Marco Melandri: «Ist Aprilia bereit für MotoGP?»

Von Enrico Borghi
MotoGP

Marco Melandri erwartet von der MotoGP-Saison 2015 bei Aprilia keine Heldentaten. Er will aber 2016 die Früchte der Entwicklungsarbeit ernten. Vierter und letzter Teil des Interviews.

Marco Melandri (33) suchte für den Ort unseres Interviews den Flugplatz von Ozzeano Emilia in der Nähe von Bologna aus. Er flog selber von Faenza hierher. «Das hat nur 20 Minuten gedauert», erzählte er.

Sein Flugzeug ist klein und bescheiden, auf den Flügeln prangt seine Startnummer 33.

Das Fliegen helfe ihm beim Entspannen, versichert der 250-ccm-Weltmeister von 2002. Zum Mittagessen bestellt er Fleisch und Gemüse, von Teigwaren nimmt er Abstand und von Süssigkeiten noch mehr. Marco spricht vom Moto Cross, seiner grossen Leidenschaft und natürlich vom Fliegen, auch das ist ein grosses Hobby geworden.

Marco Melandri ist Ende 2010 aus der MotoGP-WM ausgestiegen. Er war 1999 Vizeweltmeister in der 125-ccm-Klasse hinter dem heutigen Marc-Márquez-Manager Emilio Alzamora. Den Titel verpasste er damals mit 227 zu 226 Punkten.

2002 Weltmeister hielt sich «Macio» mit dem Titelgewinn in der 250-ccm-Klasse auf Aprilia schadlos. In der MotoGP-Klasse brachte er es 2005 bei Gresini-Honda immerhin zum zweiten WM-Rang. Er besiegte das Repsol-Honda-Team und liess sich nur von Rossi/Yamaha übertrumpfen.

Marco Melandri hat sieben GP-Siege in der 125er-Klasse errungen, zehn auf der 250er und fünf in der MotoGP-Klasse in den Jahren 2005 und 2006. Er fuhr in der Königsklasse auf Werks-Yamaha und Werks-Honda und Kawasaki. 2015 bildete mit Alvaro Bautista das neue MotoGP-Werksteam von Aprilia.

Von 2011 bis 2014 war Melandri vier Jahre lang in der Superbike-WM engagiert. Er sicherte sich dort die WM-Ränge 2 (2011 auf Yamaha), 3 und 4 (2012 und 2013) auf BMW und 4 in der Saison 2014 auf Aprilia. Er gewann insgesamt 20 Superbike-WM-Läufe.

Im November sass Melandri bei den Tests in Valencia und Jerez auf der MotoGP-Aprilia.

Marco, wie hast du die Rückkehr in die MotoGP erlebt?

Ich kann noch nicht viel dazu sagen, wir sind noch dabei, uns zu organisieren. Warten wir ab, bis ich schneller geworden bin. Sagen wir bis zu den Tests in Sepang, also im Februar.

Und wie kommst du mit Aprilia-Rennchef Romano Albesiano zurecht?

Sehr gut. Aber es war auch für ihn ein schwieriges Jahr, ist er doch während einer stürmischen Zeit zu Aprilia gestossen. Er musste sich erst mit den Technikern einspielen – und ich war auch neu.
Ich musste erst verstehen und mich dann noch verständlich machen. Es war nicht einfach zu entscheiden, welche Prioritäten zu setzen sind und was links liegengelassen werden sollte. Romano hat schnell begriffen und hat jetzt klare Ideen, was uns sicher in der MotoGP helfen wird.

Die MotoGP ist eine schwierige Welt. Du weisst es selber, du kommst ja von dort.

Wir sind sehr schnell in diese neue Situation geraten. Du siehst ja selber, es ist mein Schicksal, dass ich immer beschäftigt bin, ständig hinterher zu jagen, da ich regelmässig gewechselt habe. Für diesen schnellen Wechsel war ich nicht bereit. Ich weiss auch nicht, ob Aprilia dafür bereit ist. Der MotoGP-Einstieg war für 2016 geplant...

Denkst du an zusätzliche Techniker oder Kompetenzen?

Jetzt brauchen wir einfach Zeit, das Beste aus dem zu machen, was wir haben. Dafür haben wir auch geeignete Leute. Aprilia hat sehr viele gute Techniker und das Projekt wird wachsen. Zu dem Zeitpunkt, zu dem wir konkurrenzfähig sein müssen, werden wir auch sehen, wo wir wirklich stehen.
Klar, eine Verstärkung kann nie schaden, denn ich kann mich noch gut erinnern, als Honda 2010 einen grossen Schritt vorwärts gemacht hat, weil sie von Yamaha ein paar Elektroniker abgeworben haben.
Die ganze Sache von einer anderen Seite zu betrachten, statt nur aus der eigenen, kann auch behilflich sein. Das gilt auch für den Fahrer. Dadurch, dass ich viele verschiedene Motorräder gefahren bin, habe ich einiges gelernt.

