Sepang-Drama: Die Höchststrafe für Valentino Rossi

Kolumne von Günther Wiesinger
MotoGP
Die Kollision zwischen Rossi und Márquez in Sepang erhitzt weiter die Gemüter. Die beiden Streithähne haben uns ein atemberaubendes WM-Finale in Valencia vermasselt.

Es lässt sich nicht verleugnen: Marc Márquez hat die MotoGP-Weltmeisterschaft 2015 entschieden. Vielleicht betrachtet er diese Rennserie nach den zwei Titelgewinnen 2013 und 2014 als sein Eigentum und dachte, wenn er schon selbst nicht mehr für den Titelkampf in Frage kommt, dann nehme er sich die Freiheit, zumindest auf andere Art und Weise in die Entscheidung einzugreifen.

Gut, Marc Márquez war in den vier freien Trainings dreimal langsamer als Pedrosa, um zwei Zehntel, drei Zehntel und vier Zehntel, einmal fuhr der aktuelle Weltmeister um 0,3 sec schneller als der spätere Sieger. Auch im Qualifying war Pedrosa 0,4 sec schneller.

Das erklärt aber kaum, warum Pedrosa auf Márquez in den ersten sechs Rennrunden schon 6 Sekunden Vorsprung herausholte. Es sei denn, er habe ausnahmsweise den Sinn des Rennfahrens vergessen, der darin besteht, sich möglichst schnell von A nach B zu fortzubewegen.

Der Repsol-Honda-Star leistete Lorenzo bei dessen Überholmanöver keinen sichtlichen Widerstand. Er richtete sein ganzes Rennen auf Rossi aus. Es gab bis zur Kollision in der siebten Runde 15 Überholmanöver, neun allein in einer einzigen Runde.

Marc Márquez machte nicht die geringsten Anstalten, die Verfolgung von Pedrosa und Lorenzo aufzunehmen.

Dabei ist es ein ungeschriebenes Gesetz, einem Gegner, der um den Titel kämpft, etwas Spielraum zu lassen und ihn nicht um alle Chancen zu bringen, besonders beim vorletzten Rennen.

Marc Márquez als Steigbügelhalter von Lorenzo?

Valentino Rossi galt bis Sonntag als untadeliger Sportsmann, über 20 Jahre hinweg.

Er machte aus seiner Bewunderung für das Können, den Siegeswillen und die Fahrzeugbeherrschung von Márquez nie ein Geheimnis.

Und er wirkte enttäuscht, als ihm Márquez in Australien das Gefühl vermittelte, sich im Titelfight auf die Seite von Landsmann Lorenzo geschlagen zu haben.

Ich halte es für keinen Fehler, dass Rossi diese Überzeugung am Donnerstag in Malaysia öffentlich kundgetan hat. Er hat aus seinem Herzen noch nie eine Mördergrube gemacht, er sagt, was er denkt.

Er ist kein Drückeberger. Er redet nicht um den heissen Brei herum.

Er ist authentisch, heisst das auf Neu-Deutsch.

Natürlich ist es nicht strafbar, im Rennen langsam zu fahren und hinter seinen Möglichkeiten zu bleiben.

Aber Márquez bekämpfte Rossi sichtlich mit Schaum vor dem Mund, seine Körpersprache verdeutlichte das, er agierte in der sechsten Runde so verbissen, als kämpfe er in der letzten Runde beim WM-Finale um den Weltmeistertitel.

Zur Erinnerung: Márquez liegt inzwischen 90 Punkte hinter Rossi und 83 hinter Lorenzo. Sein dritter WM-Rang kann von Pedrosa nicht mehr gefährdet werden.

Konnte Márquez nach dem Phillip-Island-GP noch bestreiten, für Lorenzo gefahren zu sein, so glaubt ihm das nach dem Sepang-Auftritt wohl keiner mehr.

Bei Honda geniesst Marc Márquez Narrenfreiheit. Sonst hätte ihn HRC-Vizepräsident Nakamoto nicht in Schutz genommen, sondern sich gefragt, warum sein mit rund 6,5 Millionen Jahresgage bezahlter Schützling nicht in der Lage war, Rossi im Rennen auf und davon zu fahren. Schliesslich war er im Qualifying 0,264 sec schneller als der WM-Leader und auch in jedem der vier freien Trainings stärker als die Nummer 46.

Nakamoto verglich Rossis Fahrweise am Sontag mit der eines «Streetfighters». Hat er Márquez schon einmal fahren gesehen?

Wir wissen nicht, was in die Köpfen der Rennfahrer vorgeht.
Aber selbst wenn wir bei Márquez die Unschuldsvermutung gelten lassen: Er hat sich mit seiner Fahrweise in Sepang keinen Gefallen getan.

Marc Márquez war selbst drei Stunden nach dem Rennen noch völlig aufgewühlt, emotional, voller Zorn, den Tränen nahe.

Dabei hält sich der Schaden bei ihm in Grenzen: Die 16 verspielten Punkte haben keine Auswirkung auf die Tabelle, er ist unverletzt geblieben. Und wie oft hat Márquez in diesem Jahr schon selbst einen Sturz heraufbeschworen und sich dann darüber heftig amüsiert?

