Niki Lauda über Jochen Rindt: «Wer ist dieser Irre?»

Von Gerhard Kuntschik
Formel 1

Vor 40 Jahren wurde Niki Lauda in Monza erstmals Weltmeister. Vor 45 Jahren verlor Die Formel 1 im königlichen Park durch Jochen Rindts Tod eines seiner grössten Idole.

Mit Statistiken hat er es gar nicht. Erinnerungen sind oft verdrängt, doch wenn Niki Lauda einmal auf ein Detail seiner langen Karriere angesprochen wird, dann geht der Speicher wieder auf.

Frage an den Aufsichtsrats-Chef des Mercedes-Formel-1-Rennstalls in Monza: «Niki, was war hier vor 40 Jahren?» Lauda achselzuckend: «Keine Ahnung. Ein Unfall?» – «Nein, dein erster WM-Titel.» Lauda darauf: «Ach ja, richtig. Weiss schon, ich hab den Rega (Ferrari-Teamkollege Clay Regazzoni) gewinnen lassen, denn ich wollte nichts mehr riskieren. Platz 3 genügte ja zum WM-Gewinn, und genau den fuhr ich auch ein.»

Monza 1975 – abgehakt.

Dass sich heute Samstag Jochen Rindts Todestag zum 45. Mai jährt, hat Lauda auch verdrängt. Doch plötzlich ist die Erinnerung an seine eigene Anfangszeit wieder voll da. Über dieses Wochenende erzählt er: «Ich fuhr in Zolder in der Formel 3. Am Samstag kam plötzlich ein Typ vorbei, den ich nicht kannte, und sagte, „der Rindt ist tot.“ Ich glaubte es nicht, hielt ihn für einen Blödmann, der sich wichtigmachen wollte. Es liess mir aber keine Ruhe, ich versuchte bei der Fahrt ins Hotel einen Radiosender zu finden, der Nachrichten brachte. Dann musste ich es glauben.»

Einen Tag später kam das Rennen, um die Coupe de L’Avenir (die James Hunt gewinnen sollte). Lauda fällt ein: «In der ersten Runde crashte die einzige Dame im Feld, Hannelore Werner. Eine Ambulanz fuhr zur Unfallstelle, es wurden aber keine Flaggen geschwenkt. Darauf krachten wir in Runde 2 zu sechst ineinander und in den Rettungswagen. Es war der letzte einiger schwerer Unfälle in der Formel 3, worauf ich beschloss: In dieser Serie mit lauter Verrückten riskiere ich nichts mehr.» Lauda stieg für den Rest der Saison 1970 zu den Sportwagen in einen Porsche 908 um.

Gegen Jochen Rindt fuhr Lauda nicht, aber er hatte einige Erlebnisse mit ihm. «1968, ich war 19, fuhr ich meine ersten Bergrennen im Mini, war ein völlig unbekannter Anfänger. Im Herbst machte Jochen in Wien-Aspern eine Präsentation für seine kommende Rindt-Show. Ich stand hinter dem Zaun unter Journalisten, als er auf mich zukam und mich ansprach. Dabei kannten wir einander bis dahin gar nicht. Aber er wusste schon Bescheid. Das hat mich schwer beeindruckt.»

Als Rindt 1970 in Brands Hatch den britischen GP gewann, fuhr Lauda dort das Formel-3-Rennen. «Ich schaute beim Formel-1-Training in einer Kurve zu, es regnete. Da kam einer im Regen mit unheimlichem Speed völlig quer daher. Ich dachte mir nur: Wer ist der Irre? Es war Rindt. Ich sehe die Szene vor mir, als wäre sie gestern gewesen.»

In Monza arbeiten an diesem Wochenende noch fünf Journalisten, die an Rindts Schicksalstag auch hier waren. Der Schweizer Roger Benoit erzählt: «Jackie Stewart stellte mich Jochen vor und sagte: „Das ist ein Schweizer, der auch ständig raucht wie du.“ Dann rauchten wir an der Boxenmauer eine Zigarette zusammen.» Der deutsche Fotograf Rainer Schlegelmilch hielt das im Bild fest.

Benoits Landsmann Jacques Deschenaux, der als enger Freund von Jo Siffert (verunglückte ein Jahr später tödlich) in Monza war, erinnert sich: «Sonntag gewann Regazzoni für Ferrari, und das Autodrom stand Kopf. An Rindt dachte niemand mehr.»

Der Italiener Giorgio Piola verlor wegen Rindt sogar seinen Job: «Meine damalige Gefährtin war eng mit Nina Rindt befreundet. Wir waren in der Box, als Bernie Ecclestone mit Jochens Helm zurückkam und den Kopf schüttelte. Ich war so geschockt, dass ich das Autodrom verliess und vom Rennen am Sonntag nicht mehr berichtete. Mein Magazin hat mich darauf gefeuert. Pino Allievi wurde mein Nachfolger.» Der prägt seit Jahrzehnten die Formel-1-Berichterstattung der «Gazzetta dello Sport».

Wenn Bernie Ecclestone, den mit Rindt eine freundschaftlich-geschäftliche Beziehung verband, über Jochen spricht, wird er noch leiser als sonst. Und Herbie Blash, heute stellvertretender Rennleiter und für Sicherheitsbelange zuständig, bekommt leuchtende Augen: «Er war ein ganz Grosser», sagt Rindts ehemaliger Mechaniker auch heute noch.

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