Welches Potenzial steckt in dem Motorrad?

Der Motor mit den pneumatischen Ventilen hat mir ein gutes Gefühl vermittelt, mal abgesehen von den Kinderkrankheiten. Im Bereich der Elektronik werden wir weiterarbeiten müssen. Ich kenne den wirklichen Level der anderen Motorräder nicht, aber das Motorenmanagement wird fundamental wichtig sein. Die Basis des Motors stammt von der RSV4, aber es sind neue Elemente dazu gekommen. Es wird auch ein stufenloses Getriebe kommen, aber ich weiss nicht, wann genau. Erst 2016 werden wir ein 100-prozentiges MotoGP-Bike haben.

Neu ist für dich wieder die Vereinigung der Teams von Gresini und Aprilia. Du hast recht damit, dass du immer viel Zeit verloren hast, um sich gegenseitig kennen zu lernen.

In diesem Fall kenne ich bereits einige Leute sehr gut. Meinen Cheftechniker Diego Gubellini zum Beispiel. Er war 2010 mein Data-Recording-Ingenieur bei Gresini. Dann Paolo Biasio aus der Superbike-WM, er wird der neue Elektroniker. Es ist ein neuer Mechaniker dabei, aber grundsätzlich sind alle von der Superbike-WM umgesiedelt worden.

Wie siehst du diese Vereinigung Gresini/Aprilia aus deiner Sicht?

Ich glaube, das tut allen gut. Wir können sicher von Gresini und seiner MotoGP-Erfahrung profitieren, bei Dingen, die für uns in der Superbike-WM kein Thema waren. Für Fausto ist es ein gewaltiger Schritt nach 20 Jahren mit Honda, aber er brauchte eine neue Herausforderung und Motivation.

Der Fahrstil hat sich geändert, du hast einen eleganten und flüssigen. Kannst du ihn an das heutige MotoGP-Bike anpassen?

Ich bin mir bewusst, dass das schwierig werden wird. Aber für viele Fahrer ist der Ellbogen am Boden mehr Mode und weniger eine Notwendigkeit. Einzig bei Márquez wirkt es natürlich. Der Fahrstil hat auch etwas mit dem Motorrad zu tun. Die Piloten von Yamaha fahren einen sauberen Stil, die Honda hingegen verlangt eine Fahrweise mit Kraft und Aggression wie bei Márquez, er scheint für dieses Motorrad geboren zu sein. Er weiss sicher auch selber, dass dieser Fahrstil auf einer Yamaha nicht wirksam wäre. Wie auch kein anderer Fahrstil als seiner auf der Honda.

Wirst du auch dein körperliches Training anpassen müssen?

Ich denke schon, denn seit Jahren trainiere ich auf ein Rennen mit zwei Läufen. Jetzt kommt ein Rennen von 45 Minuten auf mich zu, da werde ich mit Sicherheit etwas ändern müssen.

Wie siehst du deine MotoGP-Rückkehr realistisch?

Ich zittere jedenfalls nicht davor, dass ich kein modernes MotoGP-Bike lenken könnte. Aber ich sage auch nicht, ich mache es Márquez nach. Das wäre arrogant und dumm.
Wenn ich bereit bin, kann ich auch schnell sein. Wir werden sehen, vielleicht wird es, weil ich aus der Superbike komme oder älter geworden bin, schwieriger auf einer einzelnen Runde schnell zu sein. Das zählt auch nicht wirklich, denn wir müssen für das Rennen ein gutes Paket kreieren.

Wie lautet deine bisherige Bilanz, wenn du auf deine Karriere blickst?

Die schlimmsten Momente waren nicht körperlicher Natur, sondern im mentalen Bereich. 2008 bei Ducati war ein sehr schwieriges Jahr für mich. Es hat nicht funktioniert; die Leute in meinem Umfeld verloren das Vertrauen in mich.
Und mir fehlte das Vertrauen in das Motorrad. Ich konnte im technischen Bereich auch nichts ändern. Es ist schlimm für einen Fahrer, in einer solchen Situation zu stecken. Aber das ist mir schon mehrmals passiert in meinem Leben. Wie ich am Anfang gesagt habe, ich habe gelernt, nach vorne zu schauen.

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