Helmut Marko: «Wo liegt der Wert der Formel 1?»

Von Günther Wiesinger
Formel 1

Red Bull-Motorsport-Berater Helmut Marko plädiert für ein Einheits-KERS und einen Standard-Turbomotor für die Formel 1. Er droht unverhohlen mit einem Rückzug von Red Bull.

Ernüchterung herrscht nach dem glanzlosen Saisonauftakt bei Infiniti Red Bull Racing und Motorenlieferant Renault. Das österreichisch-französische Verhältnis ist längst keine Liebesbeziehung mehr.

Aber der Vertrag läuft bis Ende 2016 und wird eingehalten.

War es ein Fehler, sich fünf Jahre an Renault zu binden?

«Nein», betont Firmenchef Dietrich Mateschitz. «Ausserdem gab es keine Alternative. Auch bei Ferrari und Mercedes wären wir nur ein Kundenteam gewesen.»

Ausserdem wurde der Vertrag in einer Phase unterschrieben, als Sebastian Vettel und Red Bull Racing von Sieg zu Sieg und zu vier Weltmeistertiteln eilten.

Nach dem Melbourne-GP kritisierte Teamprinzipal Christian Horner den V6-1,6-Liter-Hybridmotor von Renault heftig, er bezeichnete ihn als «fast unfahrbar». Er schätzte das Leistungsmanko von ​Renault im Vergleich zu Mercedes auf «100 PS».

Die verbale Retourkutsche aus der Motorenschmiede in Viry-Châtillon liess nicht lange auf sich warten. «Es liegen Universen zwischen dem Bau von Motoren und dem Bau von Chassis», merkte Cyril Abiteboul an, Directeur Général von Renault Sport F1.

Das sollte wohl heissen: Ein Chassis kann bald jemand bauen, die Konstruktion eines Motors ist eine wesentlich komplexere Angelegenheit.

Dr. Helmut Marko, Motorsport-Berater von Red Bull und Feldherr vieler erfolgreicher Formel-1-Schlachten, nahm kein Blatt vor den Mund. Das aktuelle Reglement kille den Sport», wetterte der Steirer.

Helmut Marko nahm im Exklusiv-Interview mit SPEEDWEEK.com zu einigen brennenden Fragen Stellung.

Nach dem Formel-1-GP in Australien hat eine Aussage Markos, Red Bull werde sich womöglich aus der Formel 1 zurückziehen, für Schlagzeilen gesorgt. Die Red Bull-Teammanager wurden dann als schlechte Verlierer ​gebrandmarkt. Niki Lauda meinte, niemand sei gezwungen, in der Formel 1 mitzufahren. Und Toto Wolff ätzte: «Es gibt in Jerusalem eine Mauer, vor die du dich stellen und klagen kannst.»

Ist ein Rückzug von Red Bull aus der Formel 1 ein realistisches Szenario?

Laut unseren Untersuchungen gab es 2014 weltweit bei den TV-Einschaltquoten einen Rückgang von 26 Prozent. Wenn du jetzt von diesen bereits drastisch reduzierten Einschaltquoten noch einmal 45 Prozent verlierst, wie es sich jetzt abzeichnet, und wenn das Reglement so bleibt und keine Angleichung passiert, dann ist zu hinterfragen: Wo liegt der sportliche und der kommerzielle Wert der Formel 1? Wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht mehr aufgeht, wird über ein Ausstiegs-Szenario nachgedacht.

Bei Red Bull gab es im Frühjahr 2014 die Hoffnung, dass der 80-PS-Nachteil bis zum Spielberg-GP oder zum Sommer wettgemacht wird. Das hat sich als Illusion erwiesen. Jetzt sind für 2015 bereits nach einem Rennen alle Illusionen verflogen?

Nein, wir werden nichts aufholen. Mercedes hat einen Vorsprung, den weder Ferrari noch Renault oder Honda aufgrund dieses derartig eingeschränkten Reglements aufholen können.

Aber die Zielsetzung, um Platz 2 in der Konstrukteurs-WM zu streiten, bleibt aufrecht?

Das ist erreichbar, wenn die Komponenten bei der «power unit» in Zukunft funktionieren. Nur muss man sich Gedanken machen. Wenn sich an dieser Vorgangsweise nichts ändert, dann werden die Einschaltquoten weiter sinken. Und das kann's ja nicht sein. Das Paket passt nicht.
Es hat ja auch Herr Ecclestone gesagt, dass dieser Motor aufgrund seiner Kompliziertheit und seiner immensen Kosten eine Ingenieurs-Formel darstellt. Es will keiner sehen, dass jeder schon nach wenigen Runden Benzin sparen muss, wenn er nicht gerade einen Mercedes-Motor hat.

FIA-Präsident Jean Todt hat jetzt seine grüne Formel 1. Ausgerechnet der französische Motorenhersteller leidet am meisten darunter.

