Stefan Bradl: «Es herrscht grosse Ungewissheit»

Von Günther Wiesinger
Stefan Bradl auf dem Sachsenring: In Indy will er fahren, nicht zuschauen

Stefan Bradl auf dem Sachsenring: In Indy will er fahren, nicht zuschauen

Stefan Bradl hat momentan keine Zeit zum Urlaub machen. Er wartet auf eine Entscheidung von Forward und weiss nicht, ob er erst für 2016 ein neues Team braucht oder sofort.

«Ich werde auch 2016 MotoGP fahren», hat Stefan Bradl unmittelbar nach dem Sachsenring-GP angekündigt.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte er allerdings noch nicht, dass Athinà-Forward-Teambesitzer Giovanni Cuzari 24 Stunden später nicht mehr auf freiem Fuss sein würde.

Denn die Möglichkeit auf eine Vertragsverlängerung bei Forward Racing bestand immer. Yamaha sagte wieder Material für 2016 zu, zumindest Motoren, Schwinge und Chassis, den Rest hat das Team auch 2014 und 2015 selbst beigesteuert, ?also Verkleidung, Suspension (Gabel, Federbein), ECU, Kabelbaum, Tank, Sitzbank, Airbox und Räder.

Und da nächstes Jahr alle Fahrer und Team die Einheits-ECU bekommen, wäre das Hauptproblem von 2015 (Elektronik) beseitigt gewesen.

Doch nach der Verhaftung von Cuzari war das Thema Forward für die Saison 2016 bei Bradl bald abgehakt. Er gibt sich keinen Illusionen hin. Bis geklärt ist, ob dieser Rennstall für die Saison 2016 fortgeführt werden kann, könnten kostbare Wochen und Monate vergehen.

Es besteht für 2016 eindeutig Interesse von Pramac Ducati, wie Teammanager Francesco Guidotti gegenüber SPEEDWEEK.com bestätigte. Er kennt Stefan Bradl aus seiner Zeit als Manager des Red Bull-KTM-Teams in den Klassen 125 und 250 ccm.

Der perfekt Deutsch sprechende Pramac-Teambesitzer Paolo Campinoti interessierte sich bereits 2010 beim Katar-GP für Bradl, als der Bayer bei seinem Moto2-Debüt in den freien Trainings Bestzeiten erzielte und dann als Rookie den dritten Startplatz herausfuhr.

Seither ist das Interesse nie abgerissen. Als Pramac-Fahrer Andrea Iannone in den ersten August-Tagen 2014 ins Ducati-Werksteam wechselte, weil für Cal Crutchlow überraschend der Platz von Bradl bei LCR-Honda frei wurde, wurde kurz über 2015 verhandelt, aber der Moto2-Weltmeister von 2011 war sich damals bereits mit Forward-Yamaha einig. Die Möglichkeit einer Zusammenarbeit wurde vertagt.

In den letzten Wochen wurde der Kontakt zwischen Campinoti, Guidotti und Stefan Bradl wieder aufgefrischt.

Der deutsche MotoGP-Pilot nahm im Interview mit SPEEDWEEK.com zu den neuesten Entwicklungen Stellung.

Stefan, dein Teamchef Cuzari war beim Sachsenring-GP ein bisschen eingeschnappt, weil er erfahren hat, dass du für 2016 mit Pramac Ducati und Aprilia Racing verhandelst. Was steckt dahinter?

Ich habe einen Ein-Jahres-Vertrag mit Forward und h?öre mich natürlich für 2016 nach anderen Möglichkeiten um.
Pramac Ducati hat Interesse an mir. Es gab ein Gespräch. Ich wollte das nicht an die grosse Glocke hängen, weil es noch nichts Konkretes zu sagen gibt und natürlich auch Anfragen von anderen Fahrern bei Pramac vorliegen.

Das sind wohl Fahrer wie Pol Espargaró, Bradley Smith und Cal Crutchlow, deren Verträge auslaufen, die aber voraussichtlich bei ihren jetzigen Teams bleiben werden. Crutchlow ist bei Ducati ohnedies nicht mehr erwünscht.

Das kann ich nicht beurteilen. Pramac und Ducati wollen die Fahrerfrage erst im August entscheiden, so viel ich weiss.

Yonny Hernandez könnte für 2016 zu Avintia-Ducati transferiert werden. Er ist für Avintia-Teambesitzer Raul Romero 2010 und 2011 schon die Moto2-WM gefahren und 2012 dort in der MotoGP-Klasse auf einer FTR-Kawasaki.

