Valentino Rossi: Was ihn 2015 so gefährlich macht

Von Sharleena Wirsing
MotoGP
Seit 1996 ist Valentino Rossi erfolgreich in der Motorrad-WM unterwegs. In diesem Jahr hat das Urgestein die Chance, seiner unvergleichlichen Karriere mit dem zehnten Titel die Krone aufzusetzen.

Valentino Rossi ist der erfolgreichste und beliebteste Motorradfahrer der Gegenwart. Der 36-jährige Italiener feierte bisher neun WM-Titel in allen drei GP-Klassen, 110 GP-Siege und stand 60 Mal auf der Pole-Position. 2015 könnte der «Doctor» für eine Sensation sorgen, denn er nimmt seinen zehnten Titel ins Visier.

Bereits zum Saisonende 2014 kündigte Rossi dieses Vorhaben an. «Der Titel ist im nächsten Jahr sicher nicht unmöglich. Natürlich ist es 2015 mein Ziel, Weltmeister zu werden», erklärte die legendäre Nummer 46 im Winter. Eines stand fest: Rossi lässt sich nur zu solchen Aussagen hinreißen, wenn sie auch realistisch sind.

Wie realistisch dieses Szenario ist, bewies der Superstar schon bei den ersten drei Rennen der Saison 2015. In Katar besiegte er Andrea Dovizioso auf der äußerst schlagkräftigen GP15 und triumphierte. Da er Marc Márquez auf Honda und Andrea Dovizioso auf Ducati in Austin nicht viel entgegenzusetzen hatte, sicherte der Altmeister Rang 3.

Im MotoGP-Rennen von Argentinien stellte dann endgültig seine Schlagkraft unter Beweis. Er zeigte eine spektakuläre Aufholjagd und schnappte sich Marc Márquez, der seine Niederlage nicht auf sich sitzen lassen wollte und durch Übereifer zu Boden ging. Nun liegt Rossi 30 Punkte vor Márquez.

Womit wir beim ersten Punkt wären, der Rossi schon seine gesamte Karriere hindurch so stark macht. In den letzten Runden ist der Italiener meist unschlagbar. Er kann aus dem Nichts eine Schippe drauflegen und zermürbt seine Gegner durch gnadenlos konsequente Zweikampfstärke.

Für seine Konkurrenzfähigkeit 2015 ist jedoch auch die Technik ausschlaggebend. Obwohl die Yamaha YZR-M1 auf der Geraden noch hinter Honda und Ducati zurückliegt, funktioniert das neue Seamless-Getriebe prächtig. Rossi kann im Vergleich zum letzten Jahr deutlich später bremsen.

Stagnation und Mut zur Veränderung

Auch der zunächst umstrittene Wechsel seinen Crewchiefs scheint sich auszuzahlen. 2014 trat Silvano Galbusera in die großen Fußstapfen von Rossis legendärem Crewchief Jeremy Burgess. In der deutschen Motorrad-WM-Geschichte einen berühmten und zugleich erfolgreichen Präzedenzfall: die Trennung von Toni Mang und Techniker-Ass Sepp Schlögl. Nach vier gemeinsamen WM-Titeln trennte sich der damals 37-jährige Toni Mang 1986 von seinem Cheftechniker und langjährigem Freund Sepp Schlögl. Mang wurde von seiner neuen Umgebung regelrecht beflügelt. Er gewann acht Grands Prix in Folge und holte mit 38 Jahren seinen fünften WM-Titel.

«Es gab eine Stagnation in Rossis Umfeld», erklärte Mang gegenüber SPEEDWEEK.com. «Auch bei mir lag es nicht allein an Sepp, sondern auch an seinem Umfeld. Ich fühlte mich damit nicht mehr wohl. In Rossis Truppe war sicherlich auch alles sehr eingefahren, alle waren schon zufrieden mit dem Erreichten.»

Doch auch Rossis geistiges Alter und sein Spieltrieb sind wichtige Erfolgsfaktoren. Sein ​Pass mag beweisen, dass er 36 Jahre alt ist, doch wenn man Rossi an der Strecke scherzend und lachend erlebt, dann wird klar, dass noch viel des jugendlichen Spaßvogels mit bunt gefärbten Haaren in ihm steckt. Rossi ist ein wahrer Champion, Klasse hat eben kein Alter.

Oberhand über einen alten Rivalen

Auch wenn Rossi die Wichtigkeit seiner Rolle bei Yamaha herunterspielt, seine Überlegenheit gegenüber Teamkollege Jorge Lorenzo im Kampf um den Vizeweltmeistertitel 2014 lieferte ihm viel Motivation. Lorenzo war einer der Gründe, warum Rossi Yamaha Ende 2010 verließ und seinen Ducati-Albtraum startete. Daher genießt er es sicher sehr, seinen alten Status bei Yamaha Stück für Stück zurückzuerobern.

Die mentale Überlegenheit von Überflieger Marc Márquez bröckelt ebenfalls nach seinen beiden Patzern in Katar und Argentinien. Sobald Rossi auch geistig die Oberhand gewann, waren seine Gegner in der Vergangenheit meist chancenlos. Man erinnere sich an Max Biaggi oder Sete Gibernau. Einige zerbrachen an Rossis mentaler Kriegsführung. Doch Márquez ist ein anderes Kaliber. Er kann diese zwei Niederlagen sicher ohne Probleme abschütteln, falls er bald wieder siegen kann...

Ein weiterer bedeutender Anreiz für Rossi ist die Tatsache, dass ein zehnter Titel seiner ohnehin beispiellosen Karriere die Krone aufsetzen würde und zudem grandiose Werbung für seinen geliebten Sport wäre – der alte Superstar ​entthront den neuen ​Helden.

Obwohl Rossis Legendenstatus auch jetzt schon unbestritten ist, bekam er kurzzeitig feine Risse. Vor allem nachdem der neunfache Weltmeister von seinen Kritikern, aber auch Experten schon während seiner Ducati-Zeit abgeschrieben wurde. Das erste schwierige Jahr zurück bei Yamaha bestätigte viele in ihrer Meinung. Sie sagten das baldige Karriere-Ende des «zu alten» Superstars voraus.

Doch Rossi arbeitete unermüdlich an sich und seinem Fahrstil. Zusammen mit den jungen Piloten seiner VR46-Academy trainiert er fast täglich auf seiner Ranch in Tavullia. «Meine Fahrer halten mich jung. Wir verbringen sehr viel Zeit zusammen und haben immer viel Spaß. Da wir zusammen trainieren, testen sie manchmal Sachen, bevor ich sie versuche. Wenn sie es aushalten...», scherzte der neunfache Weltmeister.

Wie auch Marc Márquez setzt Rossi bei seinem Training auf so viel Zeit auf zwei Rädern wie möglich, doch auch Spaß und ein gewisses Maß an Unbekümmertheit werden stets groß geschrieben. Die Stars sind eben zwei vom gleichen Schlag.

Nach dem Argentinien-GP muss jedem klar sein, dass der «Doctor» 2015 die große Sensation wahr machen kann. Der unermessliche Eifer und die Liebe zu seinem Sport zahlen sich für Rossi derzeit wieder aus...

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