Lorenzo gegen Rossi: Perfektion gegen Leidenschaft

Kolumne von Michael Scott
MotoGP
Exaktheit gegen Anpassungsfähigkeit. Lorenzo gegen Rossi. Diese MotoGP-Saison, in der fast nur Werksmaschinen gefahren sind, war bisher voller Überraschungen.

Wenn man das Alter des einen Protagonisten betrachtet, scheint die MotoGP-Saison 2015 sogar mehr als überraschend gewesen zu sein. Eher surreal.

Nach dem Aragoón-GP waren mehr als drei Viertel der Saison vorüber und gleichzeitig bedeutete das Rennen auch das Ende für den europäischen Sektor; Marc Márquez stürzte zum fünften Mal in diesem Jahr im Rennen und verlor damit die letzten entfernten Chancen, das dritte Mal in Folge Weltmeister zu werden. Der verengte Fokus auf die beiden Movistar-Yamaha-Teamkollegen Lorenzo und Rossi schadet der packenden MotoGP-Saison 2015 nicht.

Eher im Gegenteil. Es ist jetzt ein Zwei-Mann-Kampf mit Beigeschmack.

Der Abstand zwischen Lorenzo auf Rossi beträgt nach dem Rennen in Aragón 14 Punkte. Zu Rossis Vorteil, entgegen allen Erwartungen.

Trotz allem hat Lorenzo dieses Jahr sechs Siege eingefahren, Rossi nur vier. Und, was unerwartet kam, Rossi verlor in Aragón seinen erbitterten Kampf gegen Dani Pedrosa.

Das war eine Neuheit; aber der Honda-Fahrer hatte mehr PS, die er auf der Geraden nutzen konnte. Diese Unterschiede existieren zwischen Rossi und Lorenzo nicht.

Lorenzo und Rossi: Gleiche Voraussetzungen

Es ist eines der ältesten Clichés des Motorsports, dass du zuerst deinen Teamkollegen schlagen musst. Clichés sind Clichés, weil sie wahr sind. Das war niemals wahrer als in der MotoGP-Saison 2015.

Wir haben hier zwei Fahrer auf zwei grundsätzlich identischen Motorrädern und definitiv gleichen Reifen. Da gibt es keine Entschuldigungen, keine verschwommenen Kanten.

Wenn es Unterschiede gibt, dann liegen diese ganz allein bei den Fahrern und ihren individuellen Fahrstilen. Die Entscheidung wird zwischen ihrem Individualismus und den Unterschieden zwischen den beiden fallen.

Die Stoppuhren enthüllen viele Ähnlichkeiten. Die Bilder zeigen viele Differenzen. Der Motorradsport ist ein sehr persönlicher Motorsport, bei dem das Körpergewicht des Fahrers eine wichtige Rolle für die ganze Dynamik spielt.

Diese zwei Fahrer beweisen, dass es noch mehr um unterschiedliche Persönlichkeiten geht.

Lorenzo ist ein bemerkenswerter Fahrer. Wenige in der Geschichte der MotoGP sind auf eine derart chirurgische Art und Weise vorgegangen. Alles was er macht, macht er mit Bedacht. Das merkt man an der Art, wie er spricht und noch mehr bei dem Stil, mit dem er fährt.

Es scheint, als würde er das Bike auf Autopilot schalten; mit einer Software, die aus nur zwei Programmen besteht. Für die ersten paar Runden heisst es Vollgas. Danach geht es darum, den Vorsprung zu bewahren. Das schafft er mit beinahe unmenschlicher Gewissenhaftigkeit.

Seine sechs Siege dieses Jahr hat Jorge alle auf gleiche Weise eingefahren: Er führte von der ersten Runde an und startete immer von ganz vorne. Tatsache ist, dass er mehr als die Hälfte seiner Siege in der MotoGP auf diese Art geholt hat – 20 von 39. Im Gegensatz dazu hat Rossi nur während zwei seiner 112 Siege von Beginn bis zum Ende das Rennen angeführt. Das ist Unterhaltung.

Zu einem früheren Zeitpunkt in der aktuellen Saison tat der ehemalige Motorsport-Held Randy Mamola seine Meinung kund, indem er behauptete, dass Lorenzos Schwäche ist, dass «er nur ein einziges Messer hat». Aber Junge, dieses Messer ist sehr, sehr scharf.

Es ist aber keine aufregende Weise Rennen zu gewinnen und Lorenzo ist auch keine aufregende Persönlichkeit. Nicht in der Öffentlichkeit auf jeden Fall.

Seinen Unterschied zu Rossi sieht man in jedem Aspekt, angefangen beim Charakter bis hin zum Gebrauch vom Drehgriff.

Rossi: Wie weit ist das Berechnung?

Valentino ist redegewandt und witzig in einer Konversation und er weiss genau, wie er einen starken und natürlichen Charme versprüht. Er weiss genau, wie er mit den Fans umgehen muss, was die Basis für sein profitorientiertes Imperium legt. Natürlich stellt sich hier die Frage, wie weit all das berechnet ist; aber dieses Gefühl verleiht Rossi nie.

Genau gleich verhält er sich auch auf dem Motorrad. Natürlich kann der Veteran mit 20 Jahren GP-Erfahrung sehr akkurat und genau sein, wenn es darum geht, präzise Rundenzeiten abzuspulen. Gegenwärtig gibt er offen zu, dass diese Rundenzeiten nicht so schnell sind wie jene von Lorenzo. Dieses spezifische Messer ist bei Valentino nicht mehr so scharf.

Aber Rossi hat mehr als nur ein Messer. Er hat eine grosse Auswahl an Messern mit kurzen Klingen, stechenden Dolchen bis hin zu kurvigen Entermessern; von Stiletten bis zu Schwertern.

Damit kann er sich an die wechselnden Umstände anpassen und sein Können so schneidern, dass es sich den momentanen Anforderungen anpasst. Er kann genauso mit seinem Herzen fahren wie mit seinem Kopf. Und während Lorenzos Körpersprache genaue Kontrolle verspricht, verströmt Rossi Leidenschaft und Freude.

Die unterschiedlichen Persönlichkeiten und die Rivalität führten zu einer öffentlichen Feindschaft, als die beiden Teamkollegen von 2008 bis 2010 waren, bevor Rossis Missgeschick mit Ducati begann.

Dieses Jahr gewinnt eine Atmosphäre von Herzlichkeit die Oberhand. Aber sie sind dieses Jahr auch noch nicht auf der Rennstrecke aneinandergeraten. Das könnte die Sache ändern.
Vier Rennen stehen noch aus und ich erwarte einen Kampf der Titanen. Logisch gedacht hat Lorenzo die grösseren Chancen. Er ist auf jeden Fall schneller.

Wenn man das Ganze jedoch mit Leidenschaft und Freude betrachtet, hat Rossi die Oberhand.

Motorsport ist nicht logisch. Die Fahrer machen ihn, weil sie ihn lieben und nicht, weil er zu irgendeiner relevanten Lösung führen soll.

Rossi für den Weltmeistertitel also.

Ausser wenn, nach fast einer ganzen Saison des Gegenteils, die Logik gewinnt.

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