2000 km in 24 Stunden – ich würd es wieder tun

Von Rolf Lüthi
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Zu meinem Geburtstag mache ich mir selber ein Geschenk: Eine Express-Autobahnfahrt auf der Yamaha FJR 1300, um Mitglied zu werden im Verband der Eisenärsche.

Um 02:27 Uhr tanke ich 6 km von meinem warmen Bett entfernt die Yamaha FJR 1300 auf. Es geht los mit meiner ganz anderen Art, Geburtstag zu feiern. Ich will Mitglied werden in der Iron Butt Association, dem Verband der Eisenärsche. Um sich würdig zu erweisen, ist als Mindestanforderung der Saddle Sore 1600 K zu absolvieren. Saddle Sore bedeutet in etwa Sattelschmerz, 1600 K steht für 1600 km, die in 24 Stunden zurückzulegen sind. Der ganze Trip ist mit Fotos zu belegen, auf denen die Tankquittungen neben dem Kilometerzähler des Motorrads zu sehen sind.

Die Inspiration für meine Route ist ein Song aus den 70ern der längst vergessenen deutschen Rockband Harlis. «Riding to Hamburg, Munich next Day», besangen sie das Motorradfahren. Mein Plan: «Riding to Hamburg, Munich same Day». Um Reserven für ein Nickerchen oder unplanmässige Zwischenfälle zu haben, strebe ich einen Schnitt von 100 km/h an – inklusive Tankstopps und Pausen. Das geht zu Beginn schon mal in die Hose, als die Autobahntunnel der Umfahrung Schaffhausen gesperrt sind und ich stattdessen durch die schlafende Stadt gondeln muss, inklusive unsinniger Warterei an roten Lämpchen vor menschenleeren Kreuzungen.

Ab Thayngen dann freie Fahrt, ich komme zügig voran auf der Autobahn, auf der um diese Zeit fast nur Lastwagen fahren. Auf der Strecke Stuttgart - Karlsruhe - Pforzheim gibt’s zwischenzeitlich Nieselregen oder Nebel. Auf der Raststätte Montabaur, 100 km vor Köln, gönne ich mir um halb Sieben in der früh den ersten Kaffee. Fast 500 km in vier Stunden sind zurückgelegt, und als ich wieder im Sattel bin, dämmert der Morgen.

Irgendwo muss ja Stau sein, so in Köln, das ich im dichten Morgenverkehr passiere. Weiter, weiter: Auf der Autobahn an Bremen vorbei nach Hamburg. Immer wieder auf 120 km/h limitierte Abschnitte und Baustellen mit 80er Beschränkung. Bei Hamburg halte ich nach 972 km kurz an am Rastplatz Aabachkate, um ein taktisches Fanta zu kaufen. Taktisch deshalb, weil es an diesem Rastplatz keine Tankstelle gibt, nur ein einfaches Restaurant. Ich fotografiere die Fanta-Quittung neben dem Tacho, um zu beweisen, dass ich wirklich bis nach Hamburg gefahren bin.

Es ist fast halb Zwölf, ich bin auf dem langen Weg zurück. Meine Hoffnung, dass ich in Norddeutschland ungehindert ein paar Dutzend Kilometer ohne Speedlimit abdrücken kann, erfüllt sich nicht. Immer wieder Baustellen und andere Gründe, um ein rundes Stück Blech mit einer Zahl drauf aufzustellen. Vor Hannover Stau. Ich fahre zwischen den Kolonnen voran, ich bin schliesslich in höherem Auftrag unterwegs. Auf einer Raststätte bei Göttingen schiebe ich auf einer komfortablen Holzbank ein Nickerchen ein. Ich gestatte mir 12 Minuten, dann klingelt der Handywecker.

Wieder im Sattel bin ich hellwach, und nun geht’s voran: Ab Kassel über Würzburg und Nürnberg Richtung München über weite Strecken freie Fahrt. Ich fahre nicht volles Rohr, da würde ich nur Zeit verlieren, weil dauernd der Tank leer ist, sondern cruise je nach Situation mit 180 bis 200 auf dem Tacho, um die 175 km/h nach GPS. Auf der Raststätte Hepberg, 85 km vor München, sind die 1600 km voll.

Es ist erst halb Sieben, und es gibt italienischen Segafredo-Kaffee. Wie war das noch Mal? Iron Butt-Neulinge müssen/dürfen als Erstride den Saddle Sore 1600 K oder 2000 K machen. Letzterer verlangt 2000 km in 24 Stunden. Mir bleiben noch acht Stunden für 400 km.

München umschiffe ich ohne Stau, und ein Gewitter mit Platzregen 100 km vor Bregenz hält mich nur geringfügig auf. Wenn ich jetzt nach Hause fahre, hätte ich 2015 km auf dem Zähler – zu wenig. Falls der Zähler vorgeht, wären das keine echten 2000 km. Ich hänge eine Schleife über Sargans an und krieche, weil hier immer irgendwo ein Radarkasten steht, gegen elf Uhr Nachts über den Rickenpass. Um 23:06 Uhr tanke ich ein letztes Mal in Mosnang und schiesse bei Tachostand 2086 das letzte Beweisfoto. Nach zwei Kilometern sitze ich daheim beim After-Ride-Bierchen.

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