Jürgen Lingg: Konzentrationsmängel bei Sandro Cortese

Von Günther Wiesinger
Moto2
Sandro Cortese blieb 2013 als WM-19. hinter den Erwartungen. Auch die ersten sieben Rennen 2014 waren keine Offenbarung. Teamchef Jürgen Lingg grübelt über die Ursachen.

Für Sandro Cortese hat die Saison 2014 sehr verheissungsvoll begonnen. Er mischte bei den Vorsaisontests meist unter den ersten fünf mit, er startete in Doha/Katar als Qualifying-Zweiter (nur 0,020 sec hinter Tito Rabat) zum ersten Rennen – und beendete es als Siebter, sein bis heute bestes Moto2-Ergebnis.

Seither hat der Kalex-Pilot aus dem Dynavolt Intact GP-Team zwar mit weiteren starken Quali-Leistungen brilliert, aber in den Rennen ist der Moto3-Weltmeister von 2012 viel schuldig geblieben.

Inzwischen ist Cortese in der WM-Tabelle auf dem Tiefpunkt angelangt: Rang 12, vor ihm mit Viñales, Salom, Folger und Lowes gleich vier Moto2-Rookies, sogar Haudegen Anthony West hat ihn überholt, der Australier fährt eine Speed-up wie Sam Lowes, technisch sicher nicht der letzte Schrei.

Zur Erinnerung: Kalex-Fahrer haben 2014 alle Moto2-Rennen gewonnen.

Durchaus ansehnlich sind die Startpositionen von Cortese: 2., 15., 9., 2., 9., 3., und 4. bei den Rennen in Doha, Austin, Las Termas, Jerez, le Mans, Mugello und Barcelona.

Doch in der WM hat der 24jährige Berkheimer bisher nur 32 Punkte eingesammelt.

Hätte er seine Startplätze in identische Rennergebnisse umgewandelt, wäre er jetzt mit 84 Punkten WM-Vierter.

«Mir ist ein Rätsel, warum Sandro in den ersten Rennrunden so langsam ist», grübelt Teamteilhaber, Teamchef und Technikdirektor Jürgen Lingg, dessen Geduld durch Cortese zuletzt oft auf die Probe gestellt wurde. «Dass wir im Qualifying schnell fahren können, wissen wir. Jetzt will ich endlich im Rennen ein Spitzenergebmis sehen», meinte Lingg schon vor dem Le Mans-GP. Aber auch dort schaute im Rennen nur Platz 12 heraus.

In Mugello folgte der nächste Rückschlag: Startplatz 3, Platz 13 im Rennen.

Linggs Miene wurde von Grand Prix zu Grand Prix düsterer und mürrischer. Als Cortese in Barcelona in der ersten Kurve wie 2013 in eine Kollision verwickelt wurde und dann Folger dafür verantwortlich machte, der aber vor ihm (!) einbog, platzte Lingg buchstäblich der Kragen.

Kein Wunder: Sandro Cortese wollte schon in seiner ersten Moto2-Saison 2013 dem spanischen 125-ccm-Weltmeister Nico Terol nacheifern, der seine erste Moto2-WM-Saison als Elfter beendet und beim Finale in Valencia einen dritten Platz erobert hatte. Auch Fights gegen Tom Lüthi hatte Sandro für seine erste Moto2-Saison in Aussicht gestellt.

Doch diese Pläne scheiterten. Cortese beendete die Moto2-WM 2013 nur als 19. mit 22 Punkten. Bestes Rennergebnis: Platz 10 in Aragón, inklusive Penalty Point für den bedrohlichen Abschuss von Alex De Angelis.

Sandro Corteses Karriere wird in Deutschland gerne mit jener seines Kumpels Stefan Bradl verglichen. Aber Bradl beendete seine erste Moto2-Saison als WM-Neunter und krönte sie mit einem Sieg in Estoril.

In der zweiten Saison hatte Bradl nach sieben WM-Rennen schon vier Saisonsiege und 127 Punkte eingesammelt, er lag in der WM 84 Punkte vor einem gewissen Marc Márquez.

Im Dynavolt Intact GP-Team war die Luft nach dem Catalunya-GP zum Schneiden dick. «Sandro sucht und findet für alle seine Fehler einen Schuldigen», wetterte ein Teammitglied.

Dass bei den drei schweren Stürzen in Valencia, Doha und Austin schon drei Totalschäden mit insgesamt 145.000 Euro entstanden sind, hat die Stimmung auch nicht wesentlich gehoben.

SPEEDWEEK.com hat sich bei Jürgen Lingg erkundigt, ob er den Ursachen der schwachen Renn-Performances von Sandro Cortese bereits auf die Spur gekommen ist.

Jürgen, du hast seit dem Barcelona-GP viel darüber nachgegrübelt, was in den Rennen schiefgeht. Hast du eine Erklärung gefunden?

Tja, wenn ich eine Erklärung hätte, würde ich sie dir sagen.