In der Vergangenheit war es so, dass derjenige mit dem stärksten Auto und der dieses Auto am besten beherrschte, als Erster über die Ziellinie gefahren ist. Es sollte nicht sein, dass jener gewinnt, der von den Ingenieuren von einer entsprechenden Hin- und Her-Adjustierung am besten über die Runden kommt.
Dazu kommt, dass die Autos mit rund 670 PS so leicht zu fahren sind. Das ist ein Argument, das nicht nur wir vorbringen. Jetzt können die ganzen Neulinge mit diesem Fahrzeug sofort wettbewerbsmässig fahren, weil die Autos im Grenzbereich leicht zu beherrschen sind und von der PS-Zahl kaum ein Unterschied sind zu einem GP2-Auto und dergleichen.

In der Formel 1 besteht der allgemeine Wunsch nach mehr PS. Red Bull Racing hat vorgeschlagen, die Triebwerke mit einem zweiten Turbo aufzurüsten Richtung 1000 PS. Aber Dr. Peter Schöggl von AVL sagt, das würden diese Triebwerk nicht verkraften, da müsste man 98 Prozent der Komponenten neu konstruieren und entwickeln!

Der Schöggl ist ein Plauscher. Es ist sein Geschäft, so etwas hinzubringen. Das ist leicht erzielbar. Und dazu sollte man ein Einheits-KERS haben und einen Standard-Turbomotor. Dann sinken die Kosten. Momentan haben wir pro Team Motorkosten von mindestens 20 Millionen Euro im Jahr. Darum jammern ja alle Teams so. Mit gewissen Standardteilen wäre eine deutliche Kostenreduktion ohne weiteres möglich.

AVL in Graz hat Renault und Red Bull Racing 2014 bereits technologisch unterstützt.

Renault wird auch 2015 bei AVL den Prüfstand, auf dem man das ganze Auto draufstellen kann, in Anspruch nehmen, bis unserer in Betrieb ist. Aber das geht auch nicht so kurzfristig. Damit ist aber sichergestellt, dass man diese Fahrbarkeitsprobleme entsprechend aussortieren kann.
Aber der Rückstand wird immer bleiben.
Auch Gary Anderson hat analysiert: Ferrari hat nicht aufgeholt, sondern sie sind näher gekommen. Und wir sind zurückgefallen, aber unsere Australien-Performance war nicht die normale, sie war nicht repräsentativ.

Manche Journalisten und Fans glauben immer noch, Red Bull werde mittelfristig einen eigenen Motor entwickeln. Dietrich Mateschitz hat daran aber kein Interesse. Also wird man sich in den nächsten zwei Jahren mit Renault irgendwie einigen und am gleichen Strang ziehen müssen?

Das Essentielle ist: Diese Zuschauerrückgänge sind ​vorhanden, seit 2014 mit diesen «power units» gefahren wird. Das heisst zum Beispiel: Am Freitag kann keiner fahren, weil du mit vier Motoren pro Fahrer und Saison nicht über die Runden kommst.

Eigentlich ist diese 4-Motoren-Regel lachhaft. Wenn man die Jahresbudgets von Mercedes, Ferrari und Red Bull anschaut, dann ist es finanziell wohl vernachlässigbar, ob pro Rennsaison vier oder fünf Motoren verheizt werden dürfen?

Die Kosten für einen zusätzlichen Motor dürften bei einer Million liegen. Aber wenn dann am Freitag keiner fährt, ist es verständlich, wenn die Zuschauer daheim bleiben.
Es geht damit los, dass von der FIA ein Motorenkonzept durchgedrückt wurde, das letztlich in der Praxis nicht den Anforderungen der Formel 1 entspricht.

Dann müssen die Hersteller und Teams mittelfristig mehr Mitspracherecht fordern? Kann man die grundlegenden Entscheidungen, die Millionen verschlingen, nicht den Funktionären überlassen?

Ja, die FIA lebt von den Einkünften aus der Formel 1.
Aber es gibt bei Reglementänderungen entweder keine Einstimmigkeit oder keine Mehrheit unter den Teams.
Und dieses Reglement ist schlecht. Du hast acht Stimmen von der FOM, acht Stimmen von der FIA und du hast die Stimmen der Teams. Aber unter den Teams kriegst du momentan keine Einigung, weil die Mercedes-Teams verständlicherweise alle Änderungswünsche blockieren, um ihren Vorsprung zu halten.
Nur: Wenn dann die Formel-1-Rennen niemand mehr anschaut, ist auch der Wert dieser Siege zumindest mittelfristig in Frage zu stellen. Wir brauchen für die Formel 1 wieder eine Führung, die Entscheidungen durchsetzen kann. So wie es unter FIA-Präsident Max Mosley war.

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