Ekström-Skandal: Dann bleiben die Fans wirklich weg

Kolumne von Andreas Reiners
DTM
Doch kein Sieg am Norisring: Mattias Ekström

Doch kein Sieg am Norisring: Mattias Ekström

Der Wasserflaschen-Skandal um Mattias Ekström bringt der DTM vor allem eines: negative Schlagzeilen.

Vor wenigen Wochen hatte es der DTM-Chef persönlich im Interview mit SPEEDWEEK.com nochmals betont. «Die Faszination vor Ort ist für mich das entscheidende Thema. Wenn wir unsere Zuschauer nicht mehr faszinieren, brauchen wir auch die Kosten nicht mehr zu reduzieren. Dann ist das Thema sowieso gegessen, dann bleiben uns die Zuschauer weg», hatte Hans Werner Aufrecht erklärt.

Diese Aussage ist aktuell wie nie. Denn was am Sonntag auf dem Norisring passierte, hat mit Faszination nicht mehr viel zu tun, sondern ist selbst dem motorsportbegeisterten DTM-Fan kaum noch zu erklären. Seit Jahren kämpft die Serie mit sinkenden Zuschauerzahlen. Bediente sich vor der Saison bei der großen Formel 1 und führte DRS und Optionsreifen ein. Mit Erfolg: Die Action auf der Strecke hat zugenommen, das Feld ist eng beisammen, nahezu jeder Fahrer kann gewinnen. Bisweilen sind die Rennen aber sogar für die Fahrer schwer zu durchschauen. Keine Frage, manche Dinge brauchen eine gewisse Anlaufzeit, manches Modifikationen, andere Dinge erweisen sich in der Praxis als weniger nützlich als in der Theorie.

Blaue Flaggen sorgen für Ärger

In der Aufregung um den Fall Mattias Ekström ging dabei fast unter, dass das Thema Blaue Flaggen für reichlich Verwirrung und Verärgerung sorgte. So konnten zum Beispiel Gary Paffett und Mike Rockenfeller unter anderem durch das Feld pflügen, weil sie früh ihren zweiten Pflicht-Boxenstopp absolvierten und diejenigen, die erst einmal in der Box waren, die Konkurrenten passieren lassen mussten. Obwohl es sich um Positionskämpfe in derselben Runde handelte. Eine Regel, die dringend modifiziert werden muss.

Aber mit der Entscheidung, Audi-Pilot Ekström den Sieg am grünen Tisch wieder wegzunehmen, hat sich die DTM keinen Gefallen getan. Vorab: Natürlich sind Regeln nicht dazu da, um gebrochen zu werden. Und natürlich sind diese Regeln zumindest für die Hersteller und Fahrer keine Geheimnisse, sondern jedem Einzelnen bekannt. Regeln müssen grundsätzlich eingehalten werden, sonst braucht man sie erst gar nicht. Allerdings: Ein wenig mehr Fingerspitzengefühl hätte der DTM nun einige negative Schlagzeilen erspart. Und aufgebrachte Fans, die vor allem eines sehen wollen: Motorsport pur, ohne Regeldschungel und kaum nachvollziehbare Urteile.

Der Fan wird gerne und oft als wichtiges Gut im Milliardengeschäft Motorsport herangezogen. Schauen wir uns also die Vorfälle aus Fan-Sicht einmal an. Der DTM-Anhänger, womöglich sogar glühender Fan von Mattias Ekström, ging nach dem furiosen Geburtstagssieg glückselig nach Hause. Erzählte daheim von einem tollen, sonnigen Renntag, der zwar etwas chaotisch war, aber reichlich Action bot. «Hast du gesehen, wie der Ekström es den ganzen Jungspunden gezeigt hat? Und das ausgerechnet an seinem Geburtstag. Der Sport schreibt doch die schönsten Geschichten.» Nun ja, im dümmsten Fall schlägt dieser Fan erst am nächsten Morgen die Zeitung auf und liest eine ganz andere Geschichte. Nämlich die, dass Robert Wickens gewonnen hat…

Die Begründung? Auch hier vereinfacht: Ekström wurde bei über 30 Grad im Schatten unter anderem von seinem Vater eine Wasserflasche in den Rennoverall geschüttet. Was sich banal anhört bei hochsommerlichen Temperaturen, ist in der DTM ein Regelbruch. Ein treu sorgender Vater, der seinen Sohn nach einem höllisch heißen Rennen abkühlen möchte? Mag sein. Emotionen nach einem ganz besonderen und historischen Sieg? Bestimmt. Und das ist ja gerade die eingangs angesprochene Faszination. Doch die Faszination wurde zu Farce.

Schwebendes Verfahren

Das ist der derzeitige Stand: Audi will sich zu einem schwebenden Verfahren nicht äußern, Ekström selbst wurde ebenfalls ein Maulkorb auferlegt und auch die Sportkommissare teilten nur mit, dass Ekström gegen Parc-fermé-Regelungen, genauer gesagt gegen Artikel 44 des Sportlichen Reglements, verstoßen habe. Der Einspruch? Kann sich möglicherweise Wochen hinziehen. Am Sonntagabend machten dann auch sofort Mutmaßungen die Runde, die ganze Aktion sei ein Betrugsversuch gewesen. Beim Wiegen (Fahrer und Auto müssen zusammen 1110 Kilogramm auf die Waage bringen) war bei Ekström aber alles im grünen Bereich.

Das Problem: Eine korrekte Feststellung des Gewichts war durch die Wasserzufuhr nicht mehr möglich. «Auf dem Weg von der Rennstrecke in den Parc ferme und im Parc ferme darf dem Fahrzeug keinerlei Gewicht zugefügt werden. Nach den jeweiligen Sektionen des Qualifying und des Wertungslaufs müssen sich alle platzierten Fahrer zur Feststellung ihres Gewichts sofort vom Parc ferme zum Wiegebereich begeben», steht in den Bestimmungen. Der DMSB hatte laut Regelbuch zudem keine Wahl, Ekström vom Rennen auszuschließen. Das Urteil mag also regelkonform sein, aber auch überhart. Außerdem stellt sich die Frage, was zwei, vielleicht drei ausgeschüttete Flaschen Wasser bringen sollen? Alleine das zeigt, wie abstrus das Ganze ist.

Doch eines ist klar: Sollte ein Betrugsversuch vorliegen, müssen alle Beteiligten bestraft werden. Doch dann würden sich die Fans wohl erst recht abwenden. Denn die laufen jetzt schon Sturm.

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