War die Erwartungshaltung nach den Wintertests zu hoch? Hätte man – gewarnt durch WM-Rang 19 im Vorjahr – die Erwartungen lieber dämpfen sollen?

Nach den Ergebnissen im November und bei den IRTA-Tests im Februar und März war es ja nicht gesponnen, wenn man sich Top-Ten-Plätze als Ziel gesetzt hat. Das war nicht weit weg.
Ich denke, dass Top-Ten-Plätze reell sind. und sie müssen auch reell bleiben.
Plätze unter den ersten zehn im Rennen müssen weiter unser Ziel bleiben. Aber mit Podestplätzen – da bin ich jetzt mal ganz vorsichtig.
Mit unserer Performance, die wir im Moment haben, müsste es schon verdammt in unsere Karten spielen, damit wir einen Top-3-Platz erreichen können. Ich bin eigentlich mit den Top-Ten zufrieden. Das ist meine ehrliche Meinung.
Weil ich Realist bin im Moment.

Aber was passiert da, wenn Sandro in Mugello als Dritter losfährt und dann nach einer Runde nicht mehr unter den Top-Ten ist? In Jerez fuhr er als Zweiter los – und lag ausgangs der ersten Runde um zwei komplette Startreihen zurück?

Ich sage, das ist ein Konzentrationsproblem in der ersten Runde. Er ist einfach nicht fokussiert. Entweder ist er übernervös oder einfach unkonzentriert. Die Strategie ist da; die haben wir immer. Sie wird genau durchgesprochen. Es spielen die Nerven nicht mit.

Das war schon ein Handicap von Sandro in der 125er-WM 2009 und 2010, dass er manchmal auf der Pole-Position stand und dann in der ersten Runde gestürzt ist. Es schien so, als hätte er diese Probleme 2011 (zwei GP-Siege 125 ccm) und 2012 (fünf GP-Siege Moto3) überwunden.

Ich habe Sandro 2011 in der 125er-WM betreut und ihm damals eingeschärft: Das Rennen geht über 20 Runden, das gewinnst du nicht in der ersten Runde.
Dass er in er ersten Runde zuviel riskiert, das macht er jetzt definitiv nicht mehr...

Eher das Gegenteil?

Ja, genau.

Sandro Cortese war jahrelang für seine phantasiereichen Ausreden bekannt. In der Moto2 sehen wir uns wieder mit diesen Halbwahrheiten konfrontiert. In Aragón 2013 gab er De Angelis die Schuld, auch beim Quali-Crash 2014 in Doha mimte er den Unschuldigen. Später räumte Sandro ein, dass er in Kurve 2 das Gas zugedreht hat, deshalb kamen Kallio und Torres zu Sturz. Er bekam wieder einen Penalty Point. Jetzt haben wir in Barcelona die unsinnige Erklärung mit Folger in Barcelona gehört. Das sieht nach Rückfall in alte Verhaltensmuster aus?

(Er ringt dann nach Worten). Ich kann Sandro jetzt nicht in die Pfanne hauen. Ich muss das unter vier Augen mit ihm klären.

Sandro sagte nach dem Rennen: «Der Jonas ist mir in der ersten Kurve voll reingefahren.» Folger war aber vor ihm...

Ja, das war unmittelbar nach dem Sturz. Da hatte er das noch nicht realisiert. Fakt ist auf jeden Fall, dass er voll in den Folger reingefahren ist, das habe ich mir 100 Mal auf Video angeschaut. Da waren mehrere Fehler in der ersten Runde.
Die Fahrer sind nach solchen Fehlern oft ein bisschen realitätsfremd.

Wie viele Stürze hast du bei Sandro schon gezählt in diesem Jahr? 20?

Ich habe aufgehört zu zählen. Nein, 20 waren es nicht.

Positiv ist, dass die Qualifying-Performance deutlich besser ist als 2013?

Ja, na gut, wenn du ihm zuschaust im Training, er fährt viel allein, er kann das echt gut. Sandro kann ja schnell fahren – solange er locker ist... Aber diese Lockerheit fehlt uns in den Rennen, und die müssen wir irgendwie finden.

Wäre ein zweiter Fahrer im Team hilfreich?

Ich habe das schon für die Saison 2014 befürwortet, wenn ich ehrlich bin. Ich denke, das wäre auf jeden Fall produktiv. Man sieht es ja bei Marc VDS und anderen Top-Teams wie bei Pons, da pushen sich die Fahrer halt gegenseitig.
Das ist ein Aspekt. Und von der technischen Seite her ist es viel einfacher und aufschlussreicher, wenn du mit zwei Fahrern etwas probieren kannst.
Wir werden das im Team nach dem Sachsenring-GP besprechen. Dann entscheiden wir, ob wir bis zum Brünn-GP für 2015 eine Anmeldung für einen zweiten Fahrer abgeben.

Was muss passieren, dass du nach den zwei nächsten Rennen guter Laune bist?

Mit Top-Ten-Resultaten ohne grössere Zwischenfälle wäre ich schon zufrieden.

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