Formel 1: War Marussia-Veto wirklich unfair?

Kolumne von Vanessa Georgoulas
Formel 1
Formel-1-Teams verteidigen sich und üben Kritik am Marussia-Antrag

Formel-1-Teams verteidigen sich und üben Kritik am Marussia-Antrag

Die Formel-1-Fans sind verärgert über das Veto zum Vorhaben von Marussia, unter neuem Namen mit dem alten Auto in die Formel 1 zurückzukehren. Aber hat sich die F1-Strategiegruppe wirklich unfair verhalten?

Die Empörung in den Fan-Foren und auf den Online-Kommunikationsplattformen über das Veto der Formel-1-Strategiegruppe gegen das Marussia-Comeback mit den Vorjahres-Autos ist gross. Den Team-Vertretern, die sich gegen eine entsprechende Ausnahmeregelung stellen, wird Egoismus und Kurzsichtigkeit vorgeworfen. Denn das Preisgeld von rund 45 Millionen Euro, das Marussia bei einer neuerlichen WM-Teilnahme zustehen würde, fliesst bei einem Fernbleiben des insolventen Rennstalls in die Kassen der Gegner. Und das zählt offenbar mehr als ein volles Startfeld, das für die Zuschauer attraktiver wäre.

Im Fokus der Kritik steht vor allem das Force India-Team, denn als es darum ging, ob man Marussia die Teilnahme erlaube, durfte Teamchef Bob Fernley als Erster seine Stimme abgeben. Und weil er sich gegen die Ausnahmeregelung aussprach, war das Thema damit durch. Denn Marussia hätte die Zustimmung aller Gegner gebraucht, um mit dem alten Material antreten zu dürfen. Im Vorfeld hatten sich aber gerüchteweise auch Red Bull Racing, Toro Rosso, Sauber und Lotus gegen eine Teilnahme mit 2014er-Autos ausgesprochen.

Keine Informationen über die neuen Besitzer

Als Ursache für die Absage gab Fernley zwei Gründe an: Der Anfrage fehle es an substanziellen Informationen und sie sei auch nicht regelkonform. Schliesslich kam der Brief, in dem der Antrag gestellt wurde, von Marussia-Geschäftsleiter Graeme Lowdon und nicht vom Insolvenzverwalter, der das Team seit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens leitet.

Die Befürworter einer Marussia-Rückkehr mit 2014er-Autos sehen das als fadenscheinige Argumente an. Doch Fernley verteidigt sich im Gespräch mit dem Kollegen der Press Association: «Am Ende muss ich meine Entscheidungen mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen treffen. Ich kann nicht vor Entscheidungen zurückschrecken, nur weil ich damit einen Beliebtheits-Wettbewerb auf Twitter verlieren könnte.»

Wer jetzt verärgert fragt, seit wann das Force India-Team dafür zuständig sei, die Anträge seiner Konkurrenten zu prüfen, der sei daran erinnert, dass jedes Mitglied der Strategiegruppe sehr wohl die Pflicht hat, die dort gestellten Geschäfte sorgfältig zu prüfen, bevor entschieden wird. Nur weil das Ergebnis der Prüfung den Fans nicht passt, darf man Force India dieses Recht nicht absprechen.

Und der Einwand, dass der Automobilweltverband FIA als Regelhüter diese Entscheidungen treffen sollte, zählt auch nicht wirklich. Was, wenn die FIA-Verantwortlichen zum gleichen Schluss gekommen wären wie die Team-Vertreter? Man kann die Neinsager kleinkariert nennen, aber dass Marussia-Oberhaupt Graeme Lowdon es nicht einmal für nötig befunden hat, den Comeback-Plan wenigstens ansatzweise zu umreissen, ist schon sehr befremdlich und dürfte auch den FIA-Verantwortlichen nicht gefallen.

«Wir wissen nicht einmal, wer die neuen Besitzer sein sollen. Wenn ich meine letzte Chance in einem solchen Antrag sehen würde, dann hätte ich eine Präsentation mit allem drum und dran gemacht, um alle zu überzeugen», klagt Fernley an, und seine Kritiker erwidern, dass selbst die grössten Namen keinen sicheren Schutz vor einer Pleite bieten, wie der Fall Caterham gezeigt habe. Tatsächlich geriet das Team aus Leafield in finanzielle Nöte, nachdem sich AirAsia-Mogul Tony Fernandes aus der Formel 1 zurückgezogen und ein Chaos über die Besitzverhältnisse sowie offene Forderungen hinterlassen hatte.

Geld spielt eine grosse Rolle

In einem weiteren Punkt dürften die Fans Recht haben: Finanzielle Überlegungen haben beim Veto von Force India und Co. bestimmt eine Rolle gespielt. Wenn auch nicht nur mit Blick auf das frei werdende Preisgeld, das zu gleichen Teilen unter den verbleibenden Teams aufgeteilt wird. Fernley versichert denn auch: «Natürlich hätte ich gerne vier bis fünf Zusatzmillionen, aber bei allem Respekt, das macht im finanziellen Überlebenskampf von Force India keinen so grossen Unterschied.»

Abgesehen davon haben sich gerade die kleineren Formel-1-Equipen in Unkosten gestürzt, um mit einem neuen Auto zur WM 2015 anzutreten. Wieso sollte also einem einzigen Team die Teilnahme mit den 2014er-Rennern erlaubt werden? Dass das in den Augen der finanziell schwachen Rennställe nicht fair aussieht, dürfte jedem noch so glühende Marussia-Fan einleuchten.

Auch den Einwand, dass die Vorjahres-Boliden eh nur hinterherfahren würden, kann man nicht gelten lassen. Denn ist der Formel 1 wirklich damit gedient, wenn das Feld mit deutlich langsameren, chancenlosen Autos gefüllt wird? Und wie sieht es mit der Sicherheit aus, wenn die Tempo-Unterschiede zwischen den Spitzenreitern und Schlusslichtern grösser werden?

Ganz generell ist die Sicherheit ein weiterer Grund, warum viele Rennställe einer Teilnahme mit den Vorjahres-Autos kritisch gegenüberstehen. Denn die neuen, tieferen Fahrzeugnasen gehen auf eine Regeländerung zurück, die Ende 2014 auch aus Sicherheitsüberlegungen eingeführt wurde.

Natürlich wünschen sich alle Formel-1-Teams ein gelungenes Marussia-Comeback, allerdings darf niemandem übel genommen werden, wenn er angesichts fehlender Informationen, dem rasch näherrückenden WM-Start in Melbourne und den anderen Herausforderungen, die bei einer solchen Ausnahme zu meistern wären, stark daran zweifelt.

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