Silverstone: Bottas vor Hamilton, Ferrari lauert

Von Mathias Brunner
Formel 1

​Zweites freies Training zum britischen Grand Prix auf der Traditionsbahn von Silverstone: Selten haben wir in einem Training so viele Ausrutscher erlebt, zwei Mercedes vor zwei Ferrari.

Der neue Silverstone-Asphalt ist gewöhnungsbedürftig: Viele Fahrer rutschten im ersten Training aus, weil sie mit den neuen Neigungen nicht klarkommen. Zur besseren Drainage sind einige Bögen leicht überhöht, andere milde nach aussen geneigt worden, das ist für die schnellen Herren der Vollgasbranche so neu wie der Belag. Der frische Asphalt schwitzt noch ordentlich Öle aus, ein ganz normaler Prozess, der allerdings auch die Formel-1-Fahrer zum Schwitzen bringt.

Fahrer wie Lewis Hamilton, Sebastian Vettel oder Nico Hülkenberg mögen es, wenn Rennstrecken zernarbt sind wie der Rücken von Moby Dick. Lewis sagt: «Genau das gibt einer Piste Charakter. Ich würde nicht öfter Rennstrecken neu asphaltieren, sondern viel seltener. Ich finde, diese ganzen Buckel und Risse geben den Strecken das Besondere, das Fahren wird dann noch schwieriger.» Ein Belag so glatt wie ein Billiardtisch ist gut für Autos, die mit welligen Pisten Probleme haben; bei Rennern, welche Bodenunebenheiten gut verdauen, gilt das Gegenteil.

Pierre Gasly mit seinem Red Bull Racing-Honda im ersten Training eine halbe Sekunde vor dem Rest der Welt, natürlich entsprach das nicht dem echten Kräfteverhältnis. Zaghafte Dauerläufe im ersten Training hatten eher den Eindruck aufgedrängt – Mercedes-Benz findet in Silverstone zu alter Stärke zurück, Ferrari und RBR rangeln sich um den Platz dahinter. Die zweiten 90 Trainingsminuten sollten einen besseren Eindruck verschaffen.

Noch immer viele Wolken in der Gegen um die britische Traditionsbahn, die Regenwahrscheinlichkeit bei immerhin 20 Prozent. Ex-GP-Pilot Paul di Resta: «Bei einigen Fahrzeugen war der Reifenverschleiss am Morgen sehr gross. Das wird jedoch normaler, sobald die ganzen Rennwagen im Laufe des Wochenendes mehr Gummi auf die Bahn bringen. Klar ist der Vorsprung von Gasly nicht repräsentativ, aber die gute Strassenlage der Red Bull Racing-Renner ist offensichtlich, und der neue Frontflügel scheint den Wagen schneller und länger in den besten Nutzbereich der Reifen zu bringen.»

Max Verstappen: «Der neue Asphalt bietet mehr Haftung, wir wurden zum Schluss des ersten Trainings konstant schneller, vor allem im letzten Teil der ersten 90 Minuten. Mehr Sorgen als der Belag macht mir der auffrischende Wind.» Der Wind war nicht kraftvoller als am Morgen, sondern böiger.

Nach seinem Motorschaden wieder auf der Bahn: Alfa Romeo-Sauber Kimi Räikkönen. Bei McLaren fuhr Lando Norris erneut mit dem neuen Boden sowie den neuen Luftleit-Elementen, die jüngsten Verbesserungen werden am Samstag auch am Auto von Carlos Sainz stecken. Eine Verbesserung ganz anderer Art bei Toro-Rosso-Fahrer Daniil Kvyat: Er hatte sich am Donnerstag über einen grummeligen Magen beklagt, zum Glück geht es dem Russen heute besser.

Wieder ein Ausrutscher am Ende der Wellington-Geraden: Dieses Mal traf es Toro-Rosso-Pilot Alex Albon. Wie bei Piloten zuvor war das Heck des Autos nach dem Scheitelpunkt ausgebrochen.

