Max Verstappen: Unmut der Gegner als Selbstschutz

Von Mathias Brunner
Editorial
Max Verstappen: Busenfreunde werden sie keine mehr

Max Verstappen: Busenfreunde werden sie keine mehr

​Nach dem Belgien-GP: Ist Red Bull Racing-Teenager Max Verstappen ein Pistenrüpel, oder sind seine Gegner vom unüblichen Kampfverhalten des Niederländers überfordert?

Kimi Räikkönen wird nicht so bald ein Formular zum Eintritt in den Max-Verstappen-Fanklub ausfüllen: Erneut sind der Finne und der aufstrebende Niederländer Max Verstappen aneinander geraten, worauf der Weltmeister von 2007 am Funk schimpfte: «Der hat nur eines im Sinn, mich von der Bahn zu drängen!»

Schon in der ersten Kurve des Belgien-GP war Max Verstappen nach einem schlechten Start in der La Source in eine Lücke gestochen, die sich zusehens schloss – Kollision mit dem Ferrari von Kimi Räikkönen. Es folgten mehrere Scharmützel auf der Bahn, mit obigem Funkspruch von Kimi.

Die Meinungen im Fahrerlager über das Zweikampfverhalten von Max Verstappen gehen auseinander.

Ex-Formel-1-Fahrer Martin Brundle – ein echter Racer, dem der Sport am Herzen liegt – hält fest: «Verstappen fordert das Schicksal heraus. Man muss sich die richtigen Kämpfe aussuchen. Man muss sich nicht gleich mit jedem anlagen. Ich bewundere sein Talent, er ist bereits heute ein Siegfahrer, und er zeigt alle Anlagen, Weltmeister zu werden. Aber um dieses Ziel zu erreichen, gilt es auch, mit Bedacht zu fahren.»

Die Piloten schimpfen über den heissblütigen Max. Kimi Räikkönen ist nicht der einzige Fahrer, dem es nun langsam zu bunt wird. Einiges an ihrer Kritik ist stichhaltig. Sie sind es schlicht nicht gewöhnt, dass ein Pilot in der Bremszone seine Linie wechselt – was Kimi Räikkönen zur Weissglut bringt.

Die Gegner sind es auch nicht gewöhnt, dass Verstappen an Stellen zum Überholen ansetzt, dass den etablierten Fahrern Hören und Sehen vergeht.

Das wieder gründet im langjährigen Training von Jos Verstappen. Denn im Exklusiv-Interview hatte der frühere Benetton- und Tyrrell-Fahrer gesagt: «Überholen war für mich ein riesiges Thema, denn man kann meiner Meinung nach auch falsch überholen. Wenn er bei einem Überholmanöver Zeit verloren hat, dann versuchte ich, ihn zu erklären, wie er das besser machen kann. Wenn du Zeit auf der Bahn liegen lässt, dann hast du das nicht richtig gemacht. Max hat sich das verinnerlicht. Das ging so weit, dass ich ihm verboten habe, auf den Geraden anzugreifen oder an Stellen, die mir zu einfach vorkamen. Ich habe ihm gesagt: “Du darfst nur hier, hier und auch da attackieren, sonst nicht.” Und das waren eben Kurven, wo die anderen vielleicht nicht angreifen. Das ist einer der Gründe, wieso wir heute in der Formel 1 den Eindruck haben, Max könne überall überholen. Ein Überholmanöver ist kein Produkt des Zufalls. Ein Pilot muss den Gegner scharf beobachten, seine Schwächen ausspionieren und sich den Rivalen richtiggehend zurechtlegen. Max hat das im Kartsport jahrelang trainiert.»

Aber die Fahrer sind in ihrer Kritik auch zahnlos: Denn im Reglement ist verankert, dass der Fahrer bei der Anfahrt zu einer Kurve im Zweikampf einmal die Linie wechseln darf. Nicht zwei Mal. Über das Verhalten in der Bremszone steht im Reglement nichts. Wieso auch? Rennfahren ist Instinktsache.

Die Piloten haben beim Anbremsen einer Kurve nicht die Zeit, ein telefonbuchdickes Regelwerk zu zücken und gemächlich nachzuschlagen, was denn nun die beste Vorgehensweise wäre. Wie sollen Entscheidungen im Hundertstelsekundenbereich in Worte gegossen werden? Wenn wir da mit dem Regelwerk daherkommen, können wir gleich Halma spielen gehen.

Im Fahrerlager gibt es zwei Parteien. Die einen bewundern die Frechheit von Max und seine natürliche Begabung. Die anderen finden: Sein Verhalten ist mindestens grenzwertig. Vielleicht wäre es an der Zeit, ihm mal ein wenig auf die Finger zu klopfen.

Aber wir sollten dabei nicht vergessen: Die GP-Polizei wird nicht aus Schwachköpfen gebildet. Die Rennkommissare haben sich die Duelle von Verstappen in Belgien genau angeschaut. Es hat keine Untersuchung gegeben.

Zudem: Max Verstappen mobilisiert die Massen, nicht nur in Spa-Francorchamps. Es ist endlich wieder ein Fahrer, über den die Fans leidenschaftlich diskutieren: Ein Engelsgesicht mit Teufelsöhrchen.

Und wenn einige Fahrer über Verstappen schimpfen, dann sind ihre Worte mit Vorsicht zu geniessen. Denn da ist ein gehöriges Mass an Selbstschutz dabei. Die langjährigen Piloten merken: Da kommt einer, der pfeift auf alles, der nimmt uns die Sahne von der Milch, wenn wir uns nicht langsam zur Wehr setzen.

Mercedes-Teamchef Toto Wolff hat das meiner Meinung nach sehr treffend formuliert. «Max ist ohne Angst oder Respekt in die Formel 1 gekommen und fährt die Ellenbogen aus. Damit erinnert er mich an die Grossen des Sports. Seine Fahrweise erinnert an den jungen Lewis Hamilton und auch an Ayrton Senna.»

«Man kann jetzt schon deutlich erkennen, dass einige Jungs um ihn herum zweimal überlegen, wie sie ihn angreifen sollen, um an ihm vorbeizukommen. Und bisher hat er bewiesen, dass er damit auf dem richtigen Weg ist.»

Kimi Räikkönen ist nicht dieser Meinung: «Früher oder später wird es krachen, aber richtig.»

Toto Wolff hat bei seinen Vergleichen einen Fahrer vergessen. Einen, der sich auch gleich mit den etablierten Piloten angelegt hat, Ayrton Senna packte ihn sogar bei Testfahrten in Hockenheim kurzerhand an der Gurgel. Ein Pilot, der eine diamantene Härte im Zweikampf gepaart mit ungewohnten Manövern zeigte, einer der den Kartstil auf die Grand-Prix-Bahnen brachte. Einer, der Spa-Francorchamps später zu seinem Wohnzimmer machte. Einer, der mit dem gleichen unerschütterlichen Selbstvertrauen in die Formel 1 kam.

Michael Schumacher.

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