Martin Brundle: Stallorder Ferrari ein heisses Thema

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Der langjährige Formel-1-Fahrer Martin Brundle spricht über das brandheisse Thema Stallorder bei Ferrari. Haben die Italiener in Österreich weise gehandelt oder eine Chance verschenkt?

Nach so vielen Jahren Formel-1-Sport müsste Martin Brundle eigentlich schon alles gesehen haben. Aber auch für den 59-Jährigen gibt es immer wieder Rennen, die ihn baff hinterlassen. Wer hätte schon vor dem Österreich-GP darauf gewettet, dass die beiden Silberpfeile aus der ersten Startreihe ausscheiden würden und Max Verstappen gewinnt?

Der 158fache GP-Teilnehmer Martin Brundle, Sportwagen-Champion 1988 und Le-Mans-Sieger 1990 meint als Sky-Kolumnist: «Alles schien für Mercedes zu laufen. Das neue Aero-Paket funktionierte sehr gut, erste Startreihe, dazu Vettel auf Startplatz 6 verbannt, wegen seines Fouls an Carlos Sainz. Aber schon bevor Mercedes einen schweren Strategiefehler macht, wurde klar: Es ist der Wurm drin. Max Verstappen hielt sich immer in der Nähe. Jeder weiss, wie meisterlich er nachher zum Sieg fuhr.»

«Ich habe mich sehr gefreut über den zweiten Rang von Kimi Räikkönen. Er hatte den Speed für diesen Podestplatz, und er zeigte kurz nach dem Start, welchen Mumm er in den Knochen hat. Alle waren zum Schluss des Rennens gespannt darauf, ob Ferrari die Plätze wechseln lassen würde. Ich glaube nicht an die Räuberpistole, dass es einen solchen Befehl gab, Kimi ihn aber ignoriert hat. Ich glaube vielmehr: Es wäre aus psychologischer Sicht für Kimi und für Ferrari desaströs gewesen, eine solche Stallorder zu erzwingen. Es wäre nach dem Rennen DIE Geschichte gewesen.»

«Obschon Kimi dieses Rennen vielleicht hätte gewinnen können, drängt sich die Frage auf: Wird er bleiben? Er ist eine Formel-1-Ikone, aber Ferrari braucht frisches Blut und muss sich für die Verstappen-Ära wappnen.»

«Ich wurde am Red Bull Ring einige Male gefragt, wie ich die Strafversetzung von Vettel einstufe. Ich finde: Die Kommissare haben mit Augenmass und in Linie mit bisherigen Urteilen gehandelt. Wiederholt ist von ihnen ein gleichmässiges Strafmass gefordert worden. Dann sollten wir nicht schimpfen, wenn sie genau das tun.»

«Fakt bleibt: Vettel hat Sainz aufgehalten. Die Fahrer brauchen unbehinderte Runden, und Carlos hatte das nicht. Wer das Urteil in Frage stellt, dem sage ich: Was hätte wohl Vettel gemeint, wenn die Situation umgekehrt gewesen wäre?»

«Mercedes ist in dieser Turbo-Ära seit Anfang 2014 so gut wie kugelsicher. Ist der Doppelausfall von Österreich ein Hinweis darauf, dass sie von Ferrari und Red Bull Racing unter Druck gesetzt werden? Haben sie die Grenzen zu extrem verschoben? Oder war das alles nur ein Zufall? Ich weiss es auch nicht.»

«Der Strategiefehler hingegen ist schwer nachvollziehbar. Bei den anderen Teams wurde darüber am Sonntagabend ein wenig gekichert, denn es verstand sich von selber, die Autos in der virtuellen Safety-Car-Phase reinzubringen. Ob sich der Druck von Ferrari und Red Bull Racing auf die Technik auswirkt, kann ich nicht sagen. Dass hingegen der Kommandostand von Mercedes unter Druck Fehler macht, das haben wir in Österreich nicht zum ersten Mal erlebt.»

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