Verblüffend: Eine Asphalttemperatur von 38 Grad bei nur 21 Grad Lufttemperatur, das liegt daran, dass der neue Asphalt sehr dunkel ist. Es wäre spannend herauszufinden, wie warm dieser Belag wäre, hätten wir hier Temperaturen wie vor knapp zwei Wochen in Österreich.

Der nächste Mann neben der Bahn: Ferrari-Star Sebastian Vettel. Dann kreiselte Robert Kubica am Eingang zu Start und Ziel, abgesehen vom Stolz wurde nichts beschädigt. Auf mittelharten Reifen setzte Mercedes-Fahrer Valtteri Bottas eine neue Duftmarke, 1:27,031 min, gute vier Zehntelsekunden schneller als die GP-Renner im zweiten freien Silverstone-Training vor einem Jahr.

Auch Lewis Hamilton wurde von einer Bö auf dem falschen Rad erwischt, als er sich darangemacht hatte, die Bestzeit von Bottas zu knacken. Neues am Renault von Daniel Ricciardo: Er schleppte an einem seitlichen Luftleit-Element ein Stück Plastiktüte mit.

Ferrari-Fahrer Charles Leclerc beklagte sich über einen zerschlissenen linken Vorderreifen und kam an die Box zurück. Paul di Resta: «Durchaus denkbar, dass der neue Asphalt bewirkt, dass der Reifen an jener Ecke schneller abbaut als zuvor, weil die Walze links vorne mehr belastet wird.»

Bottas hatte sich inzwischen auf 1:26,781 min verbessert. Zum Vergleich: Lewis Hamilton stellte vor einem Jahr seinen Silberpfeil mit 1:25,892 min auf die Pole-Position. Dann legte der fünffache Champion nach: 1:26,801 min.

Formel-1-Weltmeister Jenson Button ist ebenfalls in Silverstone: «Die vielen Dreher gehen mehr auf den Wind zurück als auf den neuen Asphalt. Der Wind war hier schon immer tückisch. Ich bin hier am Donnerstag mit meinem 2009er BrawnGP-Renner gefahren, der neue Belag ist sehr gleichmässig. Das erzeugt bei den Fahrern der trügerische Eindruck, sie würden mehr Grip erhalten. Umso mehr wirst du in solch einer Situation von einer Bö überrumpelt.»

Hamilton, mit Union Jack an der Oberseite seines Helms, nahm einen frischen Anlauf, knöpfte Bottas im ersten Sektor Zeit ab, geriet dann aber erneut von der Bahn. Der Champion brach den Versuch ab. Das tat auch Österreich-Sieger Max Verstappen, der Niederländer bliebt im dichten englischen Verkehr hängen und liess wieder die mittelharten Reifen aufziehen, um sich Dauerläufen zu widmen.

Wie am Morgen konnte sich Bottas mit den weichsten Walzen nur geringfügig verbessern, zudem war der Finne in Becketts neben die Bahn geraten, kurz darauf tat Nico Hülkenberg das Gleiche.

George Russell wurde von einem Getriebeproblem an die Box verbannt, währenddessen rückte Robert Kubica mit den jüngsten Aero-Verbesserungen aus, die linke Seite seines Renners üppig mit FloViz-Paste eingeschmiert.

Zum Schluss war Valtteri Bottas eine Weile nicht auf der Bahn zu sehen: Eine Zündkerze an seinem Motor musste gewechselt worden. Daniel Ricciardo kam nicht mal mehr zur Box zurück: Der Renault des Australiers rollte auf der Hangar-Geraden aus, als er auf der weichsten Mischung unterwegs war. «Das Auto hat einfach abgestellt», stellte Daniel verblüfft fest. Eine Wiederholung liess hören, wie der Motor in der Maggotts-Becketts-Passage einfach abstellte. Jenson Button: «Sehr merkwürdig.»

Zum Schluss erprobte auch noch Charles Leclerc seinen Ferrari auf Rasenmäher-Qualitäten. 

Eindrücke aus den Dauerläufen: Hamilton schneller als Bottas, Red Bull Racing-Honda schneller als Ferrari. Die Reihenfolge Bottas, Hamilton, Leclerc, Vettel, Gasly, Norris und Verstappen ist also mit Vorsicht zu geniessen.


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