechs Fabrikate in den Top-Ten. In der Formel 1 hat sogar Honda mit dem 1,6-Liter-Motor in mehr als vier Jahren noch nie gewonnen. In der Formel 1 kann der Rückstand nie aufgeholt werden.

Nur ganz, ganz schwer und mit einem wahnsinnigen finanziellen Aufwand.

Bei Red Bull Racing wurde im Frühjahr 2015 reklamiert, die Renault-Motoren hätten 80 PS weniger als die Mercedes-Triebwerke. Wie schätzt du die aktuelle Situation mit Honda und Mercedes ein?

Ahhh... Erstens einmal sind wir sehr zufrieden mit Honda, mit der Zuverlässigkeit. Wir sind bei der Power hinten, aber wir bekommen in Paul Ricard einen neuen Motor, der nicht unbedingt den großen Schritt macht, den bekommen wir erst in Monza. Bei Honda sind sie dabei, den Rückstand aufzuholen. Aber frage nicht, wie groß der Aufwand ist. Die Prüfstände in Japan laufen Tag und Nacht.

War Red Bull Racing nach den Wintertests zu zuversichtlich, als man auf fünf Formel-1-Siege 2019 gehofft hat? Die Kritiker sagen, Ferrari und Red Bull machen jetzt die Reifen für die Niederlagen verantwortlich. Von schlechten Verlierern ist die Rede.

Ich verstehe gar nicht, warum ich mich verteidigen muss, wenn ich den Missstand bei den Reifen anspreche. Klar, wir waren mit Vettel auch vier Jahre dominant, aber nie so dominant wie Mercedes in der Gegenwart, wir haben ganz selten Doppelsiege errungen.

Als wir dominiert haben, sind wir im Jahr durch verschiedene Änderungen eingebremst worden. Da hat der Flügel zuerst 50 und dann 100 Prozent mehr Steifigkeit haben können, es gab die Änderung beim Abgas-Diffusor. Da waren alle Änderungen während der Saison möglich. Heute nicht mehr.

 
Hast du eine Hoffnung, dass sich beim Reifentyp 2019 noch etwas verändern lässt? Die Mercedes-Überlegenheit lähmt das Interesse.

Ich weiß nicht, ob es hoffnungslos ist. Pirelli hat schon einmal die Reifen während der Saison geändert – nach dem Desaster von Silverstone 2013 mit platzenden Reifen. Wie gesagt: Ich habe diesen Missstand aufgezeigt. Aber Ferrari ist jenes Team, dem das Reifen-Reglement am wenigsten schmeckt.

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