Marc Márquez: «Beste Kriegsführung sind Siege»

Von Otto Zuber
MotoGP

Weltmeister Marc Márquez zermürbt 2014 seine Gegner und ist auf dem besten Weg, seinen zweiten Titel zu holen. Von psychologischen Spielchen hält er abseits der Strecke nichts.

Während des Flat-Track-Trainings in seinem Heimatort Lleida westlich von Barcelona stürzte Marc Márquez am 20. Februar 2014. Sein ansteckendes Lachen verging dem Weltmeister, als er einen starken Schmerz im rechten Bein verspürte. Nur vier Wochen vor dem Saisonstart in Katar hatte sich der 21-Jährige einen Bruch zugezogen. Er verpasste zwei Drittel der Vorsaison und war nicht völlig fit. Trotzdem schnappte er sich die Pole und rang im Rennen Valentino Rossi nieder.

Was dann passierte, ist bekannt: Márquez gewann neun weitere Rennen in Folge und brach bei jeder Ausfahrt mit der Repsol-Honda neue Rekorde. Er könnte bereits in Aragón Ende September seinen Titel erfolgreich verteidigen.

Marc Márquez ist ohne Zweifel das neue Aushängeschild der MotoGP-WM. Er ist unfassbar schnell, furchtlos auf der Strecke und hat ähnliche Star-Qualitäten wie Valentino Rossi. Mit «MCN» sprach er über seinen gewaltigen Erfolg.

Wenn dir im Februar ein Besucher im Krankenhaus gesagt hätte, dass du die ersten zehn Rennen gewinnen wirst, was hättest du ihm geantwortet?

Ich hätte ihm gesagt, dass er komplett verrückt ist. [lacht] Aber danke, dass du so sehr an mich glaubst. Doch ich selbst hätte nie gedacht, dass ich alle zehn Rennen gewinne. Im besten Fall kann man mit vier oder fünf Siegen rechnen. In allen zehn Läufen zu triumphieren, ist unglaublich.

Wie sahen deine realistischen Ziele für die erste Saisonhälfte aus?

Mein einziges Ziel war es, zur Saisonhälfte die Weltmeisterschaft anzuführen. Ich habe mit mehr Stärke von Jorge gerechnet. Zudem habe ich nicht erwartet, dass mein eigenes Level so hoch ist. Nach 2013 habe ich in Austin und Le Mans mit Siegen gerechnet, weil ich diese Strecken sehr mag. Doch die zehn Rennen waren großartig, denn ich habe bei unterschiedlichsten Bedingungen gewonnen: bei Nacht in Katar, auf einer neuen Strecke in Argentinien, in der letzten Runde, ein Flag-to-Flag-Rennen und aus der Boxengasse in Deutschland.

Welches Rennen war das beste?

Das Rennen in Barcelona war etwas Besonderes. Es ist mein Heimrennen und der Lauf war fantastisch, weil ich mit Jorge, Valentino und Dani gekämpft habe. Dazu hat mein Bruder Alex die Moto3-Klasse gewonnen. Es war ein unglaubliches Gefühl.

Denkst du nicht manchmal daran, alle 18 Rennen zu gewinnen?

Ich habe zehn gewonnen und es nicht erwartet. Natürlich werde ich versuchen, alle Rennen zu gewinnen. Ich weiß nicht, ob es möglich ist, alle 18 zu gewinnen. Alles kann passieren.

Warst du überrascht, wie schnell Valentino ist und wie schwer Jorge in Schwung kommt?

Am Anfang der Saison war Valentino eine riesige Überraschung. Sein Level war sehr hoch, obwohl er in Deutschland seine Probleme hatte. Doch in Assen und Indy war er stark. Es sieht so aus, als würde Jorge zurückkommen. In der zweiten Saisonhälfte wird er stärker sein.

Die erste Person, die man schlagen muss, ist der Teamkollege. Wie wird sich Dani fühlen, wenn du immer gewinnst?

Ich kann es nicht nachfühlen, weil ich nie in dieser Situation war. Mit meinen Teamkollegen hatte ich immer das Glück, dass ich schneller war, sogar in der Spanischen Meisterschaft. Man will immer der Schnellste sein und seinen Teamkollegen besiegen. Für Dani war es im letzten Jahr wahrscheinlich schlimmer, als ich in den ersten Rennen als Rookie bereits siegreich war. Doch wir haben ein gutes Verhältnis zueinander und gehen sogar miteinander Abendessen.

