MX-Rückblick 2015-9: MXoN wird zur Krönung der Saison

Von Thoralf Abgarjan
Motocross
Die Zuschauerkulisse in Ernée und die spektakulärsten Rennen des Jahres sorgen für die unvergessslichen Momente der Saison 2015

Die Zuschauerkulisse in Ernée und die spektakulärsten Rennen des Jahres sorgen für die unvergessslichen Momente der Saison 2015

Im September werden die letzten WM-Titel vergeben: Tim Gajser wird MX2-Champion und Frankreich setzt sich beim MXoN knapp aber verdient gegen die USA durch. Ben Townley steigt wie Phönix aus der Asche.

September 2015: Der WM-Zirkus geht zum Saisonende noch einmal nach Übersee: In Mexiko und USA finden die beiden letzten Rennen der Saison statt. Während die Entscheidung in der Premiumklasse MXGP bereits in Assen zugunsten von Yamaha-Werksfahrer Romain Febvre gefallen ist, spitzt sich die Lage in der MX2-Prinzenklasse weiter zu. 

Jonass holt am Boden stürzend den Holeshot

Pauls Jonass (KTM) will die Tabellenführung um jeden Preis zurückerobern und geht in Mexiko entsprechend motiviert an den Start und gewinnt prompt den ersten Lauf. Doch in Lauf 2 stürzt der Lette in der ersten Kurve. Er und sein Motorrad schlittern noch vor dem heranbrausenden Fahrerfeld über die Holeshot-Linie. Ein Holeshot am Boden liegend - eine der spektakulärsten Kuriositäten des Jahres!

Drama um Pauls Jonass

Jonass wird im Startgetümmel von zwei nachfolgenden Piloten überrollt und nimmt als Letzter das Rennen in Angriff. Er benötigt nur wenige Runden, um bereits Platz 6 zu erreichen, dann passiert das Unfassbare: Der Lette fliegt nach einem Sprung brutal ab. Fahrer und Bike überschlagen sich mehrfach und landen weit abseits der Strecke.

Dieser Crash wird als einer der heftigsten Unfälle in die Geschichtsbücher eingehen. Es gibt nur wenige vergleichbare Zwischenfälle: Chad Reed in Millville (USA) 2011 und Eli Tomac beim Motocross der Nationen in Teutschenthal 2013. Spektakuläre Abflüge im 'superman'-Stil, die glücklicherweise nicht zu schweren Verletzungen führten.

Jonass übersteht den Horrorcrash und fährt weiter. Dass er mit verbogenem Bike sogar noch auf Platz 13 fahren kann, ist eine der grandiosesten Leistungen des Jahres.

Aber den WM-Titel hat der junge Lette an diesem Tage verloren und SPEEDWEEK.com schreibt: «Auch wenn die WM vielleicht verloren ist: Die Gesundheit ist am Ende wichtiger als jeder sportliche Erfolg!»

Der junge Amerikaner Thomas Covington gewinnt in Mexiko seinen ersten MX2-Grand-Prix und der frischgebackene MXGP-Champion Romain Febvre siegt in beiden MXGP-Läufen weltmeisterlich.

US-Finale verblasst im Desinteresse

Das Finale von Glen Helen sollte der große Showdown zwischen Ryan Villopoto und ..., ja... wem eigentlich..., werden? Alle Stars, die vor der Saison hoch gehandelt wurden, sind schon längst aus dem Rennen.

Ein grandioser Kurs in den Bergen von San Bernardino fand erneut ohne nennenswerte Zuschauer-Resonanz statt. Offiziell war zwar von 20.000 Besuchern die Rede, aber diese müssen sich zum Zeitpunkt des Rennens wohl anderswo aufgehalten haben... Während der Rennen sind nur ein paar vereinzelte Fans um den Glen Helen zu sichten.

Auch das Fahrerfeld ist kein Ruhmesblatt. Immerhin wurde Glen Helen nicht ganz so abgestraft wie der US-Grand-Prix von 2011, aber die ganz großen Namen wie Ryan Dungey und Ken Roczen bleiben der Veranstaltung fern.

In der MX2-Klasse teilen sich die US-Starter Jessy Nelson, Chris Alldredge und Shane McElrath im ersten Lauf die Podiumsplätze auf. Im zweiten Lauf kommt Valentin Guillod gut durch und rettet so die Ehre der WM-Elite durch ein Grand-Prix-Podium.

Pechvogel Jonass ist nach seinen Crashes angeschlagen und kämpft verzweifelt, doch sein Rückstand auf Tim Gajser ist zu groß: Gajser wird in Glen Helen MX2-Weltmeister.

In der MXGP-Klasse nutzt ein US-Pilot aus der zweiten Reihe seinen Heimvorteil und hält die WM-Elite in Schach: Josh Grant gewinnt den letzten WM-Lauf des Jahres. Weltmeister Romain Febvre kann gerade noch verhindern, dass der Amerikaner den Tagessieg holt.

