Gerhard Berger: Erinnerungen an Ferrari & Monza 1988

Von Gerhard Kuntschik
Formel 1
GP-Veteran Gerhard Berger ist der letzte Pilot, den Enzo Ferrari selbst engagiert hat. Der Tiroler feierte vier Wochen nach dem Tod des «Commendatore» einen Ferrari Heimsieg in Monza und wurde damit zum Held der Tifosi.

Es kam nicht gerade überraschend. Dennoch war Italien geschockt, als sich am 14. August 1988 die Meldung vom Tod Enzo Ferraris verbreitete. Der greise «Commendatore», im 91. Lebensjahr, war immer noch Chef in Maranello.

Als Gerhard Berger Ende 1986 seinen ersten Ferrari-Vertrag unterschrieb, wusste er noch nicht: Er wurde der letzte Pilot, den Ferrari selbst engagierte. Vier Wochen nach dem Tod der Legende feierte die Scuderia im Heimrennen in Monza einen Doppelsieg: Berger knapp vor Michele Alboreto, nachdem der führende Ayrton Senna im Finish beim Überrunden mit Jean-Louis Schlessers Williams kollidiert und ausgeschieden war. Italien stand Kopf. Von nationaler Trauer zu Siegesgesängen in eineinhalb Stunden. Damit war der Tiroler Berger für Italiens Tifosi ein Held.

30 Jahre später. Gerhard Berger reflektiert, wie er zu Ferrari kam. Und was in Monza am 11. September 1988 passierte. Er erinnert sich: «Imola 1986 war das entscheidende Rennen, durch das Ferrari auf mich aufmerksam wurde. Ich lag hinter Ferrari-Fahrer Stefan Johansson, überholte ihn mit zwei Rädern meines Benetton-BMW auf der Wiese und wurde vor ihm Dritter. Das war der Moment: Enzo Ferrari beauftragte Rennleiter Marco Piccinini, mich zu kontaktieren. Da unterschrieb ich dann relativ bald.»

«Es war noch im Frühsommer, als ich nach Maranello fuhr. Ja, die Geschichte mit dem Versteckspiel stimmt wirklich. Ich wurde auf der Rückbank von Piccininis Dienstauto mit einer Decke verhüllt, ich durfte in der Fabrik nicht gesehen werden», bestätigt der heute 59-Jährige. «Wir sassen dann bei Enzo im Büro, dabei waren Piccinini und Enzos Sohn Piero. Die erste Frage war, ob ich einen Manager hätte, was ich verneinte. Dann kamen sie gleich zur Sache. Sie sagten, würden wir uns heute einig, könnten wir sofort unterschreiben. Und so war es dann auch.»

«Das Angebot war wirklich gut, ich verdiente ordentliches Geld mit diesem Vertrag. Dabei war es auch für mich ein Traum, einmal für Ferrari zu fahren, ich hätte es auch umsonst gemacht», gesteht Berger. «Ich dachte mir schon, das ist ja wie Weihnachten! Ich unterschrieb noch am gleichen Tag, lang vor meinem ersten Sieg im Oktober in Mexiko.»

Über den «Commendatore sagt der zehnfache GP-Sieger: «Enzo Ferrari war eine ganz besondere Persönlichkeit. Jeder, der ihm gegenüber sass, hatte viel Respekt, ja Ehrfurcht. Auch das Umfeld trug dazu bei, der abgedunkelte, karge Raum. Es war fast unheimlich, irgendwie wusste ich nicht, was da mit mir passierte. Es ging eigentlich alles so schnell, dass ich mich mental gar nicht vorbereiten konnte – bzw. gar nicht daran dachte. Ich war für Ferrari frei, musste keine anderen Verträge (z. B. mit BMW, Anm.) auflösen.»

«Bei meinem ersten Ferrari-Test im November waren alle dabei, auch Enzo», erzählt Berger weiter. «Ich war auf Anhieb ziemlich schnell, das brachte mir sofort Sympathien. Ich traf Ferrari dann relativ oft. Nach jedem Test mussten wir berichten. Zum Mittagessen holte er uns, also Teamkollege Michele Alboreto und mich, sowie Piccinini ins Extrazimmer.»

«Die erste Saison 1987 begann nicht so gut, aber nachdem Gustav Brunner das Auto umgebaut und damit deutlich schneller gemacht hatte, holten wir rapide auf. In der zweiten Saisonhälfte waren wir die Schnellsten. Ich erinnere mich an den Grand Prix von Portugal in Estoril, in dem ich bis zur vorletzten Runde führte und schon an den Sieg dachte. Aber unter Druck von Alain Prost passierte mir ein Dreher, ich wurde nur Zweiter. Dennoch bekam ich nachher einen Brief von Ferrari, in dem er schrieb, ich sollte mir nichts daraus machen, mein erster Sieg für ihn stünde kurz bevor. In Jerez kam ich im Verkehr nicht recht nach vorn, aber in Suzuka war es dann soweit, und anschliessend kam der Erfolg in Adelaide», schildert der ehemalige GP-Pilot. «Damals spürte ich schon, dass ich die Herzen der Italiener gewonnen hatte.»

«Wenn ich mich recht erinnere, traf ich Enzo Ferrari das letzte Mal 1988, als Papst Johannes Paul II. nach Maranello kam», berichtet Berger weiter, und erzählt auch: «Monza 1988 war das zweite Rennen seit dem Tod von Enzo, aber der erste Italien-GP. Es war die Saison, die McLaren mit Senna und Prost total dominierte, die bis dahin alle Rennen gewannen. Prost schied in Monza nach zwei Dritteln der Distanz wegen Motorschadens aus, damit war ich Zweiter hinter Senna. Der bekam aber ziemlich Druck von mir und auch ein Spritproblem.»

«Er wollte mich nicht näherkommen lassen und ging ein wenig mit der Brechstange ans Überrunden. Da kam es mit dem Williams-Ersatzfahrer Jean-Louis Schlesser zu einem Missverständnis, die beiden kollidierten, Senna schied aus – damit lag ich vor Alboreto in Führung und gewann. Es war 1988 der einzige Sieg eines anderen Fahrers als der beiden McLaren-Piloten», so Berger. «Was in und nach der Auslaufrunde abging, war der helle Wahnsinn, was ich bis dahin und auch nachher nicht erlebte. Du stehst oben auf dem Podium und siehst die Massen der Tifosi, wie sie Zäune niederreissen und die Piste überfluten, wie sie vor dem Podium feiern.»

«Die insgesamt sechs Jahre bei Ferrari waren das Herzstück meiner Karriere. In Erinnerung blieb mir: Enzo schwärmte seit Niki für die Österreicher. Und wenn wir beim Mittagessen sassen, bezogen sich seine Fragen nicht nur auf das Auto und Tests. Er fragte auch stets immer: ’Was geht mit den Mädels?’ So war er halt, der Enzo.»

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