Verfälschtes WM-Ergebnis: Der FIM-Anwalt hat versagt

Kolumne von Ivo Schützbach
Supersport-WM
Weil Yamaha für Lucas Mahias einen cleveren Anwalt zur Verhandlung beim Court of Arbitration for Sport schickte, verloren Jules Cluzel und Randy Krummenacher in der Supersport-WM 2018 wertvolle Plätze.

Was vom Court of Arbitration for Sport (CAS) in Lugano am 22. Oktober bezüglich des Supersport-WM-Rennens in Portimao und den damit verknüpften Nachwirkungen entschieden wurde, möchte ich losgelöst von den betroffenen Fahrern betrachten. Profiteur Lucas Mahias und die benachteiligten Jules Cluzel und Randy Krummenacher hatten keinerlei Einfluss auf die Entscheidung, ihr Glück und Pech lag in anderen Händen.

Was der CAS entschied, könnte zu einem gefährlichen Präzedenzfall mit weitreichenden Folgen werden.

Lassen wir die Ereignisse noch einmal Revue passieren.

Lucas Mahias (GRT Yamaha) fiel beim Supersport-Rennen in Portimão am 16. September 2018 in Führung liegend mit plattem Hinterreifen aus.

Zeitgleich gab es im hinteren Feld eine Kollision zwischen Rob Hartog und Borja Quero Martinez, weshalb das Rennen abgebrochen und nach Runde 16 gewertet wurde. Zu diesem Zeitpunkt führte Mahias das Rennen an und wäre damit Sieger gewesen.

Grundvoraussetzung, um in die Wertung zu kommen, ist, dass die Fahrer ihr Motorrad innerhalb fünf Minuten nach Abbruch in die Boxengasse zurückbringen.

Wenige Sekunden vor Ablauf dieser Frist kehrte der Franzose nach zwei Stürzen mit zerfetztem Hinterreifen zurück. Nachdem er kurz als Sieger gefeiert wurde, korrigierte die Rennleitung innerhalb weniger Augenblicke das Ergebnis und nahm Mahias aus der Wertung: Er hatte auf dem Weg zurück eine Abkürzung benützt und war zum Abbruchzeitpunkt außerdem nicht mehr aktiv im Rennen.

Yamaha legte in Portimao Protest gegen diese Entscheidung ein, dieser wurde abgelehnt. Daraufhin ging der japanische Hersteller in die nächste Instanz und protestierte beim Court of Arbitration for Sport (CAS).

Das Rennen in Portimao war am 16. September, verhandelt wurde der Fall erst am 22. Oktober 2018. Und das auch nur, weil WM-Promoter Dorna beim Motorrad-Weltverband FIM massiven Druck ausübte: Unter allen Umständen sollte vor dem WM-Finale in Katar klar sein, welche Auswirkungen der Yamaha-Protest hat.

Wenige Minuten vor dem ersten freien Training am Donnerstag erfuhren Dorna, Fahrer und Teams von der Entscheidung. Es dauerte also nicht nur über vier Wochen vom Vorfall bis zur Verhandlung, sondern weitere vier Tage, bis das Verhandlungsresultat veröffentlicht wurde. Und was veröffentlicht wurde, ist ein schlechter Scherz: Es gibt keine Urteilsbegründung.

Es wurde lediglich mitgeteilt, dass Mahias seinen Portimao-Sieg zurück erhielt und er stattdessen eine Geldstrafe zahlen muss – wie sich herausstellte, 1000 Euro.

Der CAS folgte der Einschätzung der Rennleitung, dass Mahias regelwidrig gehandelt hat, das Strafmaß wurde aber als überzogen eingestuft.

Was dem Schiedsgericht entging: In diesem Fall gibt es keine Graustufen im Reglement, sondern nur falsch und richtig.

Paragraph 1.26.1. des Regelbuchs ist eindeutig: «Fahrer, die zum Abbruchzeitpunkt nicht aktiv im Rennen waren, kommen nicht in die Wertung.»

Mahias war unzweifelhaft nicht mehr aktiv, er hatte seine R6 bereits an einer Mauer neben der Rennstrecke abgestellt.

