Sachsenring-GP: Tickets zu teuer – Zuschauerpleite

Von Günther Wiesinger
MotoGP
Beim 20. Sachsenring-GP der Neuzeit gab es das drittschlechteste Zuschauerergebnis. Es erschienen an drei Tagen 65.332 Besucher weniger als 2011. Wie soll das weitergehen?

Die Stimmung war ausgelassen, in allen drei GP-Klassen mischten die deutschen Motorradasse unter den Top-Ten mit. Jonas Folger übertraf alle Erwartungen, heizte Weltmeister Marc Márquez tüchtig ein und brachte ihn an den Rand einer Niederlage.

Sogar im Red Bull Rookies-Cup legten zwei deutsche Teilnehmer wahre Talentproben ab – Kevin Orgis landete am Samstag im ersten Rennen auf Platz 2, Matthias Meggle sicherte sich am Sonntag Platz 6.

Trotzdem hinterlässt der 20. Grand Prix auf dem permanenten Sachsenring einen bitteren Beigeschmack, zumindest bei Promoter SRM – der Sachsenring Rennstrecken Management GmbH.

Das ist ein Zusammenschluss der Anliegergemeinden wie Hohenstein-Ernstthal, Oberlungwitz, Gersdorf, Bernsdorf, Callenberg und der Landkreis Zwickau.

Die SRM GmbH rechnet am Tag nach dem GP von Deutschland mit einem finanziellen Verlust, der sich im hohen sechsstelligen Bereich bewegen wird, also zwischen 600.000 und 900.000 Euro.

Zur Erinnerung: Die SRM ist im September 2011 recht hastig als neuer Promoter eingesprungen, als der ADAC Sachsen wegen eines für 2012 drohenden Defizits von rund 650.000 nach 14 GP-Jahren den Krempel hinwarf.

Schon damals durfte man sich wundern, warum eine letztlich von Steuergeldern finanzierte GmbH plötzlich als GP-Veranstalter auftrat und ein Millionenrisiko einging. Tatsächlich stand die SRM GmbH bereits Ende 2013 mit rund 1,2 Millionen Euro in der Kreide. So hoch waren die Verbindlichkeiten, obwohl SRM-Geschäftsführer Wolfgang Streubel, im Hauptberuf Bürgermeister der Gemeinde Gersdorf, immer wieder beteuerte, man erwirtschafte mit dem WM-Lauf eine «schwarze Null».

Es folgten dann versteckte Subventionen durch den Freistaat Sachsen, die durch die Werbekampagne «So geht sächsisch!» verschleiert wurden.

Der Freistaat Sachsen sprang also als Retter ein, denn der Grand Prix bringt eine Umwegrentabilität von mehr als 20 Millionen in die strukturschwache Gegend. Der WM-Lauf in Sachsen gilt als größte Sportverstaltung Deutschlands.

Der Freistaat zweigte von der umstrittenen und dilettantischen Werbekampagne «So geht sächsisch» in den vier Jahren von 2012 bis 2016 stattliche 2,823 Millionen Euro für die SRM GmbH ab. Denn Ministerpräsident Stanislav Tillich wollte den Grand Prix langfristig im Lande halten und mitfinanzieren.

Die Partei «Die Linke» sprach hingegen von versteckten Subventionen, so eine Vorgehensweise steht im Widerspruch mit dem EU-Recht, denn da geht es um die Gleichbehandlung aller MotoGP-Rennen in Europa.

Freistaat Sachsen strich Subventionen

Im vergangenen Winter musste der gebeutelte SRM-Geschäftsführer Wolfgang Streubel einen schlimmen Rückschlag hinnehmen. Die Staatskanzlei hat ihm mitgeteilt, dass der Freistaat Sachsen mit seiner Imagekampagne «So geht sächsisch» nicht mehr auf dem Sachsenring werben wird. Der MDR berichtete, die SRM GmbH müsse deshalb für Motorrad Grand Prix 2017 eine Lücke von 351.500 Euro stopfen. In den vier Jahren davor waren die jährlichen Zuschüsse sogar bedeutend höher.

Dieser Rückschlag kam zum völlig falschen Zeitpunkt.

Denn der ADAC Sachsen hatte der Dorna bis 2011 für die GP-Austragungsrechte eine Gebühr von 1,7 Millionen Euro jährlich bezahlt. Sie wurde dann für 2012 (da sprang die SRM GmbH ein) auf rund 3 Millionen erhöht, jetzt beim neuen 5-Jahres-Vertrag mit der ADAC-Zentrale in München sogar auf 4 Millionen. Denn es drängen viele neue Schauplätze in den Kalender – von Finnland über Thailand bis Indonesien und Aserbaidschan. Die starke MotoGP-Nachfrage treibt die Gebühren in die Höhe.

Und jetzt kam es bem WM-Lauf 2017 knüppeldick.

– Erstmals seit fünf Jahren erschienen an den drei Tagen weniger als 200.000 Zuschauer.

– An den drei Tagen besuchten nur 164.801 Besucher den Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal und Oberlungwitz. Das ist das drittschlechteste Ergebnis in 20 Jahren.

Jetzt wird gerätselt? War das schlechte Wetter mit dem vielen Regen am Donnerstag, Freitag und Samstag schuld?

Lag es an der Terminverschiebung vom 16. auf den 2. Juli, der im Winter fällig wurde, weil der Forml-1-GP in Silverstone jetzt am 16. Juli abgewickelt wird?