Rossi hat es klar gesagt;: Márquez macht ihn für die Zwischenfälle in Argentinien und Assen verantwortlich und im weitesten Sinn vielleicht auch dafür, dass er die Titelchancen 2015 frühzeitig verspielt hat.

Aber war es nicht Márquez, der beim ersten Sepang-Test das falsche der drei Honda-Chassis ausgewählt und in Assen nach einigen desatrösen Darbietungen wieder zur 2014-Version zurückgekehrt ist?

Und was hat Rossi mit Marcs Rennstürzen in Mugello, Barcelona, Silverstone und Aragón zu tun?

Gar nichts.

Valentino Rossi hat Márquez in Las Termas und Assen auf meisterhafte Weise die hohe Schule des Motorradrennfahrens demonstriert.

Diesmal hat sich Rossi provozieren lassen, das ist verwerflich, es ist durch nichts zu entschuldigen, aber es ist menschlich. Es befand viel Adrenalin im Spiel. Rossi wusste, durch die Manöver von Márquez wird er womöglich um die letzte Titelchance in seiner Karriere gebracht, die Chance auf den ersten Titelgewinn seit 2009 drohte zu entgleiten.

Rossi ist kein Engel. Wer zimperlich ist, wird nicht neunmal Weltmeister und gewinnt nicht 112 GP-Rennen.

Aber Márquez wurde schon zweimal auf den letzten Startplatz verbannt, bevor er in die MotoGP-Klasse kam, 2011 in Phillip Island, als er Wilairot in der Auslaufrunde (!) des ersten freien Trainings blindlings von hinten abschoss, dann 2012 in Valencia.

Und ausgerechnet Lorenzo und Pedrosa, die ihn jetzt scheinheilig in Schutz nehmen, waren die Leidtragenden seiner ungestümen Attacken in Jerez und Aragón 2013. Alles vergessen?

Natürlich ist Rossi jetzt der grosse Leidtragende. Wenn Lorenzo die drei Strafpunkte als zu mildes Urteil betrachtet, ist das lächerlich. Denn dieses Urteil serviert ihm den WM-Titel auf dem Silbertablett.
Was will er mehr?

Jorge Lorenzo ist der schnellste MotoGP-Pilot der Gegenwart. Er hatte das Zeug, die WM allein durch sein Können zu entscheiden, ohne Hilfe von Márquez, ohne eine Verbannung Rossis in die letzte Startreihe beim WM-Finale.

Der Fehler von Rossi

Was mich am meisten stört: Marc Márquez durch seine provokante Fahrweise und Rossi durch seine Kurzschlusshandlung haben uns das WM-Finale vermiest. Valentino hätte die Nerven bewahren und lieber als Vierter durchs Ziel fahren sollen. Er hätte warten sollen, bis Márquez vielleicht sein Mütchen gekühlt oder seine Reifen ruiniert haben würde. Aber mit so einer Defensiv-Strategie wird man nicht neunmal Weltmeister...

Trotzdem: Wäre Rossi auf Platz 4 gelandet, könnte er jetzt mit zwei Punkten Vorsprung ins Finale gehen und dort im Kampf Mann gegen Mann die Entscheidung herbeiführen. Ohne Verbannung in die letzte Reihe.

Diese Möglichkeit hat er durch sein Foul vereitelt. Er bekam wegen verantwortungslosen Fahrens unter Inkaufnahme eines Sturzes des Gegners drei Strafpunkte.

Der wohl folgenschwerste Fehler seines Lebens, ausgelöst durch die Provokation von Márquez.

Ich finde es merkwürdig, wenn der grandiose Rennfahrer Jorge Lorenzo Rossis Strafe jetzt als zu milde beurteilt. Vielleicht hätte Rossi ohne die Belästigungen durch Márquez zur Spitze aufgeschlossen, vielleicht auch nicht.

Aber jetzt quasi auch noch eine Sperre fürs nächste Rennen für den WM-Leader zu fordern, halte ich für ein Armutszeugnis. Was noch? Sperre auf Lebenszeit? Soll als Nächstes gleich ein MotoGP-Alterslimit von 35 Jahren eingeführt werden?

Übrigens: Bei Fragen zur möglichen Missachtung der gelben Flagge nach dem Loris-Baz-Crash verlor Lorenzo gleich die Beherrschung. Majestätsbeleidigung?

Rossi hat ohnedies die Höchststrafe bekommen. Das hat er sich in hohem Masse selber zuzuschreiben.

Natürlich hat auch Dani Pedrosa gleich verbal nachgetreten.

Es schmerzt halt, wenn man zehn Jahre lang im Repsol-Honda-Team fährt und zuschauen muss, wie Hayden, Stoner, Rossi, Lorenzo und Márquez einen Titel nach dem andern abräumen, während man selber immer leer ausgeht.

Da darf man den Frust schon mal rauslassen, zumal in Siegerlaune.

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