Wie gehe ich mit dem Tod eines Rennfahrers um?

Kolumne von Markus Niegtsch
Supermoto

So ein Wochenende wie das beim SIC Supermoto Day in Latina braucht niemand und wünsche ich niemandem. Wie ich den Tod von Doriano Romboni erlebt habe.

Alles hatte so schön begonnen, bis zu jenem verhängnisvollen Moment. Der sechsfache GP-Sieger Doriano Romboni verliert die Kontrolle über sein Motorrad und kollidiert frontal mit einem anderen Fahrer.

Erst sehe ich nur aus dem Augenwinkel, wie jemand am Boden liegt und einige Fahrer anhalten. Doch es werden immer mehr, die stehenbleiben. Das verheißt nichts Gutes. Ich laufe auch los. Sehe, wie eine Kollegin mit schreckgeweiteten Augen sich beide Hände vor den Mund schlägt. Ein Bild, das sich in mein Hirn eingebrannt hat. Ebenso wie die Sanitäter, die Rombonis Lederkombi öffnen, sein braunes T-Shirt zerreißen und mit der Herzmassage beginnen. Ein Kloß steigt in meinem Hals auf. Was ist da los? Wo bleibt der Krankenwagen? Warum dauert das so lange? Warum fängt er nicht an zu atmen, damit sie aufhören?

Ich gehe langsam weiter Richtung Media-Center und weiß nicht was ich tun soll. Ich will am liebsten weglaufen. Wie soll ich mit der Situation umgehen? Ich bin nicht nur als Mensch hier, sondern auch als Journalist. Wie soll ich den Spagat zwischen solchen diametralen Punkten wie Pietät und Leserinformation schaffen? Eine Million Gedanken schießen durch meinen Kopf und ich kann keinen davon greifen. Mit zittrigen Fingern versuche ich etwas zu Papier zu bringen, aber mein Körper und Gehirn weigern sich.

Plötzlich höre ich draußen die Zuschauer klatschen. Ich renne raus und hoffe, dass Romboni aufgestanden ist, wie es Fahrer nach einem Unfall so oft tun, und sich der Bericht erledigt hat. Aber er konnte nur auf die Trage gelegt werden. Von draußen ruft jemand herein, dass der zusätzlich herbeigerufene Krankenwagen auf der Strecke im Matsch stecken geblieben ist. «Verdammt, in was für einem Film bin ich hier?», frage ich mich.

Was mache ich hier?

Inzwischen ist auch der Rettungshubschrauber eingetroffen und meine Finger haben etwas zu Papier gebracht, was mehr als bescheiden ist. Ich bekomme es aber gerade nicht besser hin. Und immer wieder taucht das Bild in meinem Kopf auf, wie die Kollegin sich die Hände vor das Gesicht schlägt und Romboni reanimiert wird. Ich frage mich, warum ich das hier mache.

Als er schließlich mit dem Rettungshubschrauber Richtung Rom abtransportiert wird, entspannt sich das Chaos ein kleines bisschen. Die Fahrer und Mechaniker stehen in Gruppen zusammen. Es kommt die Info, dass sich «Rambos» Zustand in der Luft verschlechtert hat und der Helikopter nicht nach Rom fliegen konnte. Gedanken an den schlimmsten Fall, dass er es nicht überleben wird, schleichen sich in mein Hirn. Ich schiebe sie beiseite, aber sie sind penetrant. Kurz vor 17 Uhr ist eine Fahrerbesprechung, in der das weitere Vorgehen besprochen wird. Der Geräuschpegel ist hoch. Überall wird getuschelt und die Worte der Rennleitung sind schwer zu verstehen. Es wird diskutiert.

Kurz nach 17 Uhr bekommt Organisator Federico Capogna einen Anruf. Er legt auf und flüstert «Doriano è morto». Es wird still und ich schaue in wässrige Augen und zusammengekniffene Lippen. Ich bin leer und weiß nicht mehr so richtig, was danach war. Irgendwann bin ich im Media-Center und schreibe den Bericht. Es wird der meistgelesene an diesem Tag sein. Eine Ehre, auf die ich gerne verzichtet hätte. Warum mache ich diesen Job? Kann ich nicht über Fotozubehör oder Essen schreiben?

Niemand spricht über den Unfall

Als wir am Abend mit einigen Fahrern beim Essen sind, ist die Stimmung sehr gedrückt. Wir lachen gekünstelt. Es wird vermieden, den Unfall anzusprechen. Ich merke, dass sie den Gedanken daran auch verdrängen wollen.

Am Sonntag um 9 Uhr ist erneut eine Fahrerbesprechung. Ich habe noch nie in der Öffentlichkeit so viele erwachsene Männer weinen sehen. Auch ich bin berührt. Viele Fahrer weinen und nehmen sich gegenseitig in den Arm. Troy Corser ist völlig durch den Wind. Er wird später bei der Fahrerparade eine Ansprache halten, die er nach zwei Sätzen tränenerstickt abbrechen muss. Ich habe ihn als harten Aussie eingeschätzt, den das kalt lässt und habe massiven Respekt davor, wie er jetzt seine Gefühle zeigt. Wie kann ich diese Emotionen und den Respekt, die Verbundenheit, welche die Fahrer gegenüber Doriano Romboni zeigen, angemessen vermitteln?

Es ist oft schwer die passenden Worte zu finden. Ich habe das Gefühl, dass es in solchen Momenten keine passenden Worte gibt. Abends auf der Heimfahrt muss ich an den Nachruf unseres Chefredakteurs Günther Wiesinger denken. Er hat die richtigen Worte gefunden. Es gibt sie also doch.

Nachdem ich mich lange mit Ben Bostrom unterhalten habe, wird mir klar, dass wir aus dieser Nummer nicht herauskommen. Motorradrennfahrer sind immer auf der Suche nach dem Limit und haben einen rudimentär ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb. Dieses Spiel mit dem Feuer, der Ritt auf Messers Schneide und das dem Tod von der Schippe springen, ist ein Teil des Kicks, den sie suchen. Und damit auch ein Teil unseres geliebten Motorsports. Ich muss lernen zu akzeptieren, dass wir dabei auch verlieren können. Um dann vielleicht doch die richtigen Worte zu finden.

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