Überfälle in São Paulo: Muss Brasilien-GP jetzt weg?

Von Mathias Brunner
Formel 1
Das wünscht sich die Formel 1: Mehr Polizei-Präsenz in Interlagos

Das wünscht sich die Formel 1: Mehr Polizei-Präsenz in Interlagos

​SPEEDWEEKipedia: Leser fragen, wir finden die Antwort. Heute: Die Reise der Formel 1 nach Brasilien scheint die gefährlichste von allen zu sein. Wieso wird der Brasilien-GP nicht einfach gestrichen?

In loser Reihenfolge gehen wir in Form von «SPEEDWEEKipedia» auf Fragen unserer Leser ein. Dieses Mal will Verena Scherrer aus Solothurn wissen: «Fast jedes Jahr hören wir von Überfällen auf Mitglieder der Formel 1 am Rande der Interlagos-Rennstrecke. Ich verstehe nicht, wieso dieses Rennen nicht einfach gestrichen wird. Gibt es dafür zwingende Gründe?»

Tatsächlich ist es im Rahmen des Brasilien-GP zu einem halben Dutzend Übergriffen gekommen – am krassesten dabei war der Überfall auf einen Kleinbus von Mercedes-Benz. Mit Waffen an den Schläfen mussten die Opfer Geldbörsen, Uhren, Handys und Pässe hergeben. Pirelli sagte einen mit McLaren geplanten Reifentest ab.

Der Autoverband FIA hat verlauten lassen, dass derzeit zahlreiche Berichte über die Vorkommnisse in Interlagos gesammelt würden. Diese Berichte werden den Weltratsmitgliedern vorgelegt. Diskutiert wird dann Anfang Dezember die Art und Weise, wie die Sicherheit bei Formel-1-Rennen generell verbessert werden kann.

Eine Absage des Brasilien-GP als Konsequenz steht nicht zur Diskussion. Und dies aus mehreren Gründen.

Brasilien hat mit der Formel 1 ein Abkommen zur Austragung des WM-Laufs bis einschliesslich 2020.

Brasilien ist derzeit das einzige Standbein der Formel 1 in Südamerika. F1-Grossaktionäre Liberty Media will dort die Präsenz eher noch verstärken, mit einem zusätzlichen Rennen in Buenos Aires. Zudem hat Formel-1-CEO Chase Carey betont, dass die Rennklassiker im WM-Programm bewahrt werden sollen, und Interlagos ist solch ein Klassiker.

João Doria, Bürgermeister von São Paulo, hat es gegenüber Globo als reine Spekulation bezeichnet, dass der Grand Prix seiner Stadt in Frage stehe. «Nach Auslaufen des Vertrags streben wir eine Verlängerung um fünf oder zehn Jahre an. In den kommenden Jahren wollen wir die Piste zudem privatisieren. Ohne Florianópolis oder jeder anderen brasilianischen Stadt gegenüber respektlos sein zu wollen – São Paulo ist für die Formel 1 wichtig und die Formel 1 ist für São Paulo wichtig. Wir sind hier das grösste Geschäfts- und Tourismus-Zentrum von ganz Lateinamerika.»

Die Tageszeitung «Folha de São Paulo» hatte Florianópolis als Alternative ins Spiel gebracht. Die Stadt liegt 700 Kilometer südlich von São Paulo, an der Ostküste des Landes, als Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Santa Catarina. Die Stadt ist gemessen an São Paulo eher klein: 21 Millionen Menschen leben im Grossraum São Paulo, in Florianópolis sind es eben mal 840.000 Menschen, als Paulista gelten 12,1 Millionen, in Florianópolis sind eben mal 480.000 Menschen reine Stadtbewohner.

Die Folha hatte berichtet, bereits sei eine mögliche Pistenführung durch die Innenstadt von Florianópolis entworfen worden. 2014 gab es Gespräche zwischen dem Bürgermeister von Florianópolis, César Souza Júnior, und dem damaligen Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone. 2019 wird in Florianópolis ein neuer Flugzeugterminal fertiggestellt, der die jährliche Passagierkapazität von heute drei Millionen Menschen auf acht Millionen erhöht.

Aber die gleiche Folha de São Paulo hatte noch zwei Wochen vor dem Interlagos-GP berichtet: Die Verbrechensrate in Florianópolis ist so hoch wie nie, allein bis Anfang November 2017 wurden 106 Morde gezählt.

Aus heutiger Sicht wird die FIA von den Brasilianern verlangen, dass die Sicherheit dank grössere Polizei-Präsenz verbessert wird. Aber es ist nicht damit zu rechnen, dass der Interlagos-GP gestrichen wird oder so bald umzieht.

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