Valentino Rossi: Dachte er im Frühjahr ans Aufhören?

Von Günther Wiesinger
MotoGP

Valentino Rossi räumt ein, dass er im Frühjahr 2013 hin- und hergerissen war. Was sagt er zu Ducati? «Nach dem ersten Test war ich verzweifelt.»

Valentino Rossi gewann am 29. Juni 2013 in Assen zum ersten Mal seit 995 Tagen wieder ein MotoGP-Rennen.

Auf dem Weg zur Post-Race-Pressekonferenz beglückwünschte mich Yamaha-Pressechef William Favaro, sichtlich zufrieden. «Günther, gratuliere!»

Ich zog die Augenbrauen hoch, runzelte fragend die Stirn.

«Ja, du hast Glück. Jetzt bist du der Erste, der mit Valentino nach dem Sieg ein Vier-Augen-Interview führen kann.»

Ach, ja, das hatte ich in diesem Augenblick ganz vergessen. Donnerstag, Sachsenring-GP, 18 Uhr. Das hatten wir beim Frankreich-GP so vereinbart. Manchmal braucht man als Journalist auch ein bisschen Glück.

Valentino nimmt in der Hospitality gut gelaunt Platz. Ich weiss, er gibt eigentlich keine Exklusiv-Interviews mehr. Bei Ducati hat er sich das ganz abgewöhnt. Wen wundert’s.

Ich lege meine Fragen vor uns auf den Tisch – und sicherheitshalber gleich zwei digitale Tonbandgeräte. Ich rechne mit acht bis zehn kostbaren Minuten des Champions. Es werden mehr als 23.

Ja, es gibt viel zu fragen. Und viel zu erzählen.

Valentino, als du bei den ersten vier, fünf Rennen 2013 oft im Qualifying Siebter und Achter warst, hast du viel über die neue Generation gesprochen. Da hast du sehr nachdenklich gewirkt. Du hast erkannt, dass Lorenzo kaum zu schlagen ist und mit Márquez ein Gegner heranwächst, der über aussergewöhnliche Fähigkeiten verfügt. Und dass die Gegner mit den neuen Reifen in der ersten fliegenden Runde schneller sind als du. Hast du in dieser Phase überlegt, ob du bei Yamaha am Saisonende 2013 abdanken sollst?

Nein, nie. Gut, das erste Rennen in Katar war grossartig, Platz 2. Aber ich wusste, ich brauche Zeit, um zurückzukommen und wieder sehr konkurrenzfähig zu sein.

Ich wusste, ich quetsche noch nicht 100 Prozent aus der M1 heraus. Ich wusste, ich brauche Zeit. Und ich muss ein besseres Set-up finden, wenn ich dauerhaft an die Spitze zurückkommen will.

Aber weisst du, klar, nach zwei Jahren mit der Ducati, nach einigen mässigen Rennen mit der Yamaha, habe ich mir eine Menge Fragen gestellt. Ich wurde von Zweifeln geplagt. Bin ich vielleicht zu alt? Alles Mögliche. Ja, manchmal hatte ich gewisse Zweifel, ja, ja.

Hast du wirklich nie überlegt, bei Yamaha am Jahresende um eine Vertragsauflösung zu bitten?

Hm. Ein Teil meines Hirns sagte zu mir: Verdammt, diese Kerle sind zu schnell. Aber der andere Teil gab zu bedenken: Bleib ruhig. Wir kommen aus zwei schwierigen Jahren, in denen wir unser Selbstvertrauen und das Vertrauen zum Motorrad verloren haben. Du kannst nach so einer Phase nicht mit einem Knall sofort wieder an der Spitze mitfahren. Du musst dich Schritt für Schritt wieder herantasten.

Ich sagte mir: Wenn ich das Gefühl habe, ich bringe jetzt 100 Prozent meines Potenzials und werde trotzdem nur Fünfter, dann ist es Zeit zu sagen: Es ist vorbei. Over.

Als Casey Stoner 2007 auf der Ducati dominierte, hast du gesagt: Stoner ist der erste aus der Generation Traction-Control. Weil er als Erster mutig genug war, sich ganz auf die elektronischen Fahrhilfen zu verlassen. Wie ist das heute? Wie viel erledigt deine rechte Hand, wie viel die Elektronik?

In all diesen Jahren haben sich in unserem Sport viele Aspekte des Rennfahrens geändert. Ein Aspekt betrifft all diese elektronischen Systeme am Motorrad. Als ich als Fahrer gross geworden bin, war das anders. Damals konntest du den Gasgriff nicht so hemmungslos aufdrehen wie jetzt.

Heute musst du die Traction-Control für jede Piste und jede Kurve genau abstimmen. Und du musst Vertrauen in sie haben.

Das muss in der Umstellungsphase für einen Fahrer sehr schwierig sein?

Ja, es ist schwierig. Aber, wie auch immer, Schritt für Schritt habe ich mich da zurecht gefunden.

Auf der Ducati hast du immer über Untersteuern geklagt und über wenig Gefühl für den Vorderreifen, das lag am Fahrwerk. Aber auch die Elektronik dürfte nicht auf dem Stand von Honda und Yamaha gewesen sein?

Ich hatte andere Erwartungen. Aber in erster Linie... (Er lacht). Mit der Yamaha konnte und kann ich mich in jedem Training steigern. Ich werde von Session zu Session schneller. Bei Ducati war genau das Gegenteil der Fall.

In jedem Training, in jedem Rennen wirst du langsamer und langsamer. Weil du jedes Mal eine Portion des Gefühls verlierst. Dieses Gefühl ist aber lebensnotwendig, wenn du mit einem MotoGP-Bike am Limit jonglierst.

Dein Crew-Chief Jeremy Burgess hat in der Ducati-Zeit einmal zu mir gesagt: «Valentino hat das Rennen in Valencia mit der Yamaha 2010 als Dritter beendet. 48 Stunden später war er mit der Ducati 17.» Diese zwei Sätzen sagen alles, oder?

Ja, exakt.

Hast du jemals gehofft, du könntest das Ducati-Problem lösen? Was ist dir nach dem ersten Test durch den Kopf gegangen? Zu uns Journalisten hast du nur gesagt: «Der Motor ist gut.»

Als ich die Ducati in Valencia zum ersten Mal probiert habe, war ich verzweifelt. Ich habe das Motorrad auf einem besseren Level erwartet. Aber ich habe ihnen vertraut. Ich dachte, ich habe zwar erwartet, dass wir näher an den Yamaha und Honda dran sind. Wir haben viel Arbeit zu erledigen. Aber wir haben Zeit.

Aber nach sieben, acht Rennen im ersten Jahr habe ich begonnen, meine Hoffnung zu verlieren. Denn Filippo Prezioso von Ducati kam in mein Haus und versicherte mir: «Ich will ein gutes Motorrad bauen, mit dem alle Fahrer schnell sind, das alle Fahrer gut nützen können.» Das hielt ich für ein lobenswertes Ziel.

Aber nach einigen Rennen habe ich kapiert: Ducati hatte andere Vorstellungen und Ziele. Nicht das, was sie mir weisgemacht haben.

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