Cal Crutchlow: Was ihn so stark macht

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Tech3-Yamaha-Teambesitzer Hervé Poncharal und Cal Crutchlow

Tech3-Yamaha-Teambesitzer Hervé Poncharal und Cal Crutchlow

In seiner ersten MotoGP-Saison 2011 stand Cal Crutchlow beim Tech3-Team kurz vor dem Rausschmiss. Er fühlte sich überfordert. Aber Cal liess sich nicht unterkriegen.

Das Tech3-Yamaha-Team erlebt 2103 dank Cal Crutchlow eine extrem erfolgreiche Saison. Der Brite ist WM-Fünfter, er hat vier Podestplätze erobert und sogar zwei Trainingsbesteiten herausgefahren. Für 2014 ersetzt ihn Moto2-Weltmeister Pol Espargaró. SPEEDWEEK.com hat Teambesitzer Hervé Poncharal zu einem offenherzigen Interview getroffen.

Hervé, du verlierst Cal Crutchlow an Ducati. Er hat in diesem Jahr vier Podestplätze erzielt. Mit Rookie Pol Espargaró und Bradley Smith wird nächstes Jahr kaum mit Podestplätzen zu rechnen sein. Eine schwierige Situation? Zumal es ja eine Chance gab, Cal bei Yamaha zu halten...

Um ehrlich zu sein, wir haben ein sehr enges Verhältnis zu Yamaha. Darüber bin ich sehr happy.
Yamaha hat vier Motorräder im Feld, zwei davon im Werksteam. Und das Werksteam ist klarerweise die Nr. 1 in Bezug auf das Budget, in Bezug auf technische Neuheiten, in Bezug auf Fahrerlevel.
Unser Team ist als Junior-Team vorgesehen. Wir befruchten uns also gegenseitig.

Der erste richtige Junior war Colin Edwards... Er kam mit circa 34 Jahren ins Tech3-Team.

(Er lacht). Ja... Colin kam damals aus dem Yamaha-Werksteam, er musste dort 2008 dem jungen Jorge Lorenzo Platz machen. Wir haben Yamaha also auf eine andere Art geholfen, frisches Blut ins Team zu bringen... Jorge wurde direkt für das Werksteam verpflichtet.

Cal Crutchlow ist jetzt 28 Jahre alt und hat inzwischen drei Jahre bei Tech3-Yamaha absolviert?

Ja, er ist als MotoGP-Rookie zu uns gestossen. Nach drei Jahren ist er als starker MotoGP-Fahrer etabliert. Er sehnt sich nach einem Platz in einem Werksteam. Wir haben also unsere Mission erfüllt. Er wäre gerne ins Yamaha-Werksteam aufgerückt. Aber das ist mit Lorenzo und Rossi voll besetzt. Also hat er sich ein anderes Werksteam ausgesucht. Vor einem Jahr ist es uns mit Dovizioso genau so ergangen.

Nächstes Jahr bildet Tech3-Yamaha erstmals ein richtiges Junior-Team. Espargaró ist 22 Jahre alt, Smith ebenfalls.

Ja, jetzt erfüllen wir unsere Aufgabe vorbildlich. Das wird interessant. Pol Espargaró wird sicher starke Leistungen zeigen.

Cal Crutchlow hat dich gelehrt, geduldig zu werden. Im ersten Jahr stand er in Silverstone kurz vor dem Rausschmiss?

No, no. Die schwierigste Situation 2011 war in Laguna Seca. Wir hatten viele, viele Probleme und Stürze. Damals waren die Bridgestone-Reifen nicht gerade hilfreich.
Aber sicher muss man geduldig sein... Manchmal ist es gut, wenn man sich einmal ordentlich die Meinung sagt. Der Fahrer war damals auch nicht gerade kleinlaut...
Cal hat einen starken Charakter. Aber das war gut so. Wir haben uns gegenseitig die Meinung gesagt. Denn wir wollten Erfolg haben.

Was habt ihr euch gegenseitig vorgeworfen?

Ich habe ihm gesagt: Du bringst nicht die Resultate, die du auf Grund deines Talents bringen könntest. Denn du denkst oft nicht genug und machst dumme Fehler.
Er war damals in der WM hinter... Nein, ich sage nicht, hinter wem er gelegen ist...
Cal ist mir nichts schuldig geblieben. Er hat gesagt: Wenn du mir den Job nicht zutraust, verpflichte einen andern. Er hat sogar ein paar Namen in die Runde geworfen...
Aber das war gut. Wir haben unserem Ärger Luft gemacht. Mit Cal kann man solche offenen Gespräche führen. Er gibt nicht klein bei.
Aber es ist nützlich, wenn du alles auf den Tisch legst und dir den Ärger von der Seele redest.
Mit manchen Fahrern kommt man sich vor wie mit einem Weichspüler. Man kommt sich dann nicht näher, wenn der Kerl dir nie seine ehrliche Meinung sagt.
Ich habe Cal nach dieser heftigen Aussprache erst richtig schätzen gelernt. Er wusste auch, dass er meine 100-prozentige Unterstützung hat. Von diesem Tag an hat die Zusammenarbeit viel besser funktioniert.

