Willkommen in São Paulo!

Kolumne von Mathias Brunner
Formel 1
Wir haben nicht vergessen.

Wir haben nicht vergessen.

Wir sind in Gedanken an Ayrton Senna nach São Paulo eingeflogen – und vielen schönen Erinnerungen.

Besser geht es nicht: Draussen vorm Flugzeug-Fenster geht die Sonne über Südamerika auf, und auf unserem Bildschirm läuft «Senna».

Wer den Film über den vielleicht grössten aller Rennfahrer im Kino verpasst hat: Holen Sie das in Ihrem gemütlichen Zuhause auf DVD nach.

Natürlich liegt es nicht an den zweifelhaften schauspielerischen Qualitäten eines SPEEDWEEK-Mitarbeiters, wenn ich festhalten darf: der Film berührt. Natürlich ist er durch die brasilianische Brille gesehen, Fans von Alain Prost werden möglicherweise nicht alle hell begeistert sein. Doch alleine des polterigen FIA-Chefs Jean-Marie Balestre, der Bilder aus dem Senna-Privatarchiv oder der vielen Onboard-Aufnahmen wegen ist der Film ein Muss. Und wenn Sie endlich mal wissen wollten, was in Fahrerbesprechungen vor dem Rennen so abging – hier erfahren Sie es.

Einst war São Paulo der gefürchtetste GP-Austragungsort: Die Kriminalität! Der Dreck! Die Slums! Die Arbeitsbedingungen!

Gemessen an Indien jedoch sehen die Strassen der brasilianischen Metropole aus wie in der Schweiz. Und ja, es bleibt ein gefährliches Pflaster: so ist die übliche Autogrammstunde aller Formel-1-Piloten abgesagt worden, weil man für die Sicherheit der Rennfahrer nicht garantieren konnte. Und ja, die Slums gibt es noch immer. Sollte uns das wundern? Nicht alle Menschen, die aus dem Hinterland in die Grossstadt ziehen, finden hier ihr Glück. Viele davon bleiben zuerst arbeits-, dann hoffnungs- und schliesslich rettungslos. Kriminalität in all ihren Grau- bis Schwarztönen geht damit Hand in Hand.

Jeder vernünftige Mensch würde als erstes ins Hotel fahren, duschen und etwas essen. Aber wer seit 1982 über Grands Prix schreibt, kann möglicherweise nicht vorbehaltlos als vernünftig bezeichnet werden …

Meine Fahrt direkt zur Rennstrecke hat aber noch einen anderen Grund als unheilbare «déformation professionelle» – in der Regel ist unser Hotelzimmer am Morgen nicht bereit, und ich hatte keine Lust, bis 14.00 Uhr in der Lobby zu hocken.

Mit uns an Bord der Swiss-Maschine waren einige der besten Rennfahrer der Welt, einige der besten Mechaniker der Welt, einige der besten Fotografen der Welt und eine Handvoll ganz brauchbarer F1-Berichterstatter. Der Flug verlief reibungslos, wenn wir mal davon absehen, dass ich nun weiss, welcher GP-Star hemmungslos schnarcht (und nein, ich werde es nicht verraten).

Die Einreise verläuft brasilianisch entspannt, das Ausfassen des Mietwagens brasilianisch chaotisch. Wir kennen das seit Jahren und reagieren mit südamerikanischem Gleichmut. Die ist freilich schnell beendet, sobald wir uns auf die Fahrbahn begeben.

Mir ist völlig schleierhaft, wieso wir nicht mehr Brasilianer in der Formel 1 haben. Denn jeder durchschnittliche Autofahrer wechselt die Linien schneller als Felipe Massa, und glauben Sie mir, er tut das nicht ganz F1-reglementskonform mehr als einmal! Er ist dabei zu jeder Zeit von ungefähr 300 Lewis Hamiltons umgeben, und nun können sie das Kollisionspotenzial langsam erahnen.

Der Stau am Morgen auf der Marginal, der Ringstrasse um São Paulo, ist legendär. Stehen wir wieder mal still, haben wir die Wahl, hinter uns einer Blondine beim Telefonieren zuzuschauen, rechts von uns einem Mann beim Nasenbohren zuzusehen oder links einen Fischreiher zu beobachten, dem das ganze Treiben auf der Strasse an den Federn vorbeigeht. Die Wahl fällt uns nicht schwer. Über uns kreisen derweil Raubvögel. Ich bin leider kein Experte, aber so wie sie wirken, erinnern sie mich an Geier in billigen Spaghetti-Western. Zu erhaschen gibt es einiges – wir zählen leider vier Hunde-Leichen auf dem Weg nach Interlagos.

Die Strecke selber präsentiert sich wie immer: Überall wird noch geschraubt und gesägt und gemessen und gehämmert und geflucht und der Daumen verbunden. Ich fand das ja immer etwas seltsam: «Mr. Formula One» Bernie Ecclestone kritisierte das traditionsreiche Silverstone, weil seine Landsleute nichts an der Strecke täten, aber Interlagos zerfällt wie das Wrack der Titanic, und keiner hebt den Mahnfinger. Es gibt höchstens mal eine neue Tribüne hier oder da, der Rest rottet fröhlich vor sich her.

Dabei verrät mir ein Brasilianer: «Unsere Wirtschaft boomt, und für GP-Hauptsponsor Petrobras wäre eine Botoxkur für die Rennbahn ein Griff in die Portokasse.»

Der Blick aus dem Pressesaal – Häuserschluchten unter dunkelgrauen Wolken – muss ich mit nur zwei Berichterstattern teilen, einem Spanier und Livio Oricchio, einer Reporter-Legende aus Brasilien. «Dort hinten, siehst du die Kartbahn?» fragt mich Livio. «Dort habe ich 1978 einen schlaksigen Kerl in schwarzem Leder-Kombi und leuchtend gelbem Helm zum ersten Mal fahren sehen. Ich dachte – der Kerl wird es noch weit bringen.»

Der Kerl war Ayrton Senna.

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