Jerez: Lotus glänzt, Mercedes schwächelt

Von Mathias Brunner
Formel 1
Der schwarze Ritter

Der schwarze Ritter

Erste Tendenzen von Experte Gary Anderson in Jerez: Gute Noten für Lotus, Force India, Sauber und McLaren.
Der Satz wird Sokrates zugeschrieben: «Ich weiss, dass ich nicht weiss.»

(Oft wird auch zitiert: «… dass ich NICHTS weiss», was jedoch etwas Anderes bedeutet und auf einen Übersetzungsfehler zurückgeht.)

BBC- und SPEEDWEEK-Experte Gary Anderson: «Ich staune oft selber, wie schwer sich die Rennställe damit tun, die Leistung ihrer Gegner einzuschätzen. Aber Jenson Button hat schon Recht, wenn er wie gestern festhält, dass die Testzeiten hier im Grund wenig bedeuten. Man muss nicht in Jerez schnell sein, sondern ab Melbourne.»

Dennoch gibt es gemäss Anderson erste Tendenzen festzustellen.

Romain Grosjean glänzt mit einer Bestzeit, und das bestätigt das gute Handling, das dem Modell E21 gestern auch von unserem Pisten-Beobachter Marc Surer attestiert worden ist. Eine 1:18,218 min (obgleich auf weichen Reifen) muss man zuerst mal fahren.

Gary Anderson: «Der Lotus macht wie gestern einen bärenstarken Eindruck. Er lenkt knackig ein, bietet Grosjean offensichtlich gute Traktion, der Genfer kann den Wagen genau so platzieren, wie er es will.»

Die Tatsache, dass Grosjean zum Ende ausrollte, können wir ignorieren: der Genfer scheint (wie andere Fahrer zuvor) den Tank leergefahren zu haben. Das Gleiche gilt auch für Nico Hülkenberg.

Der neue Sauber C32 zeigt sich auch weiterhin von seiner besten Seite: keine Probleme, Nico Hülkenberg kam reichlich zum Fahren. Und eine 1:19,5 min wäre noch schneller gegangen, aber der Deutsche hatte in seiner Runde einen Schnitzer drin.

Das gilt auch für Mark Webber im Red Bull Racing, der – abgesehen von einem leichten Untersteuern – nichts zu beanstanden hat. Aber Gary Anderson findet: «Das Handling ist noch nicht ideal. Mir scheint, da wird zuerst auf Standfestigkeit geachtet. Fein-Tuning und Leistung kommen später.»

Toro-Rosso-Technikchef James Key unterstreicht: «Es läuft gut, wir haben keine Schwierigkeiten. Das ist schön, aber kein Grund, euphorisch zu werden. Wir bleiben bei unserem Plan, eine breite Basis zu legen und so viele Daten als möglich zu sammeln.»+

Gary Anderson dazu: «Gestern hat mir der Toro Rosso besser gefallen, jetzt finde ich das Heck zu lebhaft.»

Ein anderer Trend von gestern, der sich bestätigt: Paul Di Restas Force-India-Renner ist flott und standfest. Keiner legte am zweiten Testtag mehr Runden zurück als der Schotte, bevor er seinen Platz für Simulator-Spezialist James Rossiter räumte. Schon am ersten Testtag war Di Resta der Fleissigste gewesen.

Rossiter sitzt übrigens deshalb im Rennwagen, weil der Simulator von Force India aufgefrischt wird, der Engländer braucht da Vergleichwerte im echten Renner.

Die meisten Teams sammeln weiter emsig Daten: mit Hilfe allerlei Sensoren werden Temperaturen und Luftströmungen gemessen. Besonders der Ferrari ist geradezu gespickt mit Messvorrichtungen. Die Auswertung wird die italienischen Techniker bis in die Nacht beschäftigen. Da es gestern im Cockpit etwas gar warm wurde, hat man Felipe Massa Entlüftungsschlitze entlang des Cockpits spendiert.

Gary Anderson: «Das Auto scheint ganz ordentlich zu liegen, aber mir scheint, die Reifen bauen am Ferrari schneller ab als an anderen Wagen. Und das Randsteingehoppel können andere Renner auch besser. So richtig beeindruckt bin ich nicht.»