Oder sind die Probleme hausgemacht?

Fakt ist, dass der Sachsenring-GP bei Dorna-Gebühren von 4 Millionen beim besten Willen nicht kostendeckend zu betreiben ist.

So ein Deal ist betriebswirtschaftlicher Unfug, vor allem, wenn das geschäftliche Risiko im Endeffekt mit Steuergeld eingegangen wird.
Der Hauptgrund für die rückläufigen Zuschauerzahlen sind die um 20 Prozent erhöhten Ticketpreise. Es kommt einem ökonomischen Selbstmord gleich, heute bei gleichbleibender Qualität ein Produkt um 20 Prozent teuer zu verkaufen.

Die Quittung bekam die SRM GmbH gestern präsentiert. 77.343 Fans bezahlten Eintritt.

In Assen vor einer Woche sind bei ähnlichem oder sogar schlechterem Wetter 105.000 Zuschauer erschienen.
Am Freitag ließen sich am SaRi nur 24.203 Zuschauer blicken, am Samstag immerhin 64.255.

Übrigens: Der Besucherrekord stammt aus dem Jahr 2011 – damals tauchten an drei Tagen nicht weniger als 230.133 Zuschauer auf.

Das sind bedrückende 65.332 Fans weniger als am vergangenen Wochenende.

Zuschauerschwund: Am Wetter allein lag es nicht

Allein dem Wetter und der Terminverschiebung die Schuld an der Zuschauerpleite zu geben, wäre einfältig. Auch in der ADAC-Sachsen-Ära mussten Terminänderungen hingenommen werden. «So etwas schlägt sich mit maximal 1000 Wochenendtickets nieder», hieß es damals von den ADAC-Funktionären.

Und bei angekündigtem Schlechtwetter bleiben normal im Schnitt 1500 kurzentschlossene Weekend-Ticketkäufer aus.

Die Experten sind der Ansicht, die üppige Preiserhöhung sei der ganz klare Hauptgrund für die teilweise leeren Tribünen gewesen.

Jahrelang galt der Sachsenring-GP als «Großer Preis der kleinen Preise».

Diese Zeiten sind vorbei.

Weil keine anderen Einnahmequellen gefunden werden, ist die SRM in ihrer Einfallslosigkeit dem simpelsten Rezept gefolgt: Preise rauf!

Also gingen die Besucherzahlen runter.

«Zu 90 Prozent ist die Preiserhöhung der Grund für den starken Zuschauerrückgang», vermutet ein GP-Funktionär.

Wenn sich die Besucher einmal daran gewöhnt haben, den Grand Prix daheim in der trockenen Stube im Free-TV zu verfolgen, werden sie vielleicht auch 2018 daheim bleiben.

Verwunderlich ist nur, dass die SRM GmbH im Vorfeld des Grand Prix die triste Situation mit den Vorverkäufen nie öffentlich angesprochen und irgendwie mit Rabattaktionen reagiert hat. Wurde mit einem Wunder gerechnet? In der GP-Woche wurde selbstherrlich noch so getan, als seien an den Tageskassen nur Restkarten zu erhaschen.

Es muss auch die Frage erlaubt sein, warum hartnäckig Tribünenplätze analog zur Besucherzahl von 2016 für teures Geld errichtet wurden, wenn sich seit Monaten abzeichnete: Es werden zehn Prozent weniger Besucher kommen.

Rund 3,5 Millionen Euro wurden im Frühjahr allein für den neuen Asphaltbelag investiert, immer in der Hoffnung auf fünf weitere GP-Jahre.

Aber ähnliche Verluste wie in diesem Jahr kann sich die SRM GmbH nicht dauerhaft leisten. Die bisherige Kopf-in-den-Sand-Methode wird eines Tages Schiffbruch erleiden.

Dass der Sachsenring der beste Schauplatz für den deutschen Motorrad Grand Prix ist, bleibt unbestritten.

Aber wenn sich kein Promoter findet, dessen Horizont über die anliegenden Gemeinden oder den Freistaat Sachsen hinausreicht, wird dieses ambitionierte Projekt scheitern.

Auch der wackerste SRM-Provinzpolitiker muss irgendwann in der Privatwirtschaft ankommen.

Sonst wird der ADAC in München gegenüber der Dorna in absehbarer Zeit von seiner jährlichen Ausstiegsoption Gebrauch machen.

Dann könnte sogar das Thema Nürburgring aufs Tapet kommen. Dort müssen wenigstens nicht jedes Jahr Tribünen mit einem Aufwand von rund 700.000 Euro auf- und abgebaut werden.

Auf dem Sachsenring ist das nötig, weil die meisten Grundstücke sonst für das Verkehrssicherheitszentrum gebraucht werden, da geht es besonders um die Tribünen 2, T7, T8 und T9. Die SRM muss auch Immobilien und Gründstücke vom ADAC Sachsen mieten, der sich ausserdem für die Rolle des sportlichen Ausrichters bezahlen lässt, auch der AMC Sachsenring spielt eine Rolle, dazu die P.R.O. Sachsenring GmbH von Jürgen Fritzsche, die den Ticketverkauf abwickelt. All diese Deals mit Dienstleistern treiben für die SRM die Unkosten in die Höhe – und ruinieren das Geschäft.

Und bei den saftigen Ankerberg-Gewinnen schaut die SRM seit Jahren auch durch die Finger.

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