Grant bietet sich nach seinem Laufsieg in Glen Helen öffentlich als WM-Einsatzfahrer an, doch kein Team hat Interesse. Im Gegensatz zu Ben Townley: Der Neuseeländer, der eigentlich schon vor zwei Jahren offiziell zurückgetreten war, nutzt das Saisonfinale, um sich auf das Motocross der Nationen vorzubereiten. Mit Rang 11 im ersten Lauf fällt sein Comeback recht unspektakulär aus. Im zweiten Lauf ist er gleich zu Rennbeginn in einen Crash verwickelt. Doch seine Stunde wird erst noch kommen.

MXoN: Showdown zwischen Frankreich und USA

Frankreich hat Ende September die Chance, auf heimischen Boden seinen Titel von 2014 zu verteidigen. Mit Weltmeister Febvre, Vizeweltmeister Gautier Paulin und US-Supercross-Ostküsten-Champion Marvin Musquin treten die Franzosen mit einem 'dream team' par excellence an.

Aber Team USA brennt auf Revanche: Justin Barcia ist in Topform, Jeremy Martin hat in der 250er-US-Meisterschaft gerade Marvin Musquin besiegt. Allein Cooper Webb scheint die Schwachstelle des US-Teams zu sein. Und tatsächlich ist es Webb, der im entscheidenden letzten Lauf des Tages seine Maschine abwürgt und damit Zeit und Positionen einbüßt. Die Amerikaner verlieren die Chamberlain-Trophy denkbar knapp mit nur 2 Punkten Rückstand, erst im letzten Rennen des Tages. Team Frankreich ist aber die beste Mannschaft und wird verdient Weltmeister. Team Deutschland muss erneut auf seinen Superstar Ken Roczen verzichten, hat dazu noch Pech: mehr als Platz 9 ist für die DMSB-Mannschaft nicht drin.

In einem Punkt waren sich alle einig: Das MXoN war das spektakulärste Rennen des Jahres und ein krönender Saisonabschluss. Das MXoN 2015 ist eine perfekte Werbung für den Sport, nicht zuletzt wegen der 50.000 Zuschauer an der Strecke, die den Kurs von Ernée in eine unvergessliche, elektrisierende Atmosphäre hüllten.

Ken Roczen trainiert zu Hause in Mattstedt

Die Nations finden 2015 erneut ohne Ken Roczen statt: Deutschland muss in Ernée zum zweiten Mal in Folge auf einen seiner besten Fahrer verzichten. Erneut sickern im Vorfeld nur spärliche Informationen durch: Saison zu anstrengend, Termine zu knapp, notwendige Operation, so heißt es.

Die deutschen Fans tragen diese Erklärungsversuche noch mit Fassung. Zum Zeitpunkt der Nations weilt Roczen längst in Europa, genauer gesagt: In seiner Heimat Mattstedt. Er trainiert in Deutschland für das 'Red Bull Straight Rhythm', das Anfang Oktober in den USA stattfindet.

Just am Wochenende der Nations postet Ken Roczen in den sozialen Medien, dass er mit seinen Kumpels eine Geländefahrt unternimmt, nachdem er auf der frisch geschobenen Hausstrecke (ebenfalls mit zahlreichen Videos gut dokumentierte) Trainingseinheiten absolviert hat.

Roczen ist augenscheinlich topfit und vertreibt sich in Mattstedt die Zeit, findet aber zugleich immer wieder neue Gründe, warum er nicht für sein Heimatland beim MXoN antreten kann. In Deutschland ist er aufgewachsen und sportlich aufgestiegen. Ob seine Postings einfach nur unüberlegt oder versehentlich platziert waren, bleibt bis heute ungeklärt, aber viele deutsche Fans empfinden diese 'Geste' als Fauxpas.

Wie Phönix aus der Asche: Der Rücktritt vom Rücktritt

Vieles ist beim MXoN bekanntlich anders als sonst. Als aber ein Fahrer in Schwarz an der Spitze des Feldes auftaucht, muss die versammelte MX-Fangemeinde erst einen genaueren Blick in das Programmheft werfen: Ben Townley ist aus dem Nichts zurück an der Weltspitze. Im letzten Rennen des Tages wird er nur von Febvre geschlagen und kommt vor US-Star Barcia ins Ziel.

Stefan Everts, der in Kürze das Suzuki-Werksteam übernehmen wird, entgeht das nicht. Der Belgier war zwar schon immer vom außergewöhnlichen Talent des Neuseeländers überzeugt, aber diese Performance kommt für ihn nicht nur überraschend, sondern genau zum richtigen Zeitpunkt: Nach dem Weggang von Clement Desalle zu Kawasaki fehlt ihm noch ein zweiter, siegfähiger Einsatzfahrer.

Everts und Townley werden sich bald einig: Der Neuseeländer wird 2016 Suzuki-Werksfahrer.

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