Sergio Pérez wirkte beim Debüt mit McLaren weniger eindrucksvoll als Tags zuvor Jenson Button. McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh zuckt mit den Schultern: «Wir geben nichts auf die Rundenzeiten.»

Gary Anderson bestätigt: «Im Langlauf fand ich den Mexikaner konstant schnell. Das Auto scheint wirklich gut zu sein.»

Mercedes hat Sorgen: Natürlich ist es besser, Kinderkrankheiten in Spanien auszusortieren als während der ersten Grands Prix der Saison, dennoch wäre es wichtig, dass der Wagen Kilometer bekommt. Gestern war das aufgrund eines Problems mit dem Kabelbaum nicht möglich (was zu einem Kurzschluss führte und Nico Rosberg stoppte), heute scheuerte eine Bremsleitung hinten auf (was zum Bremsverlust an der Hinterachse führt und Lewis Hamilton im Kies stranden liess).

Lewis knurrte: «Immerhin spüre ich anhand der wenigen Runden, dass der Wagen konkurrenzfähig ist.»

Das ist ein tröstlicher Gedanke: Es ist leichter, ein schnelles Auto standfest zu machen als ein standfestes schneller.

Williams-Fahrer Pastor Maldonado rückte am zweiten Tag mit unterschiedlicher Nasenkonfiguration aus – einmal mit dem gewohnten Knick von 2012, einmal einer Verkleidung, wie wir sie am 2013er Auto sehen werden. Ein Kupplungsproblem fesselte den Barcelona-GP-Sieger vom vergangenen Jahr längere Zeit an die Box. Das behinderte die Arbeit am grössten Thema bei Williams: den neuen Reifen von Pirelli.

Im Marussia sass Neuverpflichtung Luiz Razia erstmals am Lenkrad. Über den letzten Platz (wie sein Stallgefährte Max Chilton gestern) kam der Brasilianer aber nicht hinaus.

Giedo van der Garde im Caterham ist erneut Zweitletzter – mit dem Anschluss ans Mittelfeld wird es für die beiden Kellerkinder der Formel 1 wohl auch 2013 nichts.

Dafür sorgt Caterham für den technischen Aufreger des Tages: ein Luftleit-Flügelchen im Auspuff-Kanal wird von der Konkurrenz als illegal eingestuft. Caterham-Teamchef Cyril Abiteboul grinst: «Seltsam, wir sind damit schon 2012 gefahren, da hat es keinen interessiert …»

Das Formel-1-Feld weist eine eigenwillige Mischung auf: Fünf GP-Neulingen (Razia, Chilton, Bottas, van der Garde und Gutiérrez) stehen fünf Weltmeister gegenüber (Vettel, Alonso, Button, Hamilton und Räikkönen), das hat es noch nie gegeben.

Weltmeister Sebastian Vettel ist übrigens am späteren Nachmittag an der Jerez-Rennstrecke eingetroffen. Er wird morgen erstmals zum Fahren kommen.

Was die Piloten vom zweiten Testtag zu berichten haben, finden Sie nach und nach in den kommenden Minuten. Wir gehen jetzt auf Interview-Jagd …

 

Die Jerez-Testzeiten von Mittwoch, 6. Februar

1. Romain Grosjean (F), Lotus E21-Renault, 1:18,218 (94)

2. Paul Di Resta (GB), Force India VJM06-Mercedes, 1:19,003 (95)

3. Daniel Ricciardo (AUS), Toro Rosso STR8-Ferrari, 1:19,134 (83)

4. Mark Webber (AUS), Red Bull Racing RB9-Renault, 1: 19,338 (101)

5. Nico Hülkenberg (D), Sauber C32-Ferrari, 1:19,502 (98)

6. Lewis Hamilton (GB), Mercedes F1 W04, 1:19,519 (15)

7. Sergio Pérez (MEX), McLaren MP4/28-Mercedes, 1:19,572 (81)

8. Felipe Massa (BR), Ferrari F138, 1:19,914 (78)

9. Pastor Maldonado (YV), Williams FW35-Renault (2012), 1:20,693 (71)

10. James Rossiter (GB), Force India VJM06-Mercedes, 1:21,273 (18)

11. Giedo van der Garde (NL), Caterham CT03-Renault, 1:21,311 (88)

12. Luiz Razia (BR), Marussia MR02-Cosworth, 1:23,537 (31)

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