Mit 600 kW (816 PS) Leistung, permanentem Allradantrieb, neuen Reifen und deutlich mehr Abtrieb bringt die sogenannte GEN4 den bislang größten Performance-Fortschritt mit sich. Die Grenzen jedoch verschieben die eigens von Porsche entwickelten Fahrzeugkomponenten: Bei verlängerter Lebensdauer sollen sie leichter sein, höhere Leistungen erzielen und obendrein Kosten sparen. Vorerst bleibt Porsche Motorsport bis Oktober Zeit, sein bislang umfangreichstes Hardware-Paket für die Formel E möglichst weit zu entwickeln. Anschließend rückt die kontinuierliche Optimierung der Software in den Fokus. In vielerlei Hinsicht ähneln die Entwicklungszyklen in der Rennserie denjenigen für die Sportwagen von Porsche – unter Extrembedingungen. «In der Formel E entwickeln wir vor allem diejenigen technischen Umfänge, die für unsere Sportwagen relevant sind», so Thomas Laudenbach, Leiter Porsche Motorsport. «Das ist einer der Gründe, weshalb wir in der Formel E starten.» Mit Einführung der GEN4 vergrößern sich diese Umfänge im Wesentlichen um zwei Komponenten: den Gleichspannungswandler und das Brake-by-Wire-System. Der GEN4 ist ein richtiges Biest – mit unheimlich viel Leistung und Traktion durch den permanenten Allradantrieb. Man könnte fast von einem anderen Sport sprechen. Wie das Fahrzeug beschleunigt, bremst, wie aggressiv man fahren kann, wenn man noch ein bisschen Rundenzeit rausquetschen will: Alles zusammen erinnert mich an die Supercars im Rallycross.Nico Müller
Bereits bisher zu den Eigenentwicklungen gehörten: Betriebssoftware, Pulswechselrichter, E-Motor, Getriebe, Differenzial, Antriebswellen und weitere Antriebskomponenten an der Hinterachse sowie Kühlungs-, Träger- und Aufhängungskomponenten an der Hinterachse. Florian Modlinger, Gesamtprojektleiter Formel E bei Porsche: «Beim aktuellen Fahrzeug liegt der Wirkungsgrad unseres Antriebsstrangs bei über 97 Prozent. Von der Batterie bis zum Rad verpuffen weniger als drei Prozent der eingesetzten Energie, was nahe der Perfektion liegt – ein Vorteil des E-Antriebs. In unserem Lastenheft für die GEN4 standen neben der Effizienzsteigerung der Antriebskomponenten Potenziale bei Gewicht, der Dauerhaltbarkeit und den Kosten – ähnlich wie bei EVs für die Straße. Gleichzeitig sprechen wir bei 600 kW von 71 Prozent mehr Leistung im Attack Mode. Insgesamt finde ich, dass wir von einer Revolution reden dürfen. Das Fahrzeug mit seiner Beschleunigung erstmals auf der Strecke gesehen zu haben, war eine Freude. Mein Dank gilt der Entwicklungsmannschaft in Flacht für diesen Meilenstein im Projekt.» Der neue Formel E Porsche beim Test in Almería© Porsche
Bis Mitte Januar sammelte der GEN4-Porsche 1472 Testkilometer auf den Rundkursen von Monteblanco und Almería in Spanien. Ein Großteil der Entwicklungs- und Testarbeit jedoch fand und findet im Simulator statt – das spart Ressourcen und Kosten. Modlinger: «2024 begann die Konzeptphase. Noch im selben Jahr stiegen wir in die Simulatorarbeit ein. Das Projekt begann also während der Saison 10, als wir noch mit der Vorgängerversion des aktuellen GEN3 Evo unterwegs waren, dem GEN3. Damals kämpften wir bis zum Schluss um alle drei Titel, holten mit Pascal die Fahrer-WM – und entwickelten parallel den GEN3 Evo. Wir arbeiten agil wie in den Serienprojekten: Man betreibt das vorhandene Fahrzeug, bringt das Facelift auf den Markt und konzipiert bereits die nächste Generation. Bloß sind unsere Zyklen kürzer und unsere Budgets kleiner – bei maximalem Erfolgsdruck. Schließlich bestreiten wir eine FIA-Weltmeisterschaft für Porsche.» In Almería konnte ich das neue Auto zum ersten Mal fahren. Es ist richtig schnell, und es macht richtig Spaß!Pascal Wehrlein
In der frühen Testphase konzentrieren sich die Arbeiten am Entwicklungsfahrzeug auf den zuverlässigen Betrieb und das Zusammenspiel aller Komponenten. Nach und nach rückt die Performance in den Fokus. Wegen der streng limitierten Testtage in der Formel E erfolgt die Validierung mancher Erkenntnisse im Simulator. Auch das Porsche-Kundenteam testet das neue Fahrzeug, bevor der Automobilweltverband FIA den Baustand im Herbst homologiert. Pascal Wehrlein, Porsche-Werksfahrer (#94): «In Almería konnte ich das neue Auto zum ersten Mal fahren. Es ist richtig schnell, und es macht richtig Spaß! Wegen der neuen Aerodynamik sind wir vor allem in den schnelleren Kurven deutlich schneller. Sie erzeugt spürbar Abtrieb. Weil wir über die Jahre so effizient geworden sind, können wir uns das Mehr an Luftwiderstand endlich leisten. Ich glaube, der GEN4 wird bei vielen Leuten da draußen ein Aha-Erlebnis bewirken. Jetzt geht’s drum, unser Paket bestmöglich abzustimmen. Ich bin froh, dass Nico und ich die Testarbeit leisten dürfen. Damit können wir den GEN4 gut auf uns als Stammfahrer zuschneiden.» Nico Müller, Porsche-Werksfahrer (#51): «Der GEN4 ist ein richtiges Biest – mit unheimlich viel Leistung und Traktion durch den permanenten Allradantrieb. Man könnte fast von einem anderen Sport sprechen. Wie das Fahrzeug beschleunigt, bremst, wie aggressiv man fahren kann, wenn man noch ein bisschen Rundenzeit rausquetschen will: Alles zusammen erinnert mich an die Supercars im Rallycross. Noch sind die sportlichen Regeln für die neue Ära nicht definiert, aber rein von der Technik her dürfte sich das Racing deutlich verändern. Ich bin gespannt und freue mich auf die weitere Testarbeit.»