Regelbuch ist eindeutig

Bei der Verhandlung in Lugano war Michele Bernasconi als Schlichter des CAS dabei, der Motorrad-Weltverband wurde von seinem Rechtsvorsitzenden Richard Perret vertreten, ein von Yamaha bestellter Anwalt sicherte die Rechte von Lucas Mahias.

Der Yamaha-Anwalt berief sich in seiner Argumentation auf die Klausel mit den 5 Minuten. Dass Mahias diesen Zeitrahmen nur einhalten konnte, weil er eine Abkürzung bei der Boxeneinfahrt nahm, wischte er mit der Bemerkung vom Tisch, dass das Rennen mit roter Flagge abgebrochen wurde und es demzufolge egal gewesen sei, wie Mahias an die Box zurückkehrte.

CAS-Schiedsmann Bernasconi, ein im Motorsport Unbedarfter, urteilte, dass Mahias wohl doch irgendetwas falsch gemacht hat, gab aber nicht der FIM Recht, sondern verringerte das Strafmaß von «nicht gewertet» auf «Geldstrafe».

Ein Fehlurteil, ohne Frage.

Den größeren Vorwurf muss man aber dem FIM-Anwalt machen, der dem Vernehmen nach nicht in der Lage war, das eigene Regelbuch zu zitieren und auf Paragraph 1.26.1 hinzuweisen.

«Fahrer, die zum Abbruchzeitpunkt nicht aktiv im Rennen waren, kommen nicht in die Wertung.» Dieser Satz steht über allem, alle weiteren Feinheiten des Reglements diesbezüglich sind nur Beiwerk.

«Der Yamaha-Anwalt war schlicht cleverer, eine Katastrophe», ärgerte sich ein hochrangiger Dorna-Manager.

Cluzel und Krummenacher betrogen

Durch das korrigierte Portimao-Ergebnis verlor Sandro Cortese einen WM-Punkt, was die Ausgangslage vor Katar grundlegend änderte. Hätte ihm zuvor ein zweiter Platz gereicht um Weltmeister zu werden, sollte Jules Cluzel das Rennen gewinnen, durfte er jetzt maximal vier Punkte auf den Franzosen einbüßen.

Da Cluzel im Rennen hinter Cortese liegend stürzte, war das letztlich egal.

Ganz anders, was Mahias, Cluzel und Krummenacher betrifft. Mahias bekam für seinen Katar-Sieg 25 Punkte und überholte damit in der Gesamtwertung Cluzel um zwei Punkte. War Cluzel vor der CAS-Entscheidung sicherer Vizeweltmeister, landete er jetzt in der WM nur auf Rang 3.

Krummi fehlten am Schluss 26 Punkte auf Mahias. Hätte der Franzose die 25 Punkte von Portimao nicht zurückbekommen, wäre Krummi dort als Vierter und nicht als Fünfter gewertet werden. Der Unterschied dafür beträgt zwei Punkte.

Der offizielle WM-Endstand 2018:

1 Sandro Cortese, 208 Punkte
2 Lucas Mahias 185
3 Jules Cluzel 183
4 Randy Krummenacher 159

Ohne die Ergebnis-Korrektur von Portimao wäre der Endstand wie folgt:

1 Sandro Cortese 209 Punkte
2 Jules Cluzel 183
3 Randy Krummenacher 161
4 Lucas Mahias 160

Für Mahias und Krummenacher änderte sich nicht nur die Endplatzierung gravierend, es macht auch finanziell einen Unterschied im niedrigen fünfstelligen Euro-Bereich, für erhaltene oder entgangene Bonus-Zahlungen.

Wovor sich die Dorna besonders fürchtet: Zieht jedes Mal ein Fahrer vor den CAS, wenn er mit einem Strafmaß oder einer Entscheidung der Rennleitung nicht einverstanden ist, dann wird die Autorität der Rennleitung und der FIM untergraben.

Der CAS ist da, um Fehlurteile der Rennleitung und der FIM zu korrigieren, eine sehr wichtige neutrale Instanz. Wurde das Reglement wie im vorliegenden Fall richtig angewandt und der CAS korrigiert ein Urteil trotzdem, weil der FIM-Anwalt die falschen Argumente brachte, dann muss man sich fragen wer das Regelbuch kennen soll, wenn nicht deren Verfasser. Diese Diskussion ist bezüglich der Stegreifkomödianten der FIM leider eine alte.

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