Marc Surer: Wieso Ferrari in Monza abgesoffen ist

Von Mathias Brunner
​Die Leistung von Ferrari im Abschlusstraining zum Italien-GP in Monza war eine Ernüchterung: Kimi Räikkönen Siebtschnellster, Vettel Achtbester. Marc Surer sagt, was schiefgelaufen ist.
Marc, wir haben am Samstag wegen des Regens lange ausharren müssen, wir wir das Qualifying zu Ende fahren konnten. Haben die Verantwortlichen in Sachen Timing alles richtig gemacht?

Nein, denn nach dem ersten Abbruch gab es eine Phase, in welcher das Wetter ein wenig besser wurde, und da ist es verpasst worden, das Training wieder frei zu geben. Die Formel 1 ist in solchen Fällen übervorsichtig geworden.

Der grosse Aufreger für die Tifosi war natürlich, wie Ferrari in Monza abgesoffen ist. Wie erklärst du dir das?

Am Auto kann es nicht liegen, jeder weiss, wie gut der Ferrari ist. Auf Intermediate-Reifen waren sie auch bei der Musik. Unter diesen ganz besonderen Bedingungen haben es Vettel und Räikkönen dann nicht geschafft, die Regenreifen zum Arbeiten zu bringen. Es gibt verschiedene Faktoren, wieso ein Regenreifen mit dem Auto nicht harmoniert. Es kann ein Reifentemperaturproblem sein, wenn die Walzen nicht ins optimale Betriebsfenster gebracht werden oder nicht lange genug dort gehalten werden können. Es kann auch sein, dass beispielsweise die Hinterreifen überhitzen. Für mich kam das alles überraschend. Ich ging schon davon aus, dass Ferrari unter allen Bedingungen auf gleichem Niveau mit Mercedes fahren würde.

Wir haben im Feld ein Riesendurcheinander mit Strafversetzungen. Finden wir denn wirklich keine gescheitere Lösung?

Im NASCAR-Sport wird das so gelöst: Wenn du den Motor wechseln musst, dann bist du einfach Letzter und fertig. Irgend eine Form von Strafe muss es geben, sonst sind wir wieder am Punkt, an welchem Motoren nach Belieben verbraucht werden. Mir fällt keine bessere Lösung ein. Ein Punkteabzug für das betroffene Team ist auch nicht in Ordnung. Nimm ein Privat-Team: Nicht nur müssen sie Millionen für Motoren bezahlten, sie würden auch noch dafür bestraft, wenn der Motorpartner versagt, indem ihnen Punkte gestrichen werden. Das kann es auch nicht sein. Ich fürchte, ich habe keine Lösung.

Wie lösen wir den gordischen Knoten aus McLaren, Honda, Renault und Alonso?

Ich glaube, was in Belgien passiert ist, hat für McLaren das Fass zum Überlaufen gebracht. Sie scheinen von Honda wirklich die Nase voll zu haben. Die Frage wird sein: Kommen die Engländer so einfach aus dem Abkommen mit den Japanern raus? Was passiert, wenn Honda auf dem Vertrag besteht?

Aber mit welcher Logik soll Honda akzeptieren, zu Toro Rosso geschubst zu werden? Wer baut für Toro Rosso ein Getriebe? Was wird aus den Synergien zwischen Red Bull Racing und Toro Rosso, wenn nicht mehr beide Teams den gleichen Motor haben? Wieso soll Toro Rosso einen noch schlechteren Motor als Renault haben wollen?

Genau, da gibt es sehr, sehr viele offene Fragen. Vielleicht sagt sich Red Bull aber auch: Schauen wir mal, wo die Reise mit Honda bei Toro Rosso hingeht, und wenn die Japaner die Arbeit endlich mal auf die Reihe bekommen, was wir alle ja erwarten, könnten wir dann auch eines Tages einen Red Bull Racing-Honda haben. Aber insgesamt ist da unheimlich viel Bewegung drin, und ich bin selber gespannt, was am Ende dabei herauskommt.

Wie siehst du den kommenden Grand Prix?

Vieles wird davon abhängen, was unmittelbar nach dem Start passiert. Wir haben Hamilton vorne, dann die jungen Löwen Stroll und Ocon. Von hinten muss das Ferrari-Duo Boden gutmachen. Gerade für die Ferrari wird das zur ersten Kurve hin ganz eng, wenn du mitten im Feld stehst, musst du da erst mal ungeschoren durchkommen. Sollte Hamilton problemfrei wegkommen und auch nach der ersten Kurve führen, dann wird er einen gemütlichen Nachmittag haben. Für Ferrari muss ein Podestplatz drin sein. Und vergiss nicht die beiden Fahrer von Red Bull Racing, die sich durchs Feld tanken werden. Das sind alles sehr schöne Voraussetzungen für einen unterhaltsamen WM-Lauf.

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