Ken Roczen lädiert: Zukunft jetzt im Road Racing?

Von Günther Wiesinger
US-Motocross 450
Ken Roczen: Kehrt der dem Motocross-Sport bald den Rücken zu?

Ken Roczen: Kehrt der dem Motocross-Sport bald den Rücken zu?

Nach zwei schweren Arm- und Handverletzungen ist die Offroad-Zukunft des deutschen Superstars Ken Roczen (23) ungewiss. Würden ihm KTM und Red Bull eine GP-Maschine anbieten?

Nach zwei sehr schweren Verletzungen von Ken Roczen (23) bestehen Zweifel, ob der Motocross-Superstar in absehbarer Zeit wieder der Alte sein wird. Wäre ein Wechsel zum Road Racing und in die Moto2 oder MotoGP vorstellbar?

Der heute 23 Jahre alte Thüringer Ken Roczen gilt als Valentino Rossi der Supercross- und Motocross-Szene, er ist charismatisch, ungeheuer beliebt, gut aussehend und spricht Englisch, als sei er in Amerika geboren.

Kein Wunder: Sein Entdecker und späterer Manager Bert Poensgen von Suzuki Deutschland schickte ihn schon im Alter von elf Jahren zu wochenlangen Trainingslagern und Rennteilnahmen nach Miami/Florida.

Die Amis nannten ihn als Teenager «Rocking K-Roc», aber dieser schreckliche Künstlername hat sich inzwischen verflüchtigt.

Ken Roczen bewältigte alle Hürden zur Weltklasse im Sauseschritt. Mit 17 Jahren gewann er als jüngster Fahrer der Geschichte die MX2-WM im Red Bull KTM-Werksteam.

Er verletzte sich damals in Portugal, sein Vorsprung in der WM schmolz auf 6 Punkte. Doch mit Siegen in Spanien hielt Ken die Gegner auf Abstand. «Dieser Kampfgeist macht die wahren Champions aus», stellte ein begeisterter KTM-Motorsport-Direktor Pit Beirer damals begeistert fest. «Ken gibt nie auf. Er sieht immer nur die positiven Seiten. Er kann stolz sein. Wenn er jetzt nach Amerika geht, verlieren wir ihn zwar in Europa, dafür gewinnen wir ihn in Amerika.»

Der Motocross-Superstar aus Deutschland riss auch die US-Fans bald zu Begeisterungstürmen hin. Nach den ersten Erfolgen auf KTM heuerte er für zwei Jahre bei Carmichael-Suzuki an, für die Jahre 2017 bis 2019 unterschrieb er einen Drei-Jahres-Vertrag bei HRC.

Doch die Roczen-Ära im roten Fox-Honda-Dress begann 2017 mit einem dramatischen Sturz in Anaheim 2 – der linke Unterarm wurde so übel zugerichtet, dass sogar eine Amputation ernsthaft in Erwägung gezogen wurde. Insgesamt musste Ken elf (!) Operationen über sich ergehen lassen.

Eine strapaziöse monatelange Rehabilitation wurde nötig. Die Videos der ersten zaghaften Fahrversuche ließen Zweifel aufkommen, doch zum Start der neuen Supercross-WM-Saison in den USA gelangen dem gottbegnadeten Offroad-Künstler erstaunliche Achtungserfolge.

Im engsten Kreis äußerte Ken jedoch Zweifel, ob er jemals völlig genesen würde. Er ließ durchblicken, sein Körper sei wohl dauerhaft beeinträchtigt, er kann den linken Arm nicht mehr durchstrecken, vierte oder fünfte Plätze in der SX-WM seien künftig womöglich das Höchste der Gefühle, wenn kein Topfahrer stürzt oder ausfällt.

Und dann kam zu allem Überdruß noch der 11. Februar 2018.

Beim Supercross in San Diego kollidierte Ken Roczen mit Yamaha-Pilot Cooper Webb, diesmal wurde die rechte Hand lädiert, der zweite Mittelhandknochen brach, etliche Bänder wurden beschädigt. Das Comeback musste bis zum Auftakt der «Lucas Oil Pro Motocross Championship» am 19. Mai in Hangtown verschoben werden.

«Ich werde in dieser Saison nicht in die Supercross-WM zurückkehren, sondern erst zu den Outdoor-Rennen», kündigte Honda-Werksfahrer Ken Roczen vor dem 8. SX-WM-Meeting in Tampa/Florida an.

Die Outdoor-Saison 2018 in Amerika wird Antworten auf die Frage bringen, ob Ken Roczen körperlich noch imstande ist, im Motocross und Supercross seine überragende Fähigkeiten auszuspielen und weiter Rennen und Titel zu gewinnen.

Bei den Outdoor-Motocross-Rennen könnten seinen physischen Beeinträchtigungen etwas weniger zum Tragen kommen als bei den Indoor-Supercross-Events, vermuten Insider.

