Hervé Poncharal: «Es gibt kein perfektes Reglement»

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Tech3-Yamaha-Teambesitzer Hervé Poncharal räumt ein, dass das MotoGP-Reglement Schwachstellen hat. «Aber es hat geholfen, Ducati wieder an die Spitze zu bringen», gibt er zu bedenken.

LCR-Honda-Teambesitzer Lucio Cecchinello regte sich 2014 manchmal auf, weil die Factory-Satellitenteams wie LCR, Gresini und Tech3 bei der Einführung der neuen Open Class in mancherlei Hinsicht die Dummen waren.

Sie zahlen bei HRC und Yamaha die hohen Leasingraten für die Werksmaschinen von Bradl, Bautista, Pol Espargaró und Bradley Smith. Doch die privaten Open-Teams wie Forward machten ihnen wegen der Open-Privilegien (24 statt 20 Liter, zwölf statt fünf Motoren, weniger Testverbote, Motorenentwicklung nicht eingeschränkt, weichere Hinterreifen) oft das Leben schwer.

Dazu kam: Die vier Factory-Ducati von Ducati Corse (Dovizioso, Crutchlow) und Pramac (Iannone und Hernandez) profitierten 2014 ebenfalls von den Open-Vorzügen – und werden es auch 2015 tun.

Tech3-Yamaha-Teambesitzer Hervé Poncharal zählte zu den Betroffenen, nahm die Situation aber mit mehr Gleichmut und Verständnis hin als Cecchinello.

Dabei litten Pol Espargaró und Smith besonders in den Qualifyings deutlich unter den erschwerten Bedingungen.

«Ich habe mich darüber nie beschwert», hält Poncharal fest. «Ich habe zwar manchmal erwähnt, dass ich die Frustration von Pol oder Bradley verstehe, wenn sie vergeblich versucht haben, Iannone oder Aleix Espargaró auf den weichen Hinterreifen zu verfolgen. Doch am Schluss müssen wir der Realität ins Auge sehen. Wir können immer irgendeine Ausrede suchen und erklären, dass wir besser sind als wir in der Wirklichkeit aussehen. Aber die ersten vier Fahrer in der WM 2014 sind mit Factory-Option gefahren. Wie viele Pole-Positions haben die Open-Fahrer erreicht? Eine einzige durch Aleix Espargaró in Assen, das wechselhafte Wetter hat auch dazu beigetragen. Gut, Dovizioso fuhr in Japan auf die Pole. Aber er fuhr nicht in der Open Class. Alle anderen Pole-Positions wurden von Werkspiloten errungen und alle 18 Siege. Klar, die Fahrer von LCR, Gresini und mir hätten in den Qualifyings ohne die Open-Fahrer manchmal bessere Ergebnisse erzielen können. Aber wenn du versuchst, ganz objektiv zu sein: Auch ohne die Open-Vorteile bei den Reifen und beim Sprit wären wir zu keinen besseren Resultaten gekommen, weil Márquez, Rossi, Lorenzo und Pedrosa als Fahrer die Massstäbe gesetzt haben. Ausreden lassen sich immer finden. Aber die Realität lässt sich nicht vertuschen.»

«Wir reden im GP-Sport viel über Technik, über die Crew in der Box, aber den grössten Anteil am Resultat und am Erfolg trägt der Fahrer», gibt der Franzose zu bedenken.

Ducati bekam die Open-Privilegien für 2014, weil die Roten 2013 kein Rennen gewonnen haben.

Eigentlich ist es unerklärlich, warum Ducati diese Vorzüge und ungerechtfertigten Privilegien auch für 2015 zugebilligt werden.
Hervé Poncharal stört sich nicht daran.

Denn die Dorna liess sich diese «Lex Ducati» in erster Linie einfallen, um die Roten bei Laune zu halten und wieder Abwechslung in die japanische Vorherrschaft zu bringen.

Eine verbesserte Show ist der Dorna wichtiger als Gerechtigkeit.

«Die technischen Vorschriften für 2014 wurden beschlossen, am Schluss bekam Ducati die Open-Vorteile», erinnert Poncharal. «Und da uns oft vorgeworfen wird, wir würden das Reglement zu häufig ändern, haben wir die Vorschriften für zwei Jahre festgesetzt. Sicher hatten wir die Absicht, dass Ducati mit diesen Zugeständnissen die Lücke schliessen und ein paar gute Leistungen zeigen kann, nicht nur in den Trainings, sondern auch in den Rennen. Das ist genau das, was wir uns wünschten. Es ist auf die Dauer nicht sinnvoll, ein Monopol von Honda und Yamaha aufrecht zu halten, während die anderen Hersteller nur die Lückenbüsser spielen. Ende 2015 verschwinden die Open-Vorteile für alle Teams und Werke. Aber die Open-Class-Geschichte hat uns geholfen, das Feld etwas zusammenrücken zu lassen. Trotzdem haben die Werke von Honda und Yamaha unglaublich dominiert. Wir haben jetzt dieses Reglement... Wenn du neu einsteigst oder im Jahr 2013 nicht gewonnen hast, bekommst du ein paar Zugeständnisse. Das ist eine Unterstützung durch die Macher der Meisterschaft, eine Art Bonus, um sich verbessern zu können. 2016 werden wir sehen, wie die Stärkeverhältnisse aussehen, wenn für alle Teams die gleichen technischen Voraussetzungen gelten.»

«Wir leben in keiner perfekten, idealen Welt», ist sich Poncharal bewusst. «Unsere MotoGP-Vorschriften sind wahrscheinlich auch nicht perfekt. Aber wir haben die Situation für Ducati verbessert, sie waren 2014 deutlich stärker als in den Jahren zuvor. Für mich war es manchmal nett zu sehen, dass Dovi wieder vorne mitmischen konnte, auch wenn ich Ducati eigentlich besiegen möchte. Für die Meisterschaft war es wertvoll, manchmal Dovi, Iannone oder Cal in der Spitzengruppe zu sehen. Für die ganzen Fans weltweit ist es sinnvoll, wenn Ducati wieder eine stärkere Rolle spielt. Vielleicht kann auch Suzuki 2015 dank der Open-Vorteile aufhorchen lassen. Und warum nicht auch Aprilia?»

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