Cal Crutchlow lag damals in der WM hinter Abraham, hinter Barbera, hinter Elias... Nach Laguna Seca 2011 war er WM-15. Es sah eine Weile so aus, als sei er der nächste Superbike-WM-Pilot, der sich in der MotoGP nicht durchsetzt. Mit Corser, Fogarty, Bayliss, Vermeulen, Hodgson, Toseland und Co. hatte er prominente Vorgänger.

Beim ersten Wintertest im Februar 2011 war Cal verzweifelt. Er kam einfach nicht auf vernünftige Zeiten. Er hat unheimlich gepusht, trotzdem war er so weit hinten, die Rundenzeiten wollten nicht kommen. Er sagte nachher: «Es war ein grosser Fehler. Ich hätte bei den Superbikes bleiben sollen. Sobald ich eine Chance kriege, kehre ich zu den Superbikes zurück.»
Es war ein schwieriger Anfang für ihn. Aber schliesslich hat sich gezeigt: Cal will nicht scheitern. Das gefällt ihm nicht. Er will sich keine Schwächen eingestehen. Er ist knallhart.

Cal Crutchlow ist einer der wenigen Superbike-Asse, die in der MotoGP den Durchbruch geschafft haben.

Du darfst Ben Spies nicht vergessen, der auch bei uns gefahren ist. Er hat 2010 bei uns ganz ansprechende Ergebnisse erzielt.

Ja, er hat im Werksteam sogar ein Rennen gewonnen. Aber ein Dauerbrenner wurde er nicht.

Cal ist ein anderer Typ. Er sucht nie nach Ausreden. Das ist seine Stärke. Wenn etwas nicht gut läuft und er der wahre Schuldige ist, dann nimmt er diese Schuld auf sich.
Ich liebe ihn wirklich. Er ist eine Persönlichkeit, er hat Charisma.
Er macht sich nicht die Mühe, sein Aussehen zu polieren. Oder seinen Ruf. Oder seine Worte.
Wenn er «shit» sagen will, sagt er «shit». Wenn er «fuck» sagen will, sagt er «fuck».
Es kommt oft vor, das er nach mittelprächtigen Ergebnissen sagt: «I am shit. It’s me. Ich fahre wie eine Pussy.»
Das hört man nicht von vielen Fahrern.
Andere Fahrer erzählen irgendwelche Geschichten über das Verhalten des Motorrads. Cal sagt einfach: Es liegt an mir.

Crutchlow hat in diesem Jahr einige unfassbare Leistungen gezeigt. Er lässt sich durch Stürze nicht aus dem Konzept bringen.

Ja, ich denke nur an den Sachsenring. Er ist so oft gestürzt... Und das Rennen war unglaublich.
Sein Körper hat dort erbärmlich ausgesehen. Er war blau von Kopf bis Fuss. Cal ist ein harter Hund.
Solche Typen brauchen wir in diesem Sport. Dorna-Chef Carmelo Ezpeleta versteht das. Er mag ihn.

Du stehst dem Yamaha-Werksteam sehr nahe. Wird Rossi nach 2014 weiterfahren?

Ich bin nicht Valentino. Diese Frage kann nur er selber beantworten. Aber ich weiss, dass er 2015 und 2016 noch fahren will.
Was mich überrascht: Seine Rückkehr zu Yamaha konnte ein Reinfall oder ein Erfolg werden. Wäre es ein Flop geworden, hätte er kein Rennen gewonnen, wäre Valentino sicher zornig und enttäuscht gewesen.
Jetzt muss man sagen: Seine Leistungen sind in Ordnung. Aber er kann normal nicht mit den Top-3 mithalten. Das ist augenscheinlich. Trotzdem strahlt er eine sehr positive Stimmung aus. Er sucht keine Ausreden. Es scheint ihm Spass zu machen, er strahlt mehr als je zuvor. Und er ist immer noch konkurrenzfähig. Er ist immer in den Top-5, er kämpft oft um einen Podestplatz.
Er war vor dem Japan-GP zehnmal hintereinander in den ersten vier. Er macht einen glücklichen Eindruck. Und er ist immer noch der Held der Massen. Das erlebst du jedes Wochenende.
Es liegt an Valentino und es liegt an Yamaha. Sie werden gemeinsam entscheiden, wie lange er weiterfährt. Er wird jedenfalls nie wieder für eine andere Marke fahren.

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