Jorge Lorenzo wehmütig: «Man hat mich unterschätzt»

Von Oliver Feldtweg
MotoGP
Jorge Lorenzo räumt ein, dass er gerne länger bei Ducati gefahren wäre und die Anpassung an die Desmosedici schwieriger war als erwartet..

«Ducati und ich, wir haben uns die Angewöhnung an die Desmosedici leichter und einfacher vorgestellt», sagt Jorge Lorenzo. «Aber es hat sich herausgestellt, dass es sehr schwierig ist, von einem komplett unterschiedlichen Motorrad, wie es die Yamaha war, auf die spezielle Ducati umzusteigen. Sogar aus meinem engsten Umfeld haben mich vorher einige Leute gewarnt und gesagt: ‚Dieses Motorrad ist nicht für dich gebaut, das schaffst du nicht. Lass uns lieber ein anderes Fabrikat probieren.’ Aber ich habe entgegen: Nein, ich werde mit diesem Motorrad sicher einige Rennen gewinnen.»

«Wir waren schon 2017 ein paarmal nahe daran, vielleicht näher, als man als außenstehende Beobachter gemeint hat.» Lorenzo spielt da zum Beispiel auf den Sepang-GP an, wo er wegen der Teamorder Platz 2 hinter Dovizioso in Kauf nehmen musste.
«Aber natürlich waren die ersten fünf Rennen in der Saison 2018 nicht nach unserem Geschmack verlaufen», fährt der 31-jährige Mallorquiner im Interview bei motogp.com fort. «Der Saisonbeginn war schwierig. Aber Schritt für Schritt haben wir das Motorrad angepasst. Ducati hat mir neue Teile gegeben, die die Motorcharakteristik verändert haben. Es gab auch neue Chassisteile. Und schließlich habe ich für Mugello die letzte Komponente bekommen, die mir sehr geholfen hat, um die ganze Renndistanz mit hohem Speed fahren zu können Das war der umgebaute Benzintank. Vorher bin ich oft nach fünf Runden schon müde geworden. Mit dem vollen Treibstofftank war es mühsam. Als ich den neuen Tank erhalten habe, konnte ich in Mugello im Rennen von A bis Z erstmals Vollgas fahren. Das war auch in Catalunya der Fall. Und ich habe inzwischen auch in Österreich gewonnen. Seit dem ersten Sieg hat sich alles geändert; alles ist ins Positive verkehrt. Es gibt seither gute Leistungen, die Performance kann sich sehen lassen. Speed, Beständigkeit, alles ist in Ordnung.»

Tatsächlich hat Lorenzo drei der letzten sechs Rennen gewonnen, Márquez nur zwei.

«Wenn man die ersten fünf Rennen betrachtet und dann die letzten sechs, dann wirkt das wie zwei unterschiedliche Meisterschaften», grübelt der Ducati-Werkspilot.

«Vielleicht haben manche Menschen meine Kapazitäten unterschätzt, als sie gewissen Phasen meiner Ducati-Ära abgeschaut haben. Es ist ähnlich wie an der Börse, wie an der Wall Street. Dein Wert kann sehr schnell fallen. Aber sie erholen sich sehr schnell. Im GP-Sport ist es nicht anders. Alles hängt von den Resultaten ab. Aber manchmal vergessen die Leute ein bisschen, welche Performance du in der Vergangenheit gezeigt hast.»

«Aber ich habe diese Zeit und diese Monate gebraucht, um mit der Ducati den letzten Schritt zu machen. Die Ducati hat einige Stärken, das ist offensichtlich. wenn du sie ausnützt, kannst du Rennen gewinnen und sogar um die Weltmeisterschaft kämpften», sagt Lorenzo. «Aber mit meinem natürlichen, angeborenen Fahrstil war es nicht einfach, die Ducati zu verstehen und zu bändigen. Sobald ich das Bike verstanden habe, konnte ich von den Stärken profitieren. Von der Stabilität beim Bremsen, vom harten Bremsen, von der Beschleunigung. Bei der Schräglage und beim Kurvenspeed musste ich dafür Kompromisse eingehen. So konnte ich Rennen gewonnen. Aber all die Arbeit, die Studien und die Mühen mussten vorher geleistet werden, um mit der Ducati Erfolge erobern zu können. Dass ich mit der Ducati konkurrenzfähig war, wird mein Leben in den nächsten zwei Jahren einfacher machen. Ich hoffe und glaube, dass die Angewöhnung an mein nächstes Rennmotorrad leichter und schneller vonstattengehen wird. Aber man weiß nie…»

«Ehrlich gesagt, ich hätte es vorgezogen, mehr Zeit mit meinem aktuellen Team verbringen zu können», lässt Lorenzo Wehmut durchklingen. «Aber das war nicht möglich. Und jetzt gehe ich mit meiner ganzen GP-Bilanz, mit meiner Historie, mit meinen Resultaten und den WM-Titeln einer neuen Herausforderung entgegen. Teamkollege von Marc Márquez zu werden, das gibt mir zusätzliche Motivation.»

Lorenzo hat bekanntlich für 2019 und 2010 bei Repsol-Honda unterschrieben, wo er den Platz von Dani Pedrosa übernimmt.
«Ich glaube, das Team und Ducati bereuen die Entscheidung, die zur Trennung geführt hat, ein wenig. Ich bereue sie weniger, weil ich damals im Mai nicht so viele Möglichkeiten hatte», räumte Lorenzo ein. «Ich hatte nicht so viele Optionen, als mir klar wurde, dass sie mich bei Ducati austauschen und einen Fahrerwechsel vornehmen wollten. Aber ich persönlich werde ein bisschen traurig sein. Ich hätte mit Ducati noch mehr erreichen können. Bei einer längeren gemeinsamen Karriere bei Ducati hätten wir noch größere Ziele verwirklichen können. Das spüre ich. Ducati hat mich immer gut behandelt. Wir haben die glücklichen Momente des Erfolgs sehr genossen. Unmittelbar bei den Rennen, aber auch danach… Und ich glaube, das Vermächtnis, das ich beim Team hinterlasse, wird dem Rennstall helfen. Sie wissen jetzt besser für die Zukunft, wie man ein Motorrad verbessert und konkurrenzfähiger macht. Und ich habe für meinen Teil auch dazu gelernt. Ich weiß jetzt, dass man den Fahrstil ändern muss und kann, wenn man auf einem anderen Fabrikat schnell und konkurrenzfähig sein will. Und dieses Wissen nehme ich mit zu meinem nächsten Arbeitgeber.»


Lorenzo ist jetzt WM-Dritter; er liegt 71 Punkte hinter Marc Márquez und einen Punkt von Dovizioso. Man sieht ihn an, dass er zumindest Rossi noch den zweiten WM-Rang abjagen will.

«Du musst mit deinem eigenen Team bis zum letzten Rennen professionell zusammenarbeiten», sagt Jorge. «Du musst den Jungs die maximalen Resultate beschweren – bis zum letzten Grand Prix. Und sie werden dasselbe für mich tun. Danach werden wir dieses Kapitel im Buch zuklappen. Danach beginnt für mich ein neues Kapitel – in Orange.»

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