Trotzdem stellen sich etliche Experten und Fans schon Fragen: Kann Ken den Motocross-Sport auf höchstem Niveau fortführen? Oder wird er in absehbarer Zeit eine Road-Racing-Karriere ins Auge fassen?

Ken Roczen wäre nicht der erste Motocross-Star, der auf die Asphaltpisten umsattelt.

1992 wagte bereits der französische Ausnahmekönner Jean-Michel Bayle, 1988 Cross-Weltmeister 125 ccm und 1989 Cross-Weltmeister 250 ccm, den Wechsel in die «FIM Road Racing GP World Championship» – zuerst in der 250-ccm-WM, dann in der 500-ccm-WM. Beste Ergebnisse: zwei fünfte GP-Plätze 1994 in Frankreich und England.

In der 500er-WM brachte es «JMB» Bayle zum Yamaha-Werksfahrer im Team Roberts, bestes Ergebnis: Platz 4 in Imola 1996, dazu drei fünfte Plätze von 1994 bis 1996 und zwei sechste Plätze in Malaysia und Brünn 1996. In diesem Jahr gelang Bayle der neunte Gesamtrang in der 500-ccm-WM.

Der Schweizer 500-ccm-Motocross-Meister Adrian Bosshard trat bald in die Fußstapfen des Franzosen. Er bestritt zuerst die 250er (Platz 10 beim Europa-GP in Barcelona 1994), nachher die 500er-WM und schaffte dort mit Platz 10 im Jahr 1995 sein bestes 500-ccm-Resultat.

Der junge Spanier Jorge Prado, momentan Vierter in der MX2-WM auf Red Bull KTM, liebäugelt ebenfalls mit einem späteren Umstieg ins Asphalt-Business. Sete Gibernau, ehemaliger MotoGP-Vizeweltmeister, will den Deal einfädeln.

Heinz Kinigadner, 250-ccm-Motocross-Weltmeister 1984 und 1985 und achtfacher Dakar-Rallye-Teilnehmer, kennt Ken Roczen seit rund zehn Jahren, er hat seine Karriere aufmerksam verfolgt, ihn auch im Januar 2018 schon bei seinem Comeback beobachtet und sich mit ihm unterhalten.

Auch Kini hat gewisse Zweifel, ob Roczen noch einmal zur alten Motocross-Form zurückfinden kann. «Dass Ken eines der größten Talente schlechthin ist, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren», sagt der Tiroler. «Er hat mit 16 Jahren schon einen MX2-WM-Lauf gewonnen und ist mit 17 Jahren Weltmeister geworden. Ken und Jeff Herlings sind DIE Ausnahmeerscheinungen im Offroadsport der letzten 30 Jahre. Aber so wie er jetzt körperlich beisammen ist und nach den vielen Operationen, die er mitgemacht hat... Wir haben ihn in Houston im Januar getroffen und mit ihm geredet. Er hat mir erzählt, der linke Arm lässt sich nimmer ganz ausstrecken. Das ist beim Geradeausfahren durch die ‚Whoops’ hindurch nicht so ideal. Man hat bei den Rennen in Houston gesehen, dass er unsicher war. Er war dann gescheit genug und hat das Tempo reduziert. Aber inzwischen hat er sich noch einmal arg verletzt…»

«Was das bei der neuerlichen Verletzung im Februar in San Diego passiert ist, war merkwürdig», wundert sich Kinigadner. «Ken hat das Motorrad aus der Kontrolle verloren und dann Cooper Webb zuerst gar nicht berührt. Böse Zungen haben ja behauptet, bei der folgenden Kollision sei vielleicht Absicht im Spiel gewesen, weil Webb die Freundin von Ken übernommen hat – oder umgekehrt. Man hat auf jeden Fall gesehen: Die übliche Sicherheit von Ken Roczen war weg. Zumindest ist sie nach der langen Verletzungsphase noch nicht zurückgekommen. Ob es Ken jetzt nach der neuen Verletzung noch einmal gelingt, Supercross auf dem extrem hohen Niveau zu fahren, das dort heute vorexerziert wird – ich weiß es nicht. Diese Rückschläge müssen ja auch im Kopf und mental sehr stark schmerzen.»

Kinigadner kann sich eine Road-Racing-Karriere von Roczen gut vorstellen. «Ken hat so ein Gefühl fürs Motorradfahren… Ich würde ihm alles zutrauen, auch Erfolge im GP-Rennsport. Aber wenn er wirklich auf die Straße gehen will, muss er bald gehen. Ken wird jetzt im April 24 Jahre alt. Denn Bayle hat es im Straßensport nie an die absolute Weltspitze geschafft, dabei war er ein ähnliches Talent wie Ken, was das Motorradfahren betrifft. Ken würde sicher auch im Road Racing höchste Ansprüche an sich stellen. Er will sicher ganz nach vorne kommen.»

