Sergio Marchionne über Ferrari: Unrealistische Ziele

Von Mathias Brunner
Formel 1
Sergio Marchionne

Sergio Marchionne

​Ferrari-Präsident Sergio Marchionne erwartet von seinem Formel-1-Team Siege. Das betont er unablässig. Aber der Rennstall aus Maranello bleibt sieglos. Ist Marchionnes Einschätzung unrealistisch?

Vor kurzem sprach Sergio Marchionne (63) davon, dass Ferrari drei der vier ersten Rennen hätte gewinnen können. Ferraristi würden das nur ähnlich sehen, wenn sie die rote Brille aufsetzen. Fakt ist: Natürlich hat Ferrari aus den Rennen in Australien, Bahrain, China und Russland weniger Punkte geschöpft als erwartet. Klar haben die Italiener auch Pech gehabt. Gewiss sind bessere Ergebnisse durch technische Probleme vereitelt worden (Turboschaden bei Kimi Räikkönen in Australien, Ventildefekt bei Sebastian Vettel in Bahrain). Aber daraus zu konstruieren, dass Ferrari drei Mal hätte gewinnen können, das ist der Wunsch Vater des Gedankens.

Vor der Saison hatte Marchionne gefordert, dass Ferrari vom ersten Rennen an auf Augenhöhe mit Leader Mercedes-Benz fahren müsse. Das ist nicht passiert. Vor dem Spanien-GP-Wochenende hat Marchionne nachgelegt – er erwarte bald Siege. Zwischen den Zeilen bedeutet das: in Barcelona und Monaco.

Der in Kanada aufgewachsene Italiener Marchionne ist als knallharter Sanierer zu Ferrari gekommen. Der Erfolg als Manager gibt dem Pullover-Fan Recht. Aber in Sachen Formel 1 stellen sich Experten die Frage, ob es Marchionne mit dem Druckerzeugen nicht ein wenig übertreibt. Erfolg kommt in der Formel 1 nicht über Nacht. Erfolg kommt im GP-Sport nur, wenn aussergewöhnlich talentierte Menschen in einem gesunden Umfeld mit den erforderlichen Ressourcen über Jahre hinaus zusammenarbeiten können.

Niki Lauda weiss, wie Ferrari tickt. 1975 und 1977 wurde er für Ferrari Formel-1-Weltmeister. Als Experte bei RTL sagt der Wiener Aufsichtsrats-Chef des Mercedes-Rennstalls: «Mir scheint – je mehr Druck Marchionne auf das Team ausübt, desto mehr Fehler machen sie.»

Im Abschlusstraining zum Spanien-GP hat sich Ferrari nicht ideal an die veränderten Aussentemperaturen anpassen können. Ergebnis: Nicht nur fährt Mercedes nicht auf Augenhöhe mit dem Klassenbesten Mercedes, die stolze Scuderia musste sich auch hinter den beiden Autos von Red Bull Racing anstellen. Und wenn Renault ab Kanada für Red Bull Racing einen kraftvolleren Motor liefert, dann hat Ferrari noch ein anderes Problem als Mercedes. Was wird Marchionne wohl dann sagen?

Anfangs Mai meinte der Geschäftsleiter des Fiat-Chrysler-Konzerns: «Wir müssen jetzt diesen Abstand von gut einer halben Sekunde mit Lichtgeschwindigkeit aufholen. Ich war gewohnt, das Ferrari von Michael Schumacher zu erleben, ein Ferrari, das von Sieg zu Sieg eilt. Die Mannschaft so leiden zu sehen, das bricht meine Seele.»

In Spanien erschien Sergio Marchionne am Sonntagmorgen im Fahrerlager. Stundenlang warteten sich die vorwiegend italienischen Berichterstatter die Beine in den Bauch, um auf ein paar Wortspenden zu hoffen.

Der Ferrari-Chef meint: «Natürlich bin ich enttäuscht, dass wir im Training nicht besser abgeschnitten haben. Wir hatten ein Problem mit den Reifen, so wie das Mercedes-Benz im vergangenen Jahr in Singapur passiert ist. Ich hatte eben darüber eine interessante Unterhaltung mit Mercedes-Chef Dieter Zetsche.»

«Aber ich habe weiter jedes Vertrauen in diese Mannschaft, Teamchef Maurizio Arrivabene hat mein volles Vertrauen. Nun müssen wir diese Mannschaft einfach machen lassen.»

«Wir haben zwei der besten Piloten der Welt, das Team ist in der besten Verfassung seit langer Zeit. Nun müssen sie konzentriert weiter arbeiten.»

Der frühere Formel-1-Fahrer Martin Brundle meint: «Ferrari ist im Training unter Wert geschlagen worden. Ich erwarte da im Rennen eine starke Reaktion. Heute Sonntag ist es nicht ganz so warm wie im Qualifying, mal sehen, wie sich das auswirkt.»

Zu Marchionne sagt Brundle: «Du kannst dich nicht einfach hinstellen und Siege fordern. Dazu brauchen Vettel und Räikkönen das richtige Material. Man muss sich als Chef auch mal ein wenig zurücknehmen können.»

Damon Hill, Formel-1-Champion von 1996, glaubt: «Alles wird mit den Reifen stehen und fallen. Das Reifen-Management wird das zentrale Thema dieses Spanien-GP sein. Um hier zu gewinnen, muss Ferrari nicht nur an den Silberpfeilen vorbei, sondern auch an den beiden Rennwagen von Red Bull Racing. Ich kann mir noch nicht so richtig vorstellen, wie das gehen soll.»

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