Ja, das habe ich gelesen und gehört. Aber wie gesagt: Pramac will noch zwei, drei Rennen abwarten.

Machst du dir noch Hoffnungen, dass es mit Forward Racing 2016 weitergehen könnte?

Im Grunde habe ich momentan andere ?Sorgen, weil ich nicht einmal weiss, ob es bei Forward zumindest 2015 weitergeht. Also brauche ich mir jetzt keine Illusionen für die nächste Saison mit Forward zu machen.
Momentan ist sogar das nächste Rennen in Indy nicht gesichert. Die Situation bei Forward ist extrem schwierig und sehr undurchsichtig.
Es herrscht viel Ungewissheit.

Einige Journalistenkollegen in Italien und Spanien vermuten bereits, dass du für die zweite Saisonhälfte mit dem Aprilia-Werksteam ins Gespräch kommen könntest.

Ich muss zuerst einmal abwarten und klären, wie es mit Forward weitergeht. Ich habe mit diesem Team einen gültigen Vertrag für die Saison 2015.
Die Situation ist seit dem Sachsenring-GP etwas schwieriger geworden. Aber Forward muss zuerst entscheiden, ob sie in Indy fahren. Dann ist die Frage, ob und wie es bei meinem Team für den Rest der Saison weitergeht.
Es hat keinen Sinn, jetzt über die Zukunft zu spekulieren. In diesem Sport änder?t sich die Situation oft über Nacht. Da kann in kurzer Zeit viel passieren.
Was mit Giovanni Cuzari passiert ist, kam für das Team und für mich überraschend.
Ob jetzt für Forward in kurzer Zeit neue Geldgeber oder Investoren gefunden werden können, kann ich nicht beurteilen. ?Bisher habe ich keine positiven Nachrichten erhalten.
Ich muss zuerst wissen, ob und wie es 2015 mit Forward weitergeht. Dann kann ich mir über die Zukunft den Kopf zerbrechen. Momentan bewegen wir uns auf dünnem Eis.

Es gab bereits beim Barcelona-GP Mitte Juni Gerüchte, du wärst als Melandri-Ersatz für die restlichen Rennen bei Aprilia im Gespräch.

Richtig. Das wurde erzählt. Aber ich habe damals festgestellt: Ich bin kein Typ, der mitten in der Saison bei einem Team davonläuft. Das ist nicht mein Stil.

Aber jetzt haben sich die Voraussetzungen geändert. Dein Team steht auf wackligen Beinen.

Ja, damit habe ich natürlich nicht gerechnet. Trotzdem: Ich muss abwarten, in welche Richtung sich das Forward-Team bewegt. Sollte Forward 2015 bei keinem Rennen mehr antreten können, muss ich mich umschauen.

Aprilia hat Melandri beim Sachsenring-GP erstmals durch Testfahrer Michael Laverty ersetzt. Er hat aber bisher keinen Vertrag für die restlichen Rennen.

Darüber weiss ich nicht Bescheid.
Ich kann erst eine Entscheidung treffen, wenn über die Zukunft von Forward Gewissheit besteht. Ich weiss nicht, wie es weitergeht, weil mein Chef in Haft sitzt.

Wie sieht es mit deiner Fitness aus? Wie geht es dem in Assen gebrochenen rechten Kahnbein?

Ich habe am vorletzten Montag mit dem Aufbautraining für Indy begonnen.
Ich werde beim Indy-GP sicher nicht 100-prozentg schmerzfrei sein. Aber ich kann mich bereits an die Wand lehnen und mich mit beiden Händen abstützen. Aber Liegestütze, das ist noch kritisch.
Ich muss schauen, dass ich den restlichen zwei Wochen möglichst grosse ?Fortschrtte mache.
Der maximale Abwinkelbereich und das gleichzeitge Belasten beim Bremsen und Gasgeben, das ist nicht so einfach. Aber wie gesagt: Mit dem Roller kann ich schon wieder fahren, ich kann Gas geben und bremsen.
Aber es wird noch dauern, bis ich die maximale Belastung machen kann, die ich für die MotoGP-Klasse brauche. Und vor allem dann 45 Minuten lang.
Aber ich bin überzeugt, dass ich in der Lage bin, in Indy zu fahren und dort eine Basis für die restlichen Rennen zu legen. Nächste Woche wird wieder eine Röntgenuntersuchung gemacht. Dann sehen wir, wie gut der Bruch bisher verheilt ist.

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