Der Japaner Takeo Yokoyama, Top-Manager bei HRC und Technical Director in der MotoGP-Szene, erwartet aber zuerst einmal von Ken Roczen im angestammten Metier die erhofften Erfolge.

Kein Wunder: Kens Honda-Gage wird auf 3 Millionen Dollar pro Jahr geschätzt.

«Wir haben mit Ken einen Drei-Jahres-Vertrag; er befindet sich im zweiten Jahr. Wir wünschen uns, dass Ken zuerst einmal konstant wieder im Supercross und Motocross an der Spitze mitfährt und einen Titel erkämpft. Frühestens dann können wir uns über Road Racing unterhalten», erklärte Takeo Yokoyama gegenüber SPEEDWEEK.com.

Die US-Motocross-Outdoors-Titel in der Königsklasse hat Roczen bereits 2014 mit KTM und 2016 mit Suzuki gewonnen. Der große Titelgewinn, der ihm in Amerika noch fehlt, ist der Supercross-WM-Titel. Das ist die Meisterschaft, die in den USA am meisten zählt. Dafür wurde er von Honda engagiert.

Nachdem die Jahre 2017 und 2018 durch Verletzungen verpatzt wurden, hat der Deutsche 2019 wohl die letzte Chance, sein Honda-Engagement mit dem Supercross-WM-Titel (450 ccm) zu krönen.

Die letzten großen US-Supercross-Erfolge von Honda:

2003: Ricky Carmichael
2002: Ricky Carmichael
1996: Jeremy McGrath
1995: Jeremy McGrath
1994: Jeremy McGrath
1993: Jeremy McGrath
1992: Jeff Stanton
1991: Jean-Michel Bayle
1990: Jeff Stanton
1989: Jeff Stanton
1988: Rick Johnson
1986: Rick Johnson
1984: Johnny O’Mara
1983: David Bailey
1982: Donnie Hansen

Nach der Saison 2019 wäre Ken Roczen für neue Herausforderungen verfügbar. Würde ihn KTM dann vielleicht auf eine Moto2-Werksmaschine mit dem 675-ccm-Dreizylinder-Triumph-Einheitsmotor und 140 PS setzen?

«Auf Zuruf wird sich bei uns keine Türe auftun», meint KTM-Berater Heinz Kinigadner. «Aber auf jeden Fall hat Ken mit Red Bull einen Sponsor, der weiß, dass man ihm sehr viel zu verdanken hat und dass man ihm auch für die Zukunft viel zutrauen darf. Aus diesem Grund könnte das schon machbar sein. Ken ist ein Offroad-Fahrer, dem ich den erfolgreichen Umstieg zutraue.»

«Ich selbst habe mir auf den Asphalt-Circuits extrem schwergetan», sagt Kinigadner. «Zumindest mit Slicks. Wenn es geregnet hat und nass war, dann war ich als Offroader in meinem Element. Aber in das Fahren mit Slicks konnte ich mich nicht richtig reindenken. In Brünn bin ich einmal in einer Kurve mit einer 1000-ccm-Fireblade geradeaus gefahren, weil ich mich nicht getraut habe, die Maschine mit dem hohen Speed umzulegen. Ich habe mich dann im Kiesbett wohler gefühlt als auf dem Asphalt… Zumindest habe ich im Kies weniger Angst gehabt», erinnert sich Kini lachend.

«Kenny im GP-Sport, das würde der Szene aus deutschsprachiger Sicht auf jeden Fall guttun», ergänzt Kini. «Aber er lebt jetzt in den USA in einer Welt, in der er viele Millionen verdient. Er müsste im Road Racing gewaltige finanzielle Einbußen hinnehmen.»

Insider vermuten, Roczen verdiene bei Honda 3 Mio, bei Ausrüster Fox 1 Million und mit dem Preisgeld und der Red Bull-Gage mindestens eine weitere Million.

Zuerst muss abgewartet werden, auf welchem Level Ken Roczen im Mai in die US-Outdoor-Championship einsteigt.

Der Deutsche muss vielleicht auch gemeinsam mit seinen Managern von der Wassermann Group seine medizinische Betreuung verbessern.

Bei der ersten Verletzung im Vorjahr wurde schon zu lange bis zum ersten Eingriff gewartet. Dann hieß es: Einen Tag später hätte man den Arm amputieren müssen. Und jetzt nach dem Crash am 11. Februar 2018 wurde wieder einen Tag gewartet, dann war die Hand zu stark geschwollen, also musste die OP um eine ganze Woche verschoben werden.

Als Ken Roczen im Oktober 2011 von SPEEDWEEK erstmals auf einen möglichen späteren Wechsel zum Straßensport angesprochen wurde, zeigte er durchaus Interesse. «Aber zuerst möchte ich in den USA Erfolg haben», bemerkte er damals.

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