Wie groß ist der Unterschied zu dem Marc Márquez im letzten Jahr?

Ich habe nun viel mehr Erfahrung und diese nutze ich. Trotzdem bin ich erst 21 und mache noch Fehler. Das ist aber normal, weil ich jung bin und manchmal mehr pushe als ich sollte. Aber ich weiß nun viel besser, wo das Limit liegt. Im letzten Jahr war ich schnell, ohne ein gutes Feedback von der Maschine zu bekommen. Nun fühle ich das Limit, bevor ich stürze.

Kevin Schwantz sagt, dass du es in die Köpfe deiner Gegner geschafft hast. Nutzt du psychologische Kriegsführung?

Die mentale Einstellung auf der Maschine ist sehr wichtig, weil du selbstbewusst bist und dich stärker fühlst als die anderen Fahrer. Dann fällt einem alles leichter. Nur mit Resultaten kann man seine Gegner bekämpfen. Es gibt keinen Grund irgendetwas in einer Pressekonferenz zu sagen. Valentino, Jorge und Dani sind sehr erfahren. Sie wissen, wann sie zuhören und was sie sofort wieder vergessen. Die beste Kriegsführung ist die Demonstration von Stärke auf der Strecke.

Rossi war dein Idol, nun sagt er, dass du der größte Fahrer der Geschichte werden kannst. Wie fühlt sich das an?

Wenn man so etwas von Valentino hört, ist das ziemlich beeindruckend, weil er der wichtigste Fahrer ist. Doch nicht nur Valentino sagt das. Ich habe schon schöne Kommentare von Doohan, Agostini, Nieto, Spencer und anderen Legenden gehört. Das macht mich sehr glücklich, aber es erhöht auch den Druck. Doch es gibt mir auch Selbstvertrauen, denn sie sagen das nicht ohne Grund.

Kannst du dich noch immer verbessern?

Man verbessert sich in jedem Jahr. In den letzten Rennen war ich am Limit und es war unmöglich, noch schneller zu werden. Doch in diesem Jahr komme ich zu denselben Strecken und bin sofort schneller. Wenn man sich auf einem bestimmten Level befindet und Hilfe braucht, um schneller zu werden, dann braucht man Honda. Ich kann meinen Fahrstil verbessern, um ihnen wiederum zu helfen. Das Chassis für dieses Jahr passt viel besser zu meinem Fahrstil. Es gibt derzeit keinen konkreten Punkt, den wir verbessern müssen. Doch Jorge ist sehr konstant. In dieser Beziehung könnte ich mich noch steigern.

Wirst du es wie Rossi machen und versuchen, auf einem anderen Fabrikat zu gewinnen?

Im Moment würde ich ‹nein› sagen. Ich werde zwei weitere Jahre für Honda fahren und mir gefällt das. Ich fühle mich sehr wohl, aber ich kann auch nicht sagen, dass ich nie für ein anderes Team fahren werde. Wenn du mich aber jetzt fragst, dann würde ich gerne meine gesamte Karriere bei Honda verbringen.

Es gibt Gerüchte, dass du in Valencia das MotoGP- und das Moto2-Rennen fährst, wenn du den Titel gewonnen hast. Ist das wahr?

Nichts ist unmöglich. Und warum nicht?

Bereiten dir die Änderungen des Reglements für 2016 Sorgen?

Natürlich will ich, dass alles beim Alten bleibt. [lacht] Es wird interessant sein, die Michelin-Reifen zu fahren und die neue, seriennahe Elektronik zu testen. Doch am Ende wird weiterhin der Fahrer den Unterschied machen.

Im letzten Jahr hattest du in Mugello den schnellsten Sturz der Geschichte. Nun gibt es Stimmen, die die Maschinen für zu schnell halten. Stimmst du dem zu?

Für die Show und die Fans ist es nicht notwendig, dass wir mit 350 km/h durch die Gegend schießen. 320 oder 330 sind genug. Wenn man am Streckenrand steht, erkennt man den Unterschied nicht. Es ist interessant darüber nachzudenken. Außerdem wäre es auch für die Fahrer gut, denn derzeit haben die Maschinen am Ende der Geraden einen unglaublichen Speed. Manchmal fragt man sich schon, was passiert, wenn man